Europa, Deine Apotheken – Italien

Die schleichende Deregulierung

Berlin - 27.12.2016, 10:30 Uhr

Der durchschnittliche Umsatz einer italienischen Apotheke beträgt etwa 1,19 Millionen Euro. (Foto: dpa)

Der durchschnittliche Umsatz einer italienischen Apotheke beträgt etwa 1,19 Millionen Euro. (Foto: dpa)


In einigen Ländern wurde das bisherige Apothekenwesen mit einem Gesetz von einem Tag auf den anderen „gekippt“, in anderen Ländern dauert dieser Prozess Jahrzehnte. Ein Beispiel für eine solche „schleichende“ Deregulierung ist Italien. Der Apothekenmarkt südlich der Alpen galt bis tief in die Neunzigerjahre als streng reguliert und konservativ. Nach zahlreichen „Liberalisierungsgesetzen“, Gerichtsverfahren und nicht zuletzt wegen des Drucks der großen Pharmahandelskonzerne wird sich Italien jedoch schon bald in die Liste der Länder eintragen, in denen es Apothekenketten gibt.

Ein striktes Fremd- und Mehrbesitzverbot, eine engmaschige Bedarfsplanung, keine Boni (auch nicht auf OTC-Präparate) sowie alle Arzneimittel nur aus der Apotheke – so sah der italienische Apothekenmarkt noch Anfang der Neunzigerjahre aus. Doch schon damals deuteten sich im Markt als auch in der Politik erste Tendenzen an, die das bewährte Apothekensystem in Frage stellten. Denn schon damals gab es in Europa erste internationale Zusammenschlüsse von Großhändlern, die zumeist von den großen Pharmahandelskonzernen gesteuert waren. In Italien schloss sich beispielsweise der von Stefano Pessina und seiner Lebensgefährtin Ornella Barra aufgebaute italienische Großhändler Alleanza Salute mit dem britischen Großhändler UniChem zusammen – es entstand Alliance UniChem, aus dem das Unternehmen Alliance Healthcare wurde, dann Alliance Boots. Heute heißt der Konzern bekannterweise Walgreens Boots Alliance und ist in 25 Ländern aktiv.

Italiens Apotheken in Zahlen:

  • In Italien gab es im vergangenen Jahr 18.201 Apotheken
  • In jeder Nacht haben etwa 1.500 Apotheken ihre Pforten während eines Notdienstes geöffnet
  • Zu den Dienstleistungen neben der Packungsabgabe in der Apotheke gehören: Wundkontrollen, Urintests, Ernährungsberatungen, Blutdruck-Screenings, Terminservice für Kliniken und Arztpraxen sowie Weiterleitung von Zuzahlungen an die regionale Krankenversicherung über Inkasso-Verfahren
  • 1,5 Millionen Italiener nehmen regelmäßig Präventionsmaßnahmen in einer Apotheker wahr
  • Mit einer Apotheke auf ca. 3.340 Einwohner liegt Italien bei der Apothekendichte im europäischen Mittelfeld
  • Mehr als 6.000 Apotheken profitieren von Extra-Zahlungen, weil sie als Landapotheken gelten.
  • In Italien arbeiten rund 50.000 Pharmazeuten in öffentlichen Apotheken, das sind im Schnitt 2,8 Pharmazeuten pro Apotheke
  • Der durchschnittliche Umsatz einer Apotheke beträgt etwa 1,19 Millionen Euro
  • Für die Packungsabgabe erhalten Apotheker eine prozentuale Marge, die je nach Höhe des Arzneimittelpreises zwischen 6 und 21,25 Prozent variiert. Ein Fixhonorar gibt es in Italien nicht.

Kommunale Apotheken werden privatisiert

1999 sorgte die italienische Politik dann für einen ersten Schritt in Richtung Deregulierung. Viele italienische Kommunen entschieden sich damals dazu, einen ganz besonderen Teil des italienischen Apothekenmarktes zu privatisieren: die „Farmacia communale“ (Gemeindeapotheke).

 Von diesen, von den Kommunen betriebenen Apotheken gab es damals mehr als 1.300, insbesondere in Mittel- und Norditalien. Die ersten Gemeindeapotheken wurden von den Städten und Kommunen bereits um das Jahr 900 gegründet, um die medizinische Versorgung der Armen zu sichern und die öffentliche Gesundheit zu stärken.

Nach den beiden Weltkriegen eröffneten die Kommunen immer mehr Apotheken, um die Versorgung eigenhändig zu stärken. Die Farmacie communali waren wie gemacht für eine Übernahme durch die zu dieser Zeit stark expandierenden Pharmahändler Celesio, Alliance UniChem und Phoenix: Schließlich hatten die Kommunen, um die Apotheken besser organisieren zu können, bereits selbst kettenähnliche Strukturen entwickelt: Es waren Zwischenfirmen gegründet worden, die die Geschäfte der Apotheken abwickelten. 1999 war es dann der Bürgermeister von Bologna, der dem finanziellen Lockruf des Stuttgarter Pharmahändlers Gehe nicht mehr widerstehen konnte. Gehe sicherte sich damals 36 Apotheken in und um die norditalienische Großstadt. Nur wenige Zeit später stieg auch Phoenix ins Geschäft mit den Gemeindeapotheken ein. Heute gibt es fast in jeder nord- und mittelitalienischen Stadt solche privatisierte Apotheken.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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