Apotheken in Polen

Regierung will Kettenbildung eindämmen

Remagen - 23.11.2016, 11:00 Uhr

Polnische Apotheken profitieren von einem Programm, das Senioren mit kostenlosen Arzneimitteln versorgt. (Foto: dpa)

Polnische Apotheken profitieren von einem Programm, das Senioren mit kostenlosen Arzneimitteln versorgt. (Foto: dpa)


Für die polnischen Apotheken geht es aufwärts. Das Programm 75+, nach dem Senioren bestimmte Arzneimittel kostenfrei bekommen, soll ihnen in den nächsten drei Jahren Umsatzzuwächse in Höhe von fünf Prozent bescheren. Der Regierung sind allerdings die Ketten ein Dorn im Auge. Veränderungen stehen an.

Die polnischen Apotheken können im laufenden Jahr ordentlich zulegen und erwarten auch künftig Umsatzsteigerungen. Dies geht aus einem Marktbericht von Germany Trade and Invest (GTAI) hervor. Nach den bisherigen Zahlen dürften sich die Umsätze in 2016 auf 31,4 Milliarden Zloty (rund 7,3 Milliarden Euro) belaufen. Dies entspricht laut Marktforschungsunternehmen PharmaExpert, auf das GTAI sich beruft, einem Zuwachs um 5,1 Prozent gegenüber 2015. In den ersten drei Quartalen 2016 erhöhten sich die Umsätze der Apotheken sogar um 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

 1100 kostenfreie Präparate für Senioren

Ein besonderer Auftrieb für die Nachfrage wird durch das Programm 75+ erwartet. Hiernach erhalten Senioren über 75 Jahre seit dem 1. September 2016 bestimmte, häufig benötigte Medikamente und medizinische Hilfsmittel kostenfrei. Im September brachte der Nationale Gesundheitsfonds NFZ dafür schon 28,5 Millionen Zloty (6,5 Millionen Euro) auf. Die sogenannte Liste S mit den Arzneimitteln für Senioren enthält derzeit 68 Wirkstoffe beziehungsweise über 1100 Präparate. Sie soll alle zwei Monate aktualisiert werden. Die rund 1,9 Milliarden Zloty (431 Millionen Euo), die das Gesundheitsministerium in den nächsten drei Jahren in das Programm 75+ investieren will, werden den Apotheken nach der Prognose der Marktforschungsfirma PMR mit Wachstumsraten in einer Größenordnung von 5 Prozent zugutekommen. 

Nebensortiment soll eingeschränkt werden

Am dynamischsten entwickelten sich im bisherigen Jahresverlauf laut PharmaExpert die Umsätze mit der Selbstmedikation (+8,7 Prozent). Hier sind die Apotheken allerdings nicht die einzigen Nutznießer, denn rund 35.400 Geschäfte und Tankstellen haben ebenfalls eine Lizenz zum Vertrieb von OTC-Arzneimitteln. Nach dem Willen des polnischen Gesundheitsministeriums sollen sich die Pharmazeuten in Zukunft auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Deshalb soll das Nebensortiment mit Gesundheitsprodukten und Kosmetika per Gesetz eingeschränkt werden, heißt es in dem GATI-Bericht weiter. 

Immer weniger unabhängige Apotheken

Die Anzahl der Apotheken stieg im September 2016 laut PharmaExpert auf 14.883. Dies entspricht einem Zuwachs um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Hinsichtlich der Apothekenstruktur ist von einem „allmählichen Konsolidierungstrend“ die Rede. Im April 2016 waren nach Daten von PharmaExpert 62 Prozent der Offizinapotheken unabhängig (bis zu vier Filialen). Das sind 4,3 Prozent weniger als im April 2015. Kleine Ketten mit fünf bis 14 und große mit über 50 Filialen haben an Bedeutung gewonnen. Dies sollte nicht verwundern, denn nach dem GTAI-Bericht liegen die durchschnittlichen monatlichen Umsätze von Ketten-Apotheken mit 265.000 Zloty (60.000 Euro) bei Weitem über denen der unabhängigen Abgabestellen (154.000 Zloty bzw. 34.900 Euro). 

Lieber in der Kette

Das Gesundheitsministerium ist nun bestrebt, die Ausbreitung der Apothekenketten einzudämmen und mehr Apotheker zu Eigentümern zu machen. In absehbarer Zeit soll ein Konzept für eine umfassende Reform des Apothekenwesens vorgelegt werden. Nach dem Willen des Ministeriums sollen Gesellschaften, die Apotheken besitzen, zu mindestens 51 Prozent Pharmazeuten gehören. Ob das allerdings bei den Betroffenen gut ankommt, darf bezweifelt werden. Nach einer von dem Marktforschungsunternehmen TNS für den Verband PharmaNet durchgeführten Untersuchung sollen nur 12 Prozent der Apotheker Interesse daran haben, selbst Eigentümer zu werden. Der Preis einer Apotheke wurde dabei auf eine Million Zloty (227.000 Euro) veranschlagt. Mindestens die Hälfte davon müsste aus der eigenen Tasche kommen.


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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