Sachverständigenrat

Wirtschaftsweise für Apothekenketten und Preiswettbewerb

Berlin - 03.11.2016, 10:00 Uhr

Freunde des Wettbewerbs, auch bei Apotheken, sind die Mitglieder des Wirtschafts-Sachverständigenrates: Peter Bofinger, Volker Wieland, Isabel Schnabel, der Vorsitzende Christoph Schmidt und Lars 
Feld. (Foto: Sachverständigenrat)

Freunde des Wettbewerbs, auch bei Apotheken, sind die Mitglieder des Wirtschafts-Sachverständigenrates: Peter Bofinger, Volker Wieland, Isabel Schnabel, der Vorsitzende Christoph Schmidt und Lars Feld. (Foto: Sachverständigenrat)


Der Wirtschafts-Sachverständigenrat plädiert in seinem aktuellen Jahresgutachten erneut für eine Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbots für Apotheken. Positiv sieht er das EuGH-Urteil zur Arzneimittel-Preisbindung: Es könnte mehr Wettbewerb unter Apotheken ermöglichen.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat am 2. November sein Jahresgutachten 2016/17 an Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht. Unter dem Titel „Zeit für Reformen“ machen die „Wirtschaftsweisen“ Vorschläge, wie es wirtschaftlich voran gehen kann in Deutschland. Als zentrale Herausforderungen für Deutschland und Europa sehen sie die wachsende Skepsis gegenüber der Europäischen Union, die Flüchtlingsmigration und den demografischen Wandel. Sie meinen: In Deutschland hat die Bundesregierung die günstige wirtschaftliche Entwicklung nicht ausreichend für Reformen genutzt. 

Den Bereich der Gesundheitsversorgung behandeln die Regierungsberater in ihrem aktuellen Gutachten nur sehr kurz. Die Stoßrichtung ist aber klar: Es geht für sie um „mehr Markt in der Gesundheitsversorgung“ – und das auch bei Apotheken.

Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes

Grundsätzlich beeinflussen die Gesundheitsausgaben die Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte in erheblichem Maße. Und da sie infolge des demografischen Wandels und des medizinisch-technischen Fortschritts  perspektivisch ansteigen werden, sei es umso wichtiger, „zu verhindern, dass sie durch Ineffizienzen im Gesundheitswesen zusätzlich gesteigert werden“.

Deshalb habe der Sachverständigenrat bereits in der Vergangenheit Vorschläge  unterbreitet, mit denen diese Ineffizienzen im Gesundheitswesen abgebaut werden könnten. Diese hält er nach wie vor für aktuell. Konkret zählt er auf:

  • die Aufhebung des Fremd-  und Mehrbesitzverbots von Apotheken 
  • mehr Selektivverträge zur Stärkung  der  Vertragsfreiheit
  • Wiedereinführung und zielführende Weiterentwicklung der Praxisgebühr
  • Ausdehnung von Kosten-Nutzen-Analysen im  Arzneimittelbereich auf  den Bereich der alternativen Medizin
  • Übergang zur monistischen Krankenhausfinanzierung    

Auch auf das jüngste Urteil des EuGH, nach dem die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente in Deutschland im Widerspruch zu EU-Recht stehe, könnte mehr Wettbewerb unter Apotheken ermöglichen, heißt es überdies. Konkreter werden die Sachverständigen allerdings nicht.

Zuletzt verweisen die Berater noch auf einen altbekannten Finanzierungsvorschlag für die Gesetzliche Krankenversicherung: Eine einkommensunabhängige Bürgerpauschale mit integriertem Sozialausgleich sei nach wie vor die beste Finanzierungsform.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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15 Kommentare

Stimmung

von Bernd Jas am 05.11.2016 um 13:52 Uhr

Ich kann mich des Eindrucks immer weniger erwehren, dass die Entscheidungen über grundlegend wichtige Dinge immer mehr auf Stimmungen beruhen als auf Sachkenntnis und gebotenem Wissensstand.

Das Bild ist im Übrigen falsch herum aufgenommen; geadelt von Hinten und abtretend.

