Modellrechnung zu Rx-Boni

Das Zukunftsszenario der EU-Versandapotheken

Berlin - 17.03.2017, 07:00 Uhr

So rechnen die EU-Versender: Die EU-Versandapotheken legen dem BMG drei Rechenbeispiele vor, die belegen sollen, dass die Apotheken in Deutschland nicht gefährdet werden.

So rechnen die EU-Versender: Die EU-Versandapotheken legen dem BMG drei Rechenbeispiele vor, die belegen sollen, dass die Apotheken in Deutschland nicht gefährdet werden.


In der Debatte um das vom Bundesgesundheitsministerium geplante Rx-Versandverbot haben die europäischen Versandapotheken erstmals eine konkrete Modellrechnung vorgelegt. Damit wollen die EU-Versender beweisen, dass die Apothekenstruktur in Deutschland durch DocMorris und Co. nicht gefährdet wird.

Der Verband der europäischen Versandapotheken (EAMSP) hat dem Bundesgesundheitsministerium am vergangenen Mittwoch seine Stellungnahme zum Rx-Versandverbot vorgelegt. Darin widersprechen die Versandapotheken den Plänen von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vehement. Das Verbot sei europarechts- und verfassungswidrig. Die Kernthese der EU-Versender ist jedoch, dass der Marktanteil der EU-Versender schlichtweg zu klein sei, um Apotheken vor Ort hierzulande in den Ruin zu treiben.

Wie sich eine teilweise Öffnung der Preisbindung auf die Apothekenstruktur auswirken würde und ob die Apotheken vor Ort in diesem Falle mit wirtschaftlichen Einbußen rechnen müssten, war auch Thema bei beiden Fachgesprächen im Bundestag, zu denen die Fraktionsvizes Karl Lauterbach (SPD) und Georg Nüßlein (CSU) eingeladen hatten. Bislang haben jedoch weder die Apotheker noch die Versandapotheker ein verlässliches Zukunftsszenario vorgelegt. Zumindest die EU-Versandapotheker wollten dies nun ändern und haben dem BMG mit Bezug auf Zahlen der ABDA gleich drei solcher Szenarien vorgelegt. In den drei Rechenbeispielen wächst der Marktanteil der EU-Versender unterschiedlich schnell. In allen drei Beispielen geht der Versender-Verband davon aus, dass der Rx-Markt insgesamt um 3 Prozent pro Jahr ansteigt.

(EAMSP)

Im ersten Rechenbeispiel geht der EAMSP von einer „Bonusrange“ zwischen 2,50 Euro und 5 Euro und einer „historischen“ Wachstumsgeschwindigkeit der EU-Versender aus. „Historisch“ bedeutet in diesem Fall, dass sich die Rx-Umsätze der EU-Versender so weiterentwickeln wie in den vergangenen Jahren, also pro Versandapotheke um etwa 10 Prozent. Ausgangspunkt ist ein Marktanteil der EU-Versender am Rx-Markt von etwa 400 Millionen Euro, was in etwa einem Prozent entspricht. In diesem historischen Szenario würden DocMorris und Co. ihren Marktanteil bis 2026 auf 1,9 Prozent erhöhen können. Laut EAMSP würde jedoch auch die durchschnittliche Apotheke vor Ort in diesem zehnjährigen Zeitraum ein Rx-Umsatzwachstum hinlegen – von 2,9 Prozent.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Konferenz gibt Einblick in OTC-Strategie von Herstellern, Versendern und Kooperationen

„Klassentreffen der Pharmabranche“

Kritische Betrachtung des Versandhandels mit Arzneimitteln

Versand kostet jede Apotheke 20.000 Euro

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Ein Versandverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel ist wettbewerbsökonomisch und gesundheitspolitisch begründet

Gute Gründe

Übersicht über die Stellungnahmen

Wer ist für das Rx-Versandverbot, wer dagegen?

Interview Klaus Gritschneder (Europa Apotheek Venlo)

„Wenn das Verbot kommt, ist für uns Schicht im Schacht“

7 Kommentare

Schön rechnen ....

