Ökotest

Rezeptfreie Immunstimulanzien fallen durch

Stuttgart - 27.10.2016, 12:45 Uhr

Erkältung vorbeugen mit Vitaminen und Mineralstoffen? Es gibt keinen Beleg für die Wirksamkeit, sagt Ökotest. (Foto:  underdogstudios / Fotolia)

Erkältung vorbeugen mit Vitaminen und Mineralstoffen? Es gibt keinen Beleg für die Wirksamkeit, sagt Ökotest. (Foto:  underdogstudios / Fotolia)


Nahrungsergänzungsmittel und bilanzierte Diäten, die das Immunsystem stärken oder gar Erkältungen vorbeugen sollen, sind bei Ökotest reihenweise durchgefallen. Denn es gibt keinerlei Daten, die die Wirksamkeit belegen. Das einzige Arzneimittel im Test, Symbioflor I, schnitt mit „ausreichend“ noch am besten ab. Doch die Studienlage ist auch hier dünn. 

Allein der Versuch, die Abwehrkräfte zu stimulieren, sei kontraproduktiv, sagt Professor Manfred Lutz vom Institut für Immunologie und Virologie der Uni Würzburg. Denn bei einem Gesunden ohne Erkältung laufe das Immunsystem ausgeglichen. Die Gabe von Immunstimulanzien rufe im schlimmsten Fall eine Überreaktion hervor, erklärt er. Von den rezeptfreien Mittel sind seiner Ansicht nach solche Reaktionen aber ohnehin nicht zu erwarten.

Wer sich wirklich vor Erkältungen schützen will, müsse wissen, wie die Erreger in den Körper gelangen, sagt der Virologe. Die Übertragung von den Händen zu den Nasenschleimhäuten sei gesichert. Im Winter, wenn die Luft und somit auch die Schleimhäute trockener sind, ist die Barrierefunktion herabgesetzt. Mit ein paar einfachen Regeln lässt sich das Risiko für eine Ansteckung aber zumindest verringern: Händedruck meiden, Abstand halten, häufig Hände waschen. 

Fast alle fallen mit „ungenügend" durch

Trotzdem kaufen viele Kunden zusätzlich alle möglichen Präparate und hoffen, den Schnupfenviren ein Schnippchen zu schlagen. Anlass genug für Ökotest, 16 davon genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei den zwölf Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) stießen die Tester auf einen „wilden Mix" aus Vitaminen, Pflanzenextrakten und Mineralstoffen. Es gebe keine Daten, die belegen, dass diese Mittel für gesunde Verbraucher einen grundsätzlichen Nutzen bringen, vor Erkältungen schützen oder das Immunsystem pushen – weder allein noch in Kombination, erklärt Experte Professor Manfred Schubert-Szilavecz.

Mineralstoff- und Vitaminmangel sei selten, deswegen ist eine Ergänzung der Nahrung seiner Meinung nach meistens unnötig. Bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) dürfen die Hersteller ohnehin lediglich einen Beitrag zur normalen Funktion des Immunsystems versprechen. Im Test waren neben Drogeriemarktpräparaten auch NEM aus der Apotheke, zum Beispiel Orthomol Immun Pro, Unizink Immun Plus oder Wobenzym Immun Tabletten. Da neben dem fehlenden Wirksamkeitsbeleg auch noch Deklarationsmängel und Überdosierungen beanstandet wurden, fielen sie alle mit „ungenügend" durch.

Bilanzierte Diäten sind nichts für Gesunde

Die drei bilanzierten Diäten im Test, Aminoplus Immun, Kijimea Immun und Orthomol Immun Trinkfläschchen, fielen genauso durch. Auch hier lautet das Urteil „ungenügend“. Die klinische Wirksamkeit der Mittel sei nicht belegt, kritisiert der Experte. Die Hersteller präsentierten zwar Studien, schreibt Ökotest. Überzeugend seien diese aber nicht. Methodische Mängel und bezahlte Autoren lauten die Kritikpunkte. Dazu kommt: Bilanzierte Diäten richten sich an definierte Patientengruppen, deren Nährstoffbedarf beispielsweise wegen einer Erkrankung nicht über die normale Ernährung gedeckt werden kann. Für an sich Gesunde seien bilanzierte Diäten nicht geeignet, erklärt Schubert-Zsilavecz.