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Geschickt eingefädelte Kampagne! Kanonenkugeln auf die Apothekenfestung?!

von Ingrid Greif am 04.11.2016 um 13:23 Uhr

Die Apotheker kämpfen ihre Scharmützel (wenn überhaupt) an Einzelschauplätzen. Hier rollt aber wieder ein sehr gut aufgebauter Feldzug: die Luxemburger Richter hat man wohl mit schönen Gutachten gefüttert, die Presse entsprechend instruiert (die Kommentare in manchen Zeitungen, z.B. SZ, verursachen Übelkeit und sind alles andere als sachlich und gut recherchiert. Herr Glaeske darf sich im NDR wieder über schlechte Beratungsqualität in Apotheken auslassen und nun auch noch die Wirtschaftsweisen(?). Die hatten letztes Jahr doch schon Ähnliches verkündet! Gibt es für Wirtschaftsweise eigentliche nichts Wichtigeres, um das sie sich kümmern sollten?
Die Stimmungsmache gegen die bösen Apotheker läuft perfekt! Interessiert sich im Land eigentlich noch jemand sachlich für die "Sicherstellung der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung"?
Gibt es denn Untersuchungen zur Entwicklung der OTC-Preise nach deren Freigabe? Mein Eindruck ist, dass diese Preise im Schnitt keineswegs gesunken sind, sondern steil nach oben gehen, seit sich niemand mehr so recht auskennt.

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Liberalisierung

von Michael Hofheinz am 03.11.2016 um 23:16 Uhr

man beachte man die Rede von Daniel Bahr zur Liberalisierung der Apotheken am 28. September 2006 im Deutscher Bundestag zum Fremd und Mehrbesitzverbot für Apotheken :
http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/16/16054.pdf Seite 122


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Vomex forte

von Christian Springob am 03.11.2016 um 19:06 Uhr

Der Apotheker wird heute nur noch als ArzneimittelVERKÄUFER gesehen. Unsere besondere Qualifikation bei Arzneimitteln wird wohl nicht mehr benötigt und gewollt, siehe auch Medikationsplan.
Wird den Empfehlungen der "Wirtschaftsweisen" (wenn ich das schon lese, muss ich Vomex forte schlucken) Folge geleistet und es kommt zu Höchstpreisen bzw. Selektiv- oder Exklusivverträgen mit den Krankenkassen, wird die Vor-Ort-Versorgung mit Arzneimitteln durch Apotheken ständig schlechter werden. Nicht nur, dass die Ladenlokale der dann ehemaligen Apotheken leerstehen, nein, solch ein Sterben zieht auch die Nachbargeschäfte in Mitleidenschaft. Die Innenstädte bluten immer weiter aus. Und Amazon wirds richten? Oder Mac Dorris? An dieser Stelle ist auch Hilfe seitens der IHK gefragt, schließlich zahlen wir da auch Beiträge.
Die Kurzsichtigkeit der sogenannten Wirtschaftsexperten ist einfach nur erschreckend. Der Grad zwischen dumm und weise scheint nur sehr schmal zu sein.

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AW: Vomex forte

von Ho7250 am 05.11.2016 um 12:52 Uhr

Die letzten beiden Sätze treffen voll ins Schwarze! Zu dem Thema ein Zitat aus einem Artikel über das schwedische System (aus Apotheke Adhoc, 27.2.13): Schweden könnte schon bald ein Problem mit der Arzneimittelversorgung in ländlichen Regionen bekommen. Mit der Liberalisierung des Apothekenmarktes hatte die schwedische Regierung eine Liste von 110 Landapotheken festgelegt, die nicht geschlossen werden durften. Diese Sperre läuft im März aus. Die Apothekenkette Kronans Droghandel hat bereits angekündigt, eine dieser Apotheken sofort nach Ablauf der Frist zu schließen. Alle anderen sollen auf den Prüfstand und können einem Unternehmenssprecher zufolge nur mit Extra-Zuschüssen der Regierung erhalten werden.

Die Weisen und Ihre Reise

von Sven Larisch am 03.11.2016 um 18:49 Uhr

Waren die Weisen aus dem Morgenland auch leicht verwirrt und mussten geleitet werden, so sollten sich die Wirtschaftsweisen vielleicht auch einer höheren Leitung unterwerfen als dem goldenen Kalb (ok- genug Bibel verwurstet).
Das EuGh Urteil halte ich für anfechtbar, da ich die EU nicht zuständig sehe, im Gesundheitswesen (das lt. Vertrag den Mitgliedsstaaten obliegt) irgendetwas zu entscheiden.
Eine Gegenklage wie Vorgeschlagen, würde ich unterstützen!
Aufraffen und kämpfen, aber zusammen, sonst gehen wir Apotheker sang und klanglos von dieser Bühne ab.
*lach* außerdem hab ich nix anderes gelernt!

