Wegen Diskriminierung

Versandapotheker bereiten mögliche Auswanderung vor

Stuttgart - 24.11.2016, 07:00 Uhr

Auch deutsche Versandapotheker wollen Rx-Boni anbieten – und deshalb teils ins Ausland umsiedeln. (Foto: BVDVA)

Auch deutsche Versandapotheker wollen Rx-Boni anbieten – und deshalb teils ins Ausland umsiedeln. (Foto: BVDVA)


Da das EuGH-Urteil zu Rx-Boni nur ausländischen Versandapotheken Rabatte erlaubt, erwägen deutsche Versender einen Standortwechsel. BVDVA-Chef Christian Buse hofft auf eine Freigabe der Boni auch in Deutschland – länger als ein halbes Jahr lasse sich die aktuelle Situation „nicht aushalten“. 

Während ABDA, Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und die Mehrzahl der Vor-Ort-Apotheker auf ein baldiges Rx-Versandverbot setzen, haben viele deutsche Versandapotheker andere Pläne. Denn das EuGH-Urteil erlaubt nur ausländischen Versendern wie DocMorris oder der Europa Apotheek, Rabatte auf rezeptpflichtige Arzneimittel zu gewähren – was für deutsche Anbieter verboten bleibt.

Während der Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) wie auch einige Bundespolitiker die Freigabe von Rx-Boni auch in Deutschland ins Spiel bringen, bereiten sich Versandapotheker offenbar auch auf einen Umzug vor. „Viele deutsche Versandapotheker sondieren bereits grenznahe Standorte in Holland und sprechen mit Maklern, um Immobilien zu erwerben“, erklärte BVDVA-Vorsitzender Christian Buse gegenüber der „WirtschaftsWoche“.

Versender hoffen auf Gesetzesänderung

Versandapotheken bliebe keine andere Wahl, erklärte er. „Unsere Kunden fragen bereits häufig nach den Boni“, betonte Buse – und fordert Gleichbehandlung. „Wir hoffen da auf den Gesetzgeber“, sagte Buse gegenüber dem Wirtschaftsmagazin. „Viel länger als ein halbes Jahr lässt sich die derzeitige Situation nicht aushalten.

Die Versandapotheke Aponeo hat offenbar schon konkrete Schritte unternommen. „Es gibt Pläne, unseren Sitz nach Holland zu verlagern“, bestätigte der kaufmännische Leiter Hartmut Deiwick gegenüber der „WirtschaftsWoche“. „In den grenznahen Regionen Hollands haben wir bereits einige Lagerhallen, in denen wir unsere Logistik unterbringen könnten, ins Visier genommen.“ Für die Angestellten hätte dieser Schritt deutliche Auswirkungen, wie Deiwick betont – denn „ein Großteil unserer 80 Mitarbeiter müsste dann umziehen.“

Anders als zuvor gegenüber DAZ.online erklärt, erwägt Deiwick nun offenbar keine rechtliche Schritte gegen die „Inländer-Diskriminierung“ mehr. „Natürlich könnten wir auch gegen das EuGH-Urteil klagen“, erklärte Deiwick nun. „Aber das ist zu zeitaufwändig und würde zwei bis drei Jahre dauern.“ Hinzu käme das finanzielle Risiko, das laut Deiwick auch andere Versandapotheker von diesem Schritt abhält.

Wettbewerb ist gut für Apotheken vor Ort

Gegen die Forderungen nach einem Rx-Versandverbot setzt sich der BVDVA naturgemäß vehement ein. Vor-Ort-Apotheker hätten bereits genug Einnahmemöglichkeiten, zitiert die Wirtschaftswoche Buse: Sie erhielten zusätzliche Entgelte für den Notdienst, die Anfertigung von Rezepturen und die Ausgabe von BtM-Arzneimitteln.

Auch in einer Pressemitteilung mit dem Titel „Arzneimittelversand: Vorteile für alle“ stieß der BVDVA ins selbe Horn, denn auch Vor-Ort-Apotheker würden vom EuGH-Urteil profitieren. „Apotheken erhalten mit einer freieren Preisgestaltung Anreize, sich in Regionen niederzulassen, in denen sie aufgrund geringer Konkurrenz bessere Margen erzielen können“, argumentiert der Verband. „So wirkt sich Wettbewerb – der in fast allen Branchen zugelassen ist – positiv auf die Apotheken vor Ort aus.“ Außerdem schaffe der 2013 eingeführte Nacht- und Notdienstfonds vielerorts einen „fairen Ausgleich“.


Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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5 Kommentare

Moderne Welten

von Karl Friedrich Müller am 24.11.2016 um 11:10 Uhr

wegen wirtschaftlicher Erwägungen ein ganzes System in die Luft jagen? Für ein wahrscheinlich kurzes Strohfeuer?
Sehr kurzsichtig.
Statt dafür zu kämpfen, dass auch für ausländische Versender das Rabattverbot durchgesetzt wird?
Ein Kaufmann sieht zu, dass er möglichst viel verdient. Leider wird das heute sehr einseitig gesehen. Man denkt, alles lässt sich über Masse steuern. Das führt zu Preisverfall, Lohnverfall, Verlust von Arbeitsplätzen, Altersarmut, Es fehlt dann das Geld in den Sozialkassen, Steuern sinken. In meinen Augen die völlig falsche Denke.
Statt sich zu freuen, dass es einen Bereich gibt, in dem man einigermaßen sicher ist, wird diese Bastion ZUM SCHADEN ALLER auch noch geschleift.
Im Gesundheitswesen hat "Wirtschaftlichkeit" im Sinn des Kapitalismus nichts verloren.
Die Leute bezahlen Beiträge und erhalten dafür eine Leistung. Kapitalistische Wirtschaftlichkeit schafft falsche Anreize, Fehl und Unterversorgung zum einen, Überversorgung zum anderen in lukrativen Bereichen.
Das ist nicht der Sinn!
Die Bevölkerung hat Anspruch auf eine wohnortnahe, sichere und qualifizierte Versorgung in allen Bereichen des Gesundheitswesens.
Ich sage es nochmals: Kapitalgesellschaften und andere Heuschrecken haben hier nichts verloren. Auch keine Kollegen, denen der schnelle Euro wichtiger ist als Berufsethik.
Wenn Lieferungen über Drohnen, in den Kofferraum als letzer Schrei dargestellt werden, kommt mir das kalte Grausen. Das widerspricht jedem Anspruch von Betreuung, Zuwendung, Beratung. Mal abgesehen von der Problematik der Lagerung.
Hier werden Dinge, die Notlösungen sind, als tolle Sache dargestellt. So ist die Welt heute. Mist soll großartig sei. Es bleibt aber Mist.

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AW: Zu Risiken und Nebenwirkungen moderner Welten.

von Christian Timme am 25.11.2016 um 5:16 Uhr

Seit 30 Jahren verfolge ich den Leidensweg der deutschen Apotheke. In diesen Jahren habe ich viele ApothekerInnen auch als Menschen kennen und schätzen lernen dürfen. Ihr Berufsstand ist neben den Ärzten eine immer wichtiger werdende Säule in unserem immer unpersönlicher werdenden und zerfallendem Gesundheitssystem. Das sagt mein Herz. - Doc Morris, der wilde Westen, EuGH-Urteile, unzählige Grußworte mit noch mehr Fingerzeigen, eine einsetzende Kreiselbewegung die immer stärker nach außen trägt, weg von ehemals selbstverständlichen und logischen Bezugspunkten, bis zur Ignoranz und vielem mehr. Das Steigerungspotential scheint keine Grenzen zu kennen. Wenn ich die Hinweise nach Globalisierung und disruptiver Innovation richtig deute, geht es jetzt nach unten. Das sagt mein Kopf. - Auf in die Zukunft, wohin?.

Judasse oder andersdenkende Kollegen?.

von Christian Timme am 24.11.2016 um 10:36 Uhr

Sorry. Unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das die einzig richtige Entscheidung für eine in D ansässige VA. Wer verzichtet schon auf diesen Doppeleffekt. Selbst U.S. freut sich immer noch, der "Spaltpilz" wirkt ...

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Argumentativer Schwachsinn, Bauernfängerei

von Karl Friedrich Müller am 24.11.2016 um 9:15 Uhr

" Vor-Ort-Apotheker hätten bereits genug Einnahmemöglichkeiten, zitiert die Wirtschaftswoche Buse: Sie erhielten zusätzliche Entgelte für den Notdienst, die Anfertigung von Rezepturen und die Ausgabe von BtM-Arzneimitteln."
Selten so einen Schwachsinn gelesen. Hier werden Tatsachen ignoriert, bzw. ins Gegenteil verkehrt.
Defizitäre Bereiche, auch nach der Anhebung der Vergütung, bleiben ein Bereich, bei dem wir drauflegen.
Alles Andere ist LÜGE. Überhaupt: "Zusätzlich" . Wir bekommen unsere Arbeit bezahlt. Unzureichend! Und wenn man keine Leistung anbietet, kann man nicht neidisch mit dem Finger drauf deuten, dass Andere sie bezahlt bekommen. Auch das so eine Schwachsinnsargumentation!
Umgekehrt könnte man argumentieren, dass die Versandapotheken sich mit OTC eine goldene Nase verdienen, also Rx gar nicht brauchen.
Viel dümmer und kurzsichtiger geht es nicht. Statt Energien und Kapital zu verschwenden, wäre es besser, sie mit den Niedergelassenen zu vereinen. Ignoriert man, was die Kassen für Vorstellungen haben? Wenn das Wirklichkeit wird, dann kommt auch das wirtschaftliche Aus für einige Versender.
Geht doch ins Ausland! Solche Kollegen brauchen wir hier nicht!

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Jammerer und Judasse

von Christian Redmann am 24.11.2016 um 8:49 Uhr

... wenn das Rx-Versandverbot nicht kommt, dann denke ich habe die dt. Versender wohl mit als die letzten einen Grund zu jammern.

Auch wir niedergelassenen ohne Versandhandel werden die Situation dann nicht länger als.... (füge dramatischen Zeitraum ein) aushalten.

Anstatt sich mit der ABDA zu solidarisieren - fallen uns diese BVDVA-Judasse auch noch innerdeutsch in den Rücken und sprechen von Auswanderung - super sag ich da.

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