Das einzige Arzneimittel im Test, Symbioflor I, schneidet mit „ausreichend“ zwar noch am besten ab. Überzeugt sind die Tester aber nicht. Das Mittel enthält Darmbakterien der Spezies Enterococcus faecalis. Die Einnahme soll das Immunsystem unspezifisch reizen. Auf diese Weise sollen verstärkt Immunzellen gebildet werden, besagt zumindest die Theorie. Was tatsächlich passiert ist Gutachtern zufolge unklar, schreibt Ökotest. Es existierten zwar Studien vom Hersteller mit ersten Hinweisen darauf, dass das Arzneimittel wirkt. Die Evidenz reicht aber nach Ansicht von Ökotest nicht aus, um einen therapeutischen Einsatz zu empfehlen 

Vitamin C nützt nur bei wenigen

Vitamin C gilt als Klassiker, wenn es darum geht, Erkältungskrankheiten vorzubeugen. Aber nur bei Menschen, die extremen körperlichen Anforderungen ausgesetzt sind, zum Beispiel Marathonläufer, verringert die regelmäßige Einnahme von Vitamin C das Erkältungsrisiko,. In der Durchschnittsbevölkerung habe sie keinen Effekt auf die Häufigkeit von Erkältungskrankheiten. Und auch für die Einnahme von Ascorbinsäure bei einer beginnenden Erkältung fehle der wissenschaftliche Nachweis einer Wirksamkeit. 

Zink scheint Symptome zu lindern

Ein frühzeitige Behandlung mit Zink-Präparaten scheint immerhin typische Symptome wie Husten, Heiserkeit und eine verstopfte Nase effektiv reduzieren. 

Hersteller locken mit falschen Versprechen

Ökotest rät daher grundsätzlich von diesen Mitteln ab, von denen viele mit falschen Versprechen versuchen, die Verbraucher zu überzeugen. Wenn überhaupt könne man auf einen Placeboeffekt hoffen. So soll der Bakterien-Mix in Kijimea Immun zum Beispiel die Abwehrprozesse des Körpers stärken und die Immunabwehr aufbauen. Da diese Aussagen aber wissenschaftlich nicht haltbar sind, verbietet sie die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit. Auch die Behauptung, die Betaglucane in Wobenyzym könnten dem Abwehrsystem zu einer schnelleren Reaktion verhelfen, ist ebenso wie zahlreiche andere gesundheitsbezogene Aussagen zu diesen Mehrfachzuckern nicht erlaubt. 

Nach Ansicht von Ökotest dürfen NEM überhaupt nur zu einer normalen Körperfunktion beitragen. Deswegen gehen den Testern auch Aussagen wie „für ein gesundes Immunsystem“ auf Präparaten mit Zink und Selen Vitamin zu weit. 

Ökotest empfiehlt daher die oben bereits genannten Allgemeinmaßnahmen. Außerdem rät das Verbraucherschutzmagazin, an kalten Tagen draußen zu joggen und spazieren zu gehen oder zu saunieren. Das stimuliere die Schleimhäute und halte die Barrierefunktion gegen Viren und Bakterien aufrecht. Außerdem solle man darauf achten, ausreichend zu trinken, um die Schleimhäute feucht zu halten, rät Ökotest. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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2 Kommentare

NEM und Gesundheitsversprechen

von DAZ.online Redaktion am 28.10.2016 um 15:30 Uhr

Hallo Herr Rieseberg,
danke für den Hinweis. Da haben sie natürlich recht. Das sollte so nicht stehen bleiben.
Die Formulierung ist geändert in:
"Bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) dürfen die Hersteller ohnehin lediglich einen Beitrag zur normalen Funktion des Immunsystems versprechen"
Schönes Wochenende und viele Grüße
ihre DAZ.online Redaktion

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

NEM und Gesundheitsversprechen

von Stefan Rieseberg am 28.10.2016 um 10:35 Uhr

Hallo!
Der Satz
"Bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) dürften die Hersteller schon rein rechtlich keinen Einfluss auf die Funktion des Immunsystems versprechen." kann so nicht stehenbleiben.

Es gibt für x Stoffe zugelassene Health-Claims: "trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems (körperliche Abwehr) bei": Die "Klassiker" Zink, Vitamin C und D, aber auch Folsäure, Vitamin B6, Vitamin B2. Hier ist rechtlich die "Immunsteigerung" in dieser Formulierung ohne Krankheitsbezug.

Natürlich sind die Health-Claims in weiten Teilen zwar eine Vereinheitlichung der Werbeversprechen, aber die Evidenz und Verbraucher-Aufklärung ist durch so einer allgemeinen Aussage, das diese Mikronährstoffe natürlich irgendwo im Immunsystem benötigt werden, auch nicht gedient.

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