Studie aus Großbritannien

Haben Versandapotheken eine Mitschuld an Antibiotika-Resistenzen?

Berlin - 23.02.2017, 17:45 Uhr

Einfach bestellen: Eine Studie aus Großbritannien zeigt, dass Antibiotika sehr leicht im Internet über Versandapotheken bestellt werden können, oft auch ohne Rezept. (Foto: Bilderbox)

Einfach bestellen: Eine Studie aus Großbritannien zeigt, dass Antibiotika sehr leicht im Internet über Versandapotheken bestellt werden können, oft auch ohne Rezept. (Foto: Bilderbox)


In Deutschland wird derzeit viel über Sicherheit, Nutzen und Regulierung des Arzneimittel-Versandhandels diskutiert. Aber auch in Großbritannien scheint das Thema relevant zu sein: Forscher des Imperial College London haben untersucht, inwiefern Online-Apotheken einen Einfluss auf Antibiotika-Resistenzen haben können. Die Ergebnisse sind teilweise erschreckend.

In Großbritannien dürfte eine Studie des Imperial College London die Diskussion um die Sicherheit des Arzneimittel-Versandhandels befeuern. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, inwiefern sich die Antibiotika-Strategie des britischen Gesundheitsdienstes (NHS) auf das Konsumverhalten der Bürger auswirkt. Seit Jahren sind Ärzte in Großbritannien angehalten, weniger Antibiotika kontrollierter zu verordnen. Das Nationale Gesundheitsinstitut (NICE) hat außerdem Richtlinien dazu erstellt, in welchen Fällen welche Antibiotika verordnet werden sollten. Ziel des Imperial College London war es herauszufinden, ob die Verbraucher vor dem Hintergrund sinkender Verordnungszahlen auf (illegale) Online-Kanäle ausweichen, um sich dort Antibiotika zu verschaffen. Dabei analysierten die Forscher auch, wie es um die Beratungsqualität der Internetapotheken bestellt ist und ob die Anbieter legal agieren.

Das Vorgehen der Wissenschaftler hätte einfacher nicht sein können: In den Internet-Suchmaschinen Google und Yahoo gaben sie mehrfach den Suchbegriff „Buy antibiotics online“ („Antibiotika online kaufen“) ein. Die ersten zehn Einträge beider Suchmaschinen wurden für die Analyse verwendet. Zunächst untersuchten die Forscher, ob eine gültige Apotheken-Registrierung bei der britischen Arzneimittelbehörde vorlag und ob die Anbieter das europäische Sicherheitslogo verwenden. Auch untersucht wurde, ob und inwiefern nach einem Rezept gefragt wird, ob die Auswahl des jeweiligen Wirkstoffes durch den Arzt erfolgte und ob die Online-Apotheke nach eventuellen, bekannten Medikations-Problemen fragte (Allergien, Schwangerschaft, etc.).

Erschreckend leicht, an Antibiotika zu kommen

Die Ergebnisse sind besorgniserregend: Von den 20 untersuchten Online-Apotheken waren nur fünf bei der Arzneimittelbehörde offiziell als Versandapotheke registriert. Zehn Anbieter machten keine Angaben zu ihrer Herkunft, drei Apotheken waren in Indien etabliert, zwei auf Zypern. Erschreckend ist auch, dass 45 Prozent der untersuchten Anbieter nie nach einem Rezept für die Antibiotika fragte. Bei den restlichen elf Internet-Versendern wurde nach einem Rezept gefragt, die Übermittlung der Verordnung war aber unterschiedlich geregelt (Post, Fax, E-Mail).

Bei 16 der 20 getesteten Apotheken kam heraus, dass die Konsumenten einen entscheidenden Einfluss auf die „Bestellung“ nehmen konnten, sich also zum Beispiel den Wirkstoff oder die Dosierung aussuchen konnten. Zwölf der untersuchten Versender fragten weder nach Allergien, Schwangerschaft oder Vorerkrankungen. Lediglich fünf Apotheken erkundigten sich nach all diesen Kriterien.

Dementsprechend negativ fällt auch die Schlussfolgerung der Wissenschaftler aus: „Die Verfügbarkeit von Antibiotika im Internet, oder vielmehr von Produkten, die unter diesem Namen verkauft werden, stellt ein erhebliches Risiko für die Patientensicherheit und die nationalen Unternehmungen zur kontrollierten Antibiotika-Verordnung dar.“ Die Hochschule fordert daher insbesondere die Ärzteschaft und die Politik auf, die Vorsichts- und Kommunikationsmaßnahmen in diesem Bereich zu erhöhen.


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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4 Kommentare

Definiere "Apotheke"

von Eva Ranke am 28.02.2017 um 11:05 Uhr

Die Websites, über die man Rx ohne Rezept beziehen kann, sind keine Apotheken, also auch keine Versandapotheken. Schon diese Wortwahl zeigt, wo es hier hingehen soll. Auch ein Verbot des RX-Versandhandels würde an diesem Schwarzmarkt nichts ändern. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass die Kunden dieser "Shops" nicht in der absolut überwiegenden Mehrheit ganz genau wüssten, dass der von ihnen gewählte Bezugsweg illegal ist?

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Antibiotikabezug

von Laura Steger am 27.02.2017 um 14:52 Uhr

Jeder kann illegal sich alles besorgen. Aber keine legale Versandapotheke versendet verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne Rezept!
Schuld an den Resistenzen ist die Pharmaindustrie und die Ärzte sowie Menschen die sich keine Gedanken machen. Eine Grippe kann nicht mit Antibiotika geheilt werden! Bei meinen letzten 3 Arztbesuchen bekam ich Antibiotika verordnet obwohl mir ein Amtsarzt bestätigt hatte, dass es nichts bringt außer eine Umsatzsteigerung der Pharmaindustrie. Und die Schmiergelder laufen noch immer! Man sollte lieber gegen diese Machenschaften vorgehen, wo unsere Herren und Frauen Politiker und Politikerinnen im Vorstand und Aufsichtsrat sitzen. Ich bin stolz Mitglied bei den Mezis zu sein. Meinen Urlaub bezahle ich selbst. Ein Verwandter von mir, Allgemeinmediziner, nicht.

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Illegale Kanäle bekämpfen

von Uwe Schick am 24.02.2017 um 11:02 Uhr

Wie Sie schreiben sind die meisten der Kanäle illegal - ein Test dieser Kanäle scheint mir fragwürdig zu sein. Gibt es denn Zahlen, wie viele Engländer die illegalen Kanäle nicht erkennen?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Illegale Kanäle bekämpfen

von Ilona Weiß am 24.02.2017 um 13:49 Uhr

In den Kliniken wird gegen MRSA gekämpft und hier kann der Patient selbst entscheiden was und wieviel er nimmt....wer schickt diese Studie an Frau Zypries?

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