Zahnersatz

Schöner ist nicht unbedingt besser

Düsseldorf - 22.11.2016, 16:25 Uhr

Wenn Zahnärzte zum Bohrer greifen, stehen sie – wie die Patienten – oft vor der Entscheidung: Möglichst schön – oder möglichst haltbar? (Foto: Walenga Stanislav)

Wenn Zahnärzte zum Bohrer greifen, stehen sie – wie die Patienten – oft vor der Entscheidung: Möglichst schön – oder möglichst haltbar? (Foto: Walenga Stanislav)


Patienten entscheiden sich oft für mehr als die Kassenleistung, obwohl Metall und Amalgam stabiler und haltbarer sind als zahnfarbene Varianten. Die Krankenkassen kritisieren, dass Zahnärzte die ästhetischen Ansprüche schüren, weil sie an Privatleistungen besser verdienen.

Die Kassenleistung hat einen schlechten Ruf. In der heute teilweise glitzernden Zahnarzt-Welt ist das Standardmodell nicht sexy. Amalgamfüllung, Metallkrone, herausnehmbare Prothese – will kaum einer, macht man nicht mehr. Ob Füllung, Krone oder Brücke: Patienten wollen es zahnfarben.

Doch ist wirklich immer der Wunsch des Patienten ausschlaggebend, wenn Komfort und Ästhetik im Mund wichtiger werden als Funktionalität und Haltbarkeit? Vermutlich nicht, rügte im Mai Christoph Straub, Chef der zweitgrößten Krankenkasse Barmer GEK. Bei der Vorstellung des Barmer Zahnreports sagte er, ein Grund könne auch „eine mangelnde Aufklärung“ durch den Zahnarzt sein.

Verstoßen Zahnmediziner gegen ihre Pflichten?

Mit dieser Kritik steht Straub nicht allein: Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen bemängelt auf Anfrage, die Kassenleistung werde „oftmals schlecht dargestellt, obwohl sie dem allgemeinen Stand der medizinischen Erkenntnisse entspricht“. Man erwarte daher, „dass Zahnärzte eher auf die Vorteile der Standardversorgung hinweisen“. Die ästhetischen Ansprüche, sagt Günther Gabe von der Koordinierungsstelle zahnmedizinische Versorgung im BKK Landesverband Nord-West, würden „teilweise von den Zahnärzten regelrecht geschürt“.

Das ist nicht erlaubt, weil Zahnärzte wie Ärzte laut Gesetz verpflichtet sind, Patienten umfassend aufzuklären, also auch über Risiken, Kosten und Alternativen. Doch Zahnärzte haben durchaus ein finanzielles Interesse daran, Patienten mehr anzubieten als die Standardversorgung, sagt Gregor Bornes, Sprecher der Patientenvertretung für Zahnärztliche Behandlung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Denn dann rechnen sie ganz oder teilweise nach der privaten Gebührenordnung ab. Damit, sagt Bornes, „vermischt sich untrennbar die Motivation des Zahnarztes, eine gute Versorgung anzubieten, mit seinen eigenen finanziellen Interessen“.

Bereits 2013 hatte die Fraktion Die Linke im Bundestag die Anfrage gestellt, ob zuzahlungsfreie Sachleistungen, wie Kassenleistungen offiziell genannt werden, in Zahnarztpraxen immer seltener angeboten werden. Damals hieß es, 2012 seien bei den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen nur 25 Meldungen eingegangen über Zahnärzte, die sich weigerten, Amalgam einzusetzen.



Tanja Wolf, Freie Medizinjournalistin
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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