von Dr. Markus Junker am 18.03.2017 um 9:44 Uhr

..kann man ziemlich viel. Die Versandhändler tun dies mit ihrer "historischen Entwicklung". Der Rx-Versand wird aber aller Wahrscheinlichkeit mehr als die angenommenen 1% zunehmen, weil die Verteilung von Geld noch immer gewirkt hat.
Zumindest zeitweise, bis man herausfindet, daß das über die Boni verteilte Geld eigentlich der Allgemeinheit zusteht, also ein Leck der Krankenkassen ist.
Solange werden Scheindebatten losgetreten, der SPD-Vorschlag über ein inländisches RX-Boni-Verbot zeigt das. Als wenn das Bestand hätte, wo doch gerade der EuGH genau anders entschieden hat. Das postfaktische Zeitalter läßt grüßen.
Die Handlungsfähigkeit deutscher Politik ist wieder gefragt, aber da ducken sich einige Politiker weg. Solange die Systeme in der EU nicht angeglichen sind, darf man auf nationaler Ebene entscheiden. Das erlaubt das EU-Recht auch. Nur so ist erklärbar, daß der Rx-Versand in den meisten europäischen Ländern nicht erlaubt ist.
Solange dies RX-Versandverbot in weiten Teilen Europas gilt, kann es auch in Deutschland gelten. Warum sollte man dies in Zweifel ziehen? Das frage ich mich.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Mal angenommen...

von Barbara Buschow am 17.03.2017 um 12:35 Uhr

Nur mal angenommen - rein hypothetisch - deutsche Vor-Ort - Apotheken würden Boni in exakt der gleichen Höhe anbieten, wie die ausländischen Versender ...
Dann wäre erstens deren gerichtlich erstrittener "Wettbewerbsvorteil" nicht mehr vorhanden und zweitens würde kein Kunde einen Vorteil mehr sehen, seine Medis im Versandhandel zu bestellen.
An diesem Gedankenspiel kann man sofort erkennen, wie scheinheilig und verlogen diese ganzen Argumentationsketten sind.
SPD Politiker, Krankenkassen und Versender verstricken und seit Monaten in eine Scheindiskussion.
Es geht den ersten beiden doch einzig und allein darum, die Marge im Apothekenwesen weiter kräftig zu drücken und das ist nur möglich, wenn der Versandhandel, der dann auf Grund günstigerer Kostenstruktur noch Gewinne machen kann, einspringt.
Nur so ist zu verstehen, warum kein einziges unserer guten und vernünftigen Argumente bei SPD und Krankenkassen verfängt.


» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Rx-Versandverbot; Marktanteile; Ertragsminderung

von Franz Sedlmayr am 17.03.2017 um 10:41 Uhr

"Im ersten Rechenbeispiel geht der EAMSP von einer „Bonusrange“ zwischen 2,50 Euro und 5 Euro...."

Dieser Bonus steht wahrscheinlich nicht dem Patienten zu, sondern der Krankenkasse . ( GKV = Sachleistungsprinzip; PKV = Kostenerstattung).
Bei vielen Hundertmillionen abgegebenen Rx-Packungen pro Jahr sehen die Krankenversicherungen hier sicher ein enormes Einsparpotenzial.
Dies würde eine neue, unbekannte Dynamik in die Preisregelung und Nachfrageverteilung des Arzneimittelmarktes bringen.
Dass die öffentlichen Apotheken einen Ertragsverlust in dieser Größenordnung verkraften können, kann ich mir nicht vorstellen.
Die zukünftigen Marktanteile sind daher nicht vorhersehbar und soweit diese hier "prognostiziert" werden, dient dies nur der Ablenkung und Verschleierung.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Das Papier nicht wert...

von Rolf Lachenmaier am 17.03.2017 um 10:41 Uhr

... auf dem es gedruckt wurde (wie undigital!). Erschreckend, wie der EAMSP argumentieren möchte.
Da werden lediglich die möglichen Auswirkungen der EU-Versender "berechnet" - wer verbirgt sich denn hinter den großspurig benannten EU-Versendern? Der europäische Versand NACH Deutschland ist lediglich aus Tschechien, Schweden, GB und Holland. Wobei NUR der letztere überhaupt relevant ist. Ohne mögliche Auswirkungen durch die inländischen Versender machen alle drei genannten Szenarien KEINEN Sinn und ist nicht mehr als Propaganda - aber da sind ja EAMSP und BVDVA richtig groß...

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

"Fehlende Szenarien der Apotheken"

von Wolfgang Müller am 17.03.2017 um 10:30 Uhr

Freunde in der Politik, den GKVen und auch in unseren eigenen Organisationen: Die "bisher nicht vorliegenden Szenarien der Apotheken" für den Fall des gnadenlosen Wettkampfs mit Rx-Boni bis hin sogar zu "Provisionen" für die Einreichung zuzahlungsbefreiter Rezepte sind in Wirklichkeit ganz einfach:

Szenario 1, Worst Case für die Präsenz-Apotheken:
Die Versandapotheken dürfen unbegrenzte Boni geben und behalten trotzdem alle Vorteile, die Sie im Moment haben (Beratung nur auf Nachfrage, keine BTMs, keine Chemikalien, keine Rezepturen, kein Labor, keine Beschränkungen beim Einkauf, extrem günstigere Personalstruktur, daher auch eigene kleine Fachabteilungen wie "Personal und Controlling" für alles was bei uns nebenher läuft oder als Dienstleistung teuer eingekauft wird) usw. usf.
Wir Präsenzapotheken behalten als Spiegelung dessen alle gegenwärtigen NACHTEILE = verpflichtenden und einschränkenden Regulatorien.

