Apotheker-Versorgungswerk

Neue Berechnungsmethode in Nordrhein beschlossen

Neuss - 09.03.2017, 09:00 Uhr

„Wir wollen nicht zocken“, betont der Geschäftsführer des Versorgungswerks der Apothekerkammer Nordrhein, Jens Hennes. (Foto: A. Müller/ Apothekerkammer Nordrhein.)

„Wir wollen nicht zocken“, betont der Geschäftsführer des Versorgungswerks der Apothekerkammer Nordrhein, Jens Hennes. (Foto: A. Müller/ Apothekerkammer Nordrhein.)


Nach langer Diskussion haben die Delegierten der Apothekerkammer Nordrhein am gestrigen Mittwoch tiefgreifende Änderungen an der Satzung ihres Versorgungswerks beschlossen. Damit reagieren sie auf das langanhaltend tiefe Zinsniveau auf den Kapitalmärkten.

Das Versorgungswerk der Apothekerkammer Nordrhein (VANR) hat eine neue Rentenberechnungsmethode. Eine Sonder-Delegiertenversammlung hat am gestrigen Mittwochabend beschlossen, das bisherige geschlossene Kapitaldeckungsverfahren in ein modifiziertes offenes Deckungsplanverfahren zu überführen. Außerdem wird das allgemeine Renteneintrittsalter auf 67 Jahre erhöht, was die Abschaffung des „Renten-Turbos“ bedeutet. Bei diesem Verfahren wurden bisher zwischen dem 65. und dem 67. Lebensjahr die Renten nicht ausbezahlt, sondern zusätzlich zu den eingezahlten Beiträgen einbehalten, was die Anwartschaft erhöhte. 

Bei dem nun beschlossenen modifizierten offenen Deckungsverfahren stehen nicht mehr 100 Prozent der einbezahlten Beiträge für Rentenzahlungen zur Verfügung. Ein kleiner Teil der Beiträge wird dazu verwendet, langfristig rentablere, aber riskantere Anlageformen abzusichern. Nur dadurch sei es möglich, die heutige Quote von 20 Prozent risikobehafteter Anlagen zu erhalten, erläuterte VANR-Geschäftsführer Jens Hennes. Diese sei notwendig, um auskömmliche Zinsen erwirtschaften zu können. Noch profitiere das Versorgungswerk von lang laufenden Anleihen, die nach heutigem Maßstab hoch verzinst sind. Heute erziele man mit solchen risikoarmen Anlagen allerdings fast keine Zinsen mehr, manche Anleihen hätten bereits einen Negativzins, so Hennes. Mehrfach verwiesen die Vertreter des VANR darauf, dass die allermeisten der 88 deutschen Versorgungswerke das offene Deckungsplanverfahren bereits anwenden.

Jüngere profitieren, Ältere haben Einbußen

Alle Änderungen betreffen nur die Zukunft, alle bisher einbezahlten Beiträge werden weiterhin nach den bisher geltenden Regeln behandelt. Für die sogenannten Renten-nahen Jahrgänge gelten außerdem Übergangsregeln. Diese sind notwendig, weil ältere Jahrgänge durch die neuen Regelungen Abstriche in Kauf nehmen müssen. Da die jüngeren Mitglieder bei der Absenkung des Rechnungszinses von 4 auf 2,5 Prozent 2014 bis zu 40 Prozent ihrer Anwartschaften verloren hätten, sei es vertretbar, dass diese von der jetzigen Änderung eher profitieren, während ältere Mitglieder Einbußen in Kauf nehmen müssen, erläuterte Hennes‘ Geschäftsführer-Kollege Stephan Janko. 

Intensive Diskussion

Der Abstimmung war eine lange und intensiv geführte Diskussion in der stark von Fraktionen geprägten Delegiertenversammlung vorausgegangen. Geschäftsführung und Vorstand des Versorgungswerks bezeichneten die Satzungsänderung als alternativlos, die „Oppositionsfraktionen“ fühlten sich nur unzureichend über die bevorstehenden Änderungen informiert. Diesen Vorwurf wiesen Versorgungswerk sowie Kammervorstand zurück, es habe mehrere Informationsveranstaltungen für die Delegierten gegeben. Auch das Argument, mit einer Aufweichung der Kapitaldeckung werde das VANR der gesetzlichen Rentenversicherung ähnlicher, was politischen Aktivitäten gegen die Versorgungswerke der Freien Berufe in die Hand spiele, wies die Vorstandsvorsitzende Dr. Claudia Vogt zurück: „Das Wichtigste für den Erhalt des Systems der Versorgungswerke sind gesunde und stabile Versorgungswerke.“

Eine Verschiebung der Abstimmung auf die nächste ordentliche Delegiertenversammlung im Juni lehnte die Mehrheit der Delegierten ab, am Ende der gut siebenstündigen Versammlung stimmten 76 der anwesenden 102 Delegierten der Satzungsänderung zu. 