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Besser für Angestellte Apotheker?

von Heiko Barz am 03.11.2016 um 13:32 Uhr

Das glauben Sie doch nicht wirklich, dass Morris, DM, Lidl, Aldi und Sonstige, Ihre finanziellen Vorstellungen als dort Angestellte erfüllen.
Bevor Sie so etwas in den Raum stellen, sollten Sie sich mit den Personalsituationen in diesen Bereichen einmal anfreunden.

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AW: Besser für Angestellte Apotheker!

von benicoma am 03.11.2016 um 15:38 Uhr

Glauben tue ich es nicht, wenn keine Verhandlungen in diese Richtung erfolgen. Aber wenn die Kollegschaft manchmal etwas fordernder und nachhaltiger auftreten würde, wäre so etwas durchaus denkbar und das Argument eines Großindustriellen, er könnte sich die Gehälter seiner Mitarbeiter nicht leisten, würde dann ebenso verpuffen - ist es doch das Totschlagargument der Apothekeninhaber - seit Jahren schon.

Daher glaube ich sehr wohl, dass einiges mehr heraus zu holen sein wird, als bei einer Inhabergeführten Apotheke mit einem Jahresumsatz von 1 Mio Euro. Fakt ist doch, egal ob Kette oder Inhabergeführt - in einigen Regionen besteht jetzt schon mehr Bedarf, als Personal vorhanden wäre.

Wieso verhandelt man nicht vernünftig? Ich finde den Vorstoß, sich nun zu einer Lobby mit Buchhandel etc. zusammen zu schließen, wesentlich peinlicher von der Öffentlichkeitswirksamkeit, als eine Gegenklage zu stellen, in der die gleichen Auflagen für eine Versandapotheke im europäischen Ausland gefordert werden, wie sie auch die Apotheke vor Ort erfüllen muss und zu erfüllen hat nach ApoBetrO, um mit Arzneimitteln verkehren zu dürfen. Man wird es sowieso nicht mehr verhindern können, dass der Markt weiterhin liberalisiert wird. Liberalisierung ist nicht aufhaltbar - ganz abgesehen davon heißt es nicht, dass ich es persönlich gutheiße, nur um das mal richtig zu stellen. Ich möchte nur den Denkanstoß zu Würde und Stärke geben und zu einer verdienterweise besseren Entlohnung, sollte der Markt kippen.

Für angestellte Apotheker besser

von benicoma am 03.11.2016 um 13:06 Uhr

Traurig ist es schon, wie das Gesundheitssystem derzeit in die Zange genommen wird. Doch wer hat ernsthaft daran geglaubt, dass eine bereits durchgesetzte Liberalisierung wieder zurück genommen wird? Für viele angestellte Apotheker ist die Öffnung des Marktes für Fremdbesitz mit Sicherheit eine Bereicherung, denn Gehälter können dann neu verhandelt werden - legt man den Deutschen Tarif zugrunde und schaut mal in die EU ist das auch dringend notwendig. Man schreckt davor zurück, weil Inhabergeführte Apotheken die Angleichung an den EU Standard nicht zahlen können und wollen. Legt man den Beruf des Apothekers als Beruf eines "Managers mit Personalverantwortung und Leitungsaufgaben" aus, sind durchaus übliche Gehälter vergleichbarer Berufe und Positionen zu erwarten, d.h. Gehälter, die sich bei ca. 3000 - 4000 EUR Netto im Monat bewegen. Angemessen bei der Verantwortung und zeitlich völlig im Rahmen. Sicher bin ich auch kein Fan des umgreifenden Neoliberalismus, aber es ist nicht immer alles schlecht. Für den Patienten, da stimme ich zu, werden die Zeiten schwieriger und unangenehmer - zumindest für die älteren Jahrgänge. Das ist jedoch ein allumfassender Prozess, den wir mit einer verhältnismäßig schwach aufgestellten Standesvertretung kaum aufhalten können werden.

