Interpharm 2017

HIV – wie pharmakologische Forschung das Gesicht einer Krankheit verändert

Bonn - 17.02.2017, 16:00 Uhr

(Bild: Ezume Images / Fotolia)

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Die gegenwärtig effiziente Pharmakotherapie einer HIV-Infektion ist ein Beispiel für eine Step-by-step-Entwicklung, ähnlich der Entwicklung der Virustatika gegen Hepatitis C, berichtet Prof. Dr. med. Thomas Herdegen: Nicht ein einzelner neuer Wirkstoff brachte den entscheidenden Durchbruch, sondern die Entwicklung und die Kombination mehrerer Virustatika. Den ganzen Vortrag hören Sie auf der INTERPHARM 2017 in Bonn.

Die medikamentöse Therapie der HIV-Infektion (human immunodeficiency virus) bzw. AIDS (acquired immune deficiency syndrome) ist ein großartiger Triumph der modernen Pharmakotherapie. Dies gilt unabhängig von Problemen der Verfügbarkeit oder der Durchführung von ethisch kritischen Studien.

Die gegenwärtig effiziente Pharmakotherapie ist auch ein Beispiel für eine allmähliche Step-by-step-Entwicklung, ähnlich der Entwicklung der Virustatika gegen Hepatitis C: Nicht ein einzelner neuer Wirkstoff brachte den entscheidenden Durchbruch, sondern die Entwicklung und die Kombination mehrerer Virustatika. Dabei gab es immer wieder Sprunginnovationen, die – symbolisch geschätzt – wieder 10 Prozent der Patienten „zurück ins Leben“ brachten.

Ähnlich der Hepatitis-C-Therapie betrug die Entwicklungszeit bis zur heutigen Therapieeffizienz ungefähr 30 Jahre: 1985 wurde Azidothymidin (AZT, syn. Zidovudin, ZDV), ein Inhibitor der nucleosidischen reversen Transkriptase (NRTI) als erstes HIV-Therapeutikum an 35 Patienten getestet.

Die Entwicklung neuer Virustatika erforderte zwingend auch eine intensive Erforschung der viralen Funktionalität, seiner Replikation und seiner Resistenzmechanismen. 1983, zwei Jahre nachdem AIDS als eine eigene Krankheitsentität anerkannt wurde, entdecken Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi das HI-Virus 1. 2008 erhalten sie dafür den Nobelpreis für Medizin, während der US-Amerikaner Roberto Gallo, der zeitgleich das HIV-1 beschrieb, leer ausgeht.

1985 wird auch das HI-Virus-2 entdeckt, wiederum von Luc Montagnier. 1987 wird AZT ohne Phase-III-Studie von der FDA zugelassen, 1989 darf das neue antiretrovirale Didanosin (ddi) noch vor der Zulassung vertrieben werden; die Jahrestherapiekosten betragen 10.000 US-Dollar. Die HIV-Therapie ist auch eine Geschichte von beschleunigten, improvisierten Zulassungen von exorbitant teuren Wirkstoffen (auch hier Parallelen zu den Hepatitis-C-Therapeutika).

Schon 1993 zeigt die europäische CONCORDE-Studie keinen (zusätzlichen) Nutzen von AZT mehr, die Ära der Kombinationstherapie beginnt und die Erprobung der ersten Impfstoffe durch Jonas E. Salk, dem Erfinder des Polio-Impfstoffes und Namensgeber des ­berühmten Salk-Institute in LaJolla (San Diego).

Das HAART-Schema (highly active antiretroviral therapy) bringt 1996 den Durchbruch, also bereits 15 Jahre nach der Erfassung der AIDS-Krankheit: Mindestens drei antiretrovirale Wirkstoffe aus mindestens zwei verschiedenen Wirkstoffklassen werden kombiniert. Sogleich wird die Hoffnung geäußert, dass bei frühem Therapiebeginn die Lebenserwartung der Infizierten sich wesentlich ­verlängern oder sogar normalisieren könnte.

Das erste Jahrzehnt nach dem Jahr 2000 sieht verschiedene Kombinationen und Neuentwicklungen wie Enfuvirtid, das jenseits der ­viralen Replikation das Verschmelzen des Virus mit der Wirtszellmembran verhindert, wie Integrase-Hemmstoffe oder CCR5-Inhibitoren bzw. gene editing mit Deletion im CCR5-Gen. 2012 wird eine Kombination zur Präexpositionsprophylaxe von gefährdeten Personen mit hohem Ansteckungsrisiko zugelassen. Und 2016 beginnt mit der Vermarktung einer Einzeltablette mit vier Wirkstoffen. Dagegen kommt die Forschung nach einem Impfstoff nicht voran. Erst 2015 belegt ein Einsatz von HIV-Antikörpern die effiziente Senkung der Viruslast, HIV-Entdecker Roberto Gallo testet einen neuen Impfstoff am Menschen.

Bestandsaufnahme und Ausblick 

Auf jeder Entwicklungsstufe wurde die Perspektive für die Infizierten besser. Heute leben ca. 35 Millionen Infizierte, die Zahl der jährlichen Neuinfektionen ist auf 2,5 Millionen „gesunken“, die jährlichen Todesfälle „sinken“ auf ca. 1,5 Millionen. Nun verfügen wir ­also über mehr als 30 Arzneimittel aus 25 Wirkstoffen aus sechs Klassen [siehe auch: Bruhn C. Für eine Welt ohne AIDS. „BIS 2030“: Traum oder realistisches Ziel? DAZ 2016;48:66], manche Präparate bestehen aus Zweier- und Dreierkombinationen, mit denen HIV-Infizierte heute ein weitgehend normales Leben leben können. Allerdings verführt der Erfolg der Pharmakotherapie immer wieder zu Sorglosigkeit mit erhöhter Ansteckungsgefahr.

Die Schutzimpfung bleibt das nächste große Ziel sowie die therapeutische Manipulation des Immunsystems, das in die Lage versetzt werden soll, eine HIV-Infektion selbst zu heilen.

Die moderne medizinisch-biologische Forschung hat beim Kampf gegen HIV gezeigt, was modernes wissenschaftliches Denken und High-Technologie und ihre translationale Umsetzung in eine Therapie alles erreichen kann. Viele Infizierte wurden und werden „im Leben gehalten“.

(Foto: Reimo Schaaf / DAZ)
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen

Interpharm-Vortrag

„HIV – wie pharmakologische Forschung das Gesicht einer Krankheit verändert“

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen, am Samstag, den 01. April 2017, auf der IINTERPHARM in Bonn.


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