Erstmal keine Änderungen in Hessen

Beim Versorgungswerk der Apothekerkammer Hessen hingegen will man erst mal nicht aktiv werden. Das erklärte der Vorsitzende des Leitenden Ausschusses, Dr. Reinhard Hoferichter, auf der Delegiertenversammlung, die ebenfalls am gestrigen Mittwoch stattfand. Man werde alle Optionen, mit den Niedrigzinsen umzugehen, prüfen und frühestens 2018/2019 handeln, 2017 werde es definitiv keinen Beschluss geben, so Hoferichter.  


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3 Kommentare

Abstimmung

von Veit Eck am 09.03.2017 um 12:10 Uhr

Die Fraktionen Schweigende M. und Handeln schafft Zukunft sind nicht in der Regierungskoalition von Präsident Engelen.

Wir wurden erstmalig am 08. Februar 2017 von der beabsichtigten Satzungsänderungen informiert und hatten genau einem Monat Zeit die sehr komplexe Materie zu verstehen. Den dringenden Handlungsbedarf haben wir so nicht gesehen und ein Antrag auf eine Abstimmung zu einem späteren Zeitpunkt wurde abgelehnt. So passierte, was kommen musste: Alle Fraktionen, die den Präsidenten tragen, sorgten für eine ausreichende Mehrheit.

Nur...
Wie denkt das einfache Mitglied in VANR, das nun erfahren muss, das quasi über Nacht seine Rentenberechnungs-formel abgeändert wurde. Informationsveranstaltungen soll es wohl demnächst geben, aber es eben schon alles in trockenen Tüchern.

Als Mitglied der Kammerversammlung verstehe ich meinen Wählerauftrag doch etwas anders: fair wäre es gewesen, zuerst die Mitglieder im VANR zu informieren und auch mitzunehmen. Das hätte etwas gedauert und die möglichen finanzielle Auswirkungen für das VANR bei der Anlage von sog. Risikokapital wären überschaubar gewesen.

Übrigens: in 2018 wird die Kammerversammlung neu gewählt - Vergessen ist das alles nicht.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

"Alternativlos", nein Danke

von Carsten Moser am 09.03.2017 um 10:13 Uhr

Immer wenn ich das Wort "alternativlos" höre, möchte ich laut werden. Selbst in diesem kurzen Artikel (der im übrigen bestens zu der absolut mangelhaften Informationspolitik des Versorgungswerks gegenüber seinen Beitragszahlern passt) wird erwähnt, dass es Alternativen geben kann und gibt.

Hinzu kommt, dass eine solche Änderung - einen Tag vor Ankündigung von Veränderungen bei der Zinspolitik und dem Kauf von Anleihen durch die EZB - so wirkt, als wolle man es unbedingt noch durchpeitschen, solange man überhaupt noch Argument hat. Dass man auf einen - durchaus möglichen - Aufschub verzichtet hat, macht das nicht gerade besser.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: "Alternativlos", nein Danke

von Thesing-Bleck am 09.03.2017 um 11:34 Uhr

Für eine Verschiebung der Entscheidung bis nach den Wahlen sprach aus meiner Sicht auch das „Argument, mit einer Aufweichung der Kapitaldeckung werde das VANR der gesetzlichen Rentenversicherung ähnlicher, was politischen Aktivitäten gegen die Versorgungswerke der Freien Berufe in die Hand spiele“. Die Vorstandsvorsitzende Dr. Claudia Vogt wies das zurück: „Das Wichtigste für den Erhalt des Systems der Versorgungswerke sind gesunde und stabile Versorgungswerke.“ erklärte sie. Die Frage, ob nicht gerade „gesunde und stabile Versorgungswerke“ politische Begehrlichkeiten wecken, diese als Ganzes “unter das Dach der deutschen Rentenversicherung zu führen“, wurde in der Kammerversammlung nicht aufgeworfen. Wie hoch das Risiko ist, dass durch diese Frage hinterfragt wird, kann meiner Meinung nach erst dann abgeschätzt werden, wenn nach den Wahlen die neuen politischen Mehrheiten im Bundestag klar sind.

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