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es wird nur gemacht, was sich lohnt

von Karl Friedrich Müller am 03.11.2016 um 12:03 Uhr

Wenn die niedergelassenen Apotheken zerstört und es sich nicht mehr für die Versandapotheken lohnt, aufs Land zu versenden, werden die nun so wichtigen Kranken auch nichts mehr bekommen. Abholung in der Paketstation in der nächsten Großstadt.
Onlinehandel ist für die bequeme junge Generation vielleicht von Vorteil, nicht für die Alten, wo es noch genügend Leute gibt ohne Zugang zum Internet.

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Alle Dämme brechen

von Marc Lindermeir am 03.11.2016 um 11:27 Uhr

Ich schlage vor, wir brauchen keine Apothekenketten. Das kann Amazon oder Aldi besser und günstiger. IHK Sachkunde nachweis reicht. Arzneimittel verkaufen ist einfach, dafür braucht man kein Studium. Also sparen wir uns das auch. Endlich keine Apothekenpreise mehr. Und die Kosten Nutzenanalyse macht es möglich, dass alle noch vorhandenen Arzneimittel vom Markt verschwinden. Selektivverträge sind natürlich viel besser ( siehe Hilfsmittelbereich) Tolle moderne Welt. Nur noch Geld, der Rest ist scheissegal.

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"Weise"

von Frank Zacharias am 03.11.2016 um 10:53 Uhr

Es geht hier nur um Profit für Grosskonzerne, der Rest ist egal. Um den Patienten geht es denen schon lange nicht mehr.

Erst wird mit dem EuGH-Urteil die Versorgung ausgedünnt und dann kommt der strahlende Retter auf dem weissen Pferd ( oder grün oder rot ) und präsentiert sich als der Retter und Wohltäter.
Über die dann herrschenden Arbeits- und Versorgungsbedingungen kann man sich bereits heute in Grossbritannien und den USA informieren.
Aber dann bitte ÜBERALL hinsehen und nicht nur in den Grosstädten.

Ich messe mal lieber nicht meinen Blutdruck, aber ich fürchte, der ist seit über 2 Wochen nicht mehr so ganz im grünen Bereich. Zum Glück bin ich ein sonniges Gemüt, sonst bräuchte man des öfteren Antidepressiva.

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Weise?

von Karl Friedrich Müller am 03.11.2016 um 10:44 Uhr

kann den Wirtschaftsdeppen mal jemand sagen, dass es auch noch Wettbewerb außerhalb der Preise gibt?
Im Übrigen schließe ich mich Frau Patzelt an.
Solche Pläne sind die Zerstörung des Gesundheitswesen und ganz bestimmt nicht für den Bürger, sondern gegen ihn. Aber der zählt ja nicht mehr. Nur noch die Geier, die den Hals nicht voll kriegen.
Wer verleiht eigentlich solche hochtrabenden Titel wie "Wirtschaftsweise", "Experten" usw.
Diese Leute haben offensichtlich keine Ahnung. Sie haben aber genaue Vorstellungen darüber, wie und wo das Geld hinfließen soll.
Das Land wird von solchen Leuten gnadenlos zerstört.

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Und dann kommen sie alle aus den Löchern gekrochen,

von Christiane Patzelt am 03.11.2016 um 10:35 Uhr

die mit dem neoliberalen Gedanken und das alles rund um die Gesundheit den Großkonzernen zum Frass vorgeworfen wird.
Diese Wirtschaftsweisen sind sehr kurzsichtig, aber diese Kurzsichtigkeit sehen wir schon bei unseren Klinikkonzernen!!
Die Arbeitsbedingungen für Krankenschwestern sind eine Katastrophe, Patienten werden halbfertig nach Hause geschickt, die Nachsorge darf dann der streng regulierte Hausarzt machen, was auch immer es kostet und über die Hygiene und die massenhaften MRSA-Infektionen möchte ich gar nicht reden! Gesundheit gehört nicht in die Hände von Investitions-und Fondmanagern!
Was für eine absurde Forderung der Wirtschaftsweisen!!
Leute, wacht auf! Hier wird ein Wandel in den Innenorten der Gemeinden passieren, es fehlt nicht nur der Landarzt, es fehlt dann die vor-Ort-Apotheke!

Kann mich mal Jemand kneifen!! Es ist ein Albtraum!!
Schade um jede Apotheke!!
Es ist unerträglich -- jetzt kommen die Geier!!

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Leo Tolstoi (1828-1910)

von Christian Giese am 03.11.2016 um 10:22 Uhr

"Man kann ohne Liebe Holz hacken,
man kann aber nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen."

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