Szenario 2, Best Case für die Präsenz-Apotheken:
Boni bleiben erlaubt, aber bestmöglich begrenzt; Patienten-Provisionen auf Zuzahlungsfreies werden aber verboten. Auch für die Präsenz-Apotheken fallen alle Schranken; alles, was die Versandapotheke nicht machen muss, müssen wir auch nicht mehr machen. Angefangen bei der Beratung ("Nur auf ausdrückliche, AKTIVE Nachfrage des Kunden") bis hin zur Rezeptur. Sämtliche Einkaufsbeschränkungen fallen. Selektivverträge der GKVen, die die freie Apothekenwahl der Patienten einschränken würden, bleiben trotzdem verboten.
Rezepturen und Notdienst werden so gut honoriert, dass sich genug Freiwillige finden, das zu machen, auch für die Anderen, die es weiter nicht wollen.

Folgen der Szenarien:

Szenario 1 ("Harte Landung") führt dazu, das binnen 10 Jahren nur ein kleiner Bruchteil der jetzigen Apotheken überlebt, und die Sterbephase der Anderen wird jämmerlich elend werden. Bestimmt bleiben vor Allem ein paar riesige Ärztehaus-Apotheken und besonders attraktive Center-Objekte übrig. Am Besten in eigener Immobilie, am Besten der Ehe- oder sonstige Partner hat ein Millionen-Einkommen, damit es auf die Apotheke nicht so ankommt, und man es viele Jahre beim Preiskampf so richtig krachen lassen kann. Bleiben 3000 übrig? Oder sogar ein bisschen mehr? Wer weiß. Aber alle deutlich "besseren" Schätzungen der Versand-Apotheken sind opportunistische Augenwischerei, die beim Gegenüber offensichtlich große Dämlichkeit voraussetzt.

Szenario 2 ("Sanfte Landung") erhält vielleicht 8.000 - 13.000 Apotheken am Leben, je nach Möglichkeit der Boni-Begrenzung. Für die übriggebliebenen macht das Arbeiten weiter Spaß, auf andere Art und Weise, es wird nicht jedermanns Sache sein. Manchen wird es sogar mehr Spaß machen, aber für die Unglücklicheren 7.000 - 12.000 wird der Sterbevorgang genauso jämmerlich elend sein wie in Szenario 1.

Für beide Szenarien wird die Flächendeckung auf andere Art und Weise als bisher aufrecht erhalten werden müssen, vielleicht sogar wirklich mit Subventionen für bestimmte Standorte. Bei Szenario 1 ist hierfür die Einführung des Fremdbesitzes und der Ketten praktisch unausweichlich, und Apotheken werden im Wesentlichen zu Drogeriemärkten werden müssen.

Liebe SPD, liebe Grünen: Versuchen wir doch wenigstens, den Einstieg in diesen Mist mit dem Rx-Versandverbot zu verhindern.

Andererseits: Was bei Martin Schulz sehr konkret anklang, nämlich dass das EuGH-Urteil de facto SOWIESO UNZULÄSSIG war, ist natürlich interessant. Wenn Ihr also einen Weg findet, es wegen grober Anmaßung und Unverschämtheit doch noch zu revidieren - noch besser. Bisher hat das noch keiner konkret vorgeschlagen. Wie könnte das denn gehen?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: PS zu "Fehlende Szenarien der Apotheken"

von Wolfgang Müller am 17.03.2017 um 11:28 Uhr

P. S.: Hatte bereits eine telefonische Nachfrage, wegen all der Schrecklichkeiten! NATÜRLICH gehen die von mir geschilderten Szenarien davon aus, dass mit geringer zeitlicher Verzögerung ALLE Apotheken untereinander in gnadenlosen Boni-Wettbewerb treten müssten. Inländisch wie ausländisch. alles andere ist doch vollkommen unrealistisch!

Kurz & bündig, aber ...

von Christian Timme am 17.03.2017 um 10:00 Uhr

Im ersten und letzten Absatz liegt "der Hase im Pfeffer". Wer erstellt bitte mal eine "Alterspyramide" für Apotheken, nur so mal für den Anfang ...

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.