US-Pharmaindustrie

Branchenverband bereitet sich auf Preisdruck nach Wahlen vor

München - 27.10.2016, 09:20 Uhr

In einem Punkt sind die gegensätzlichen US-Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton auf einer Linie: Die Arzneimittelpreise sollen gedeckelt werden. (Foto: dpa)

In einem Punkt sind die gegensätzlichen US-Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton auf einer Linie: Die Arzneimittelpreise sollen gedeckelt werden. (Foto: dpa)


Die US-Biotech- und Pharmabranche blickt mit Sorge auf die Präsidentschaftswahlen. Sowohl Hillary Clinton als auch Donald Trump wollen im Falle ihres Sieges die Arzneimittelpreise deckeln. Der Industrieverband PhRMA sammelt deshalb kräftig Geld für eine Gegenkampagne.

Die Biotech- und Pharmaindustrie in den USA ahnt nichts Gutes. Wer auch immer die US-Präsidentschaftswahlen am 8. November gewinnt – ob die Demokratin Hillary Clinton oder der Republikaner Donald Trump –, will anschließend das Thema Arzneimittelpreise angehen. Sowohl Clinton als auch Trump wollen die Preise im Rahmen des US-Medicare-Programms neu verhandeln und verstärkt Importe aus anderen Ländern zulassen. 

Angesichts von teils stark gestiegenen Kosten für einzelne Präparate steht die Branche ohnehin seit Monaten unter Druck. So waren beispielsweise Mylan Pharmaceuticals und Valeant Pharmaceuticals wegen ihrer Preispolitik massiv in die Kritik geraten. Kürzlich geriet auch Ariad in den Fokus der notorisch pharmakritischen US-Politiker Bernie Sanders und Elijah Cummings. Sie warfen dem Unternehmen staffelartige Preissteigerungen eines Leukämie-Präparates vor.  

100 Millionen Dollar zusätzlich

Angesichts dieses Szenarios bittet der US-Biotech und Pharmaverband PhRMA seine Mitglieder derzeit, zusätzlich 100 Millionen Dollar für den erwarteten Preiskampf nach den US-Wahlen bereitzustellen, berichtet das US-Magazin Politico. Durch einen 50-prozentigen Anstieg der Mitgliederbeiträge würde der Verband dann über einen jährlichen Etat von rund 300 Millionen Dollar verfügen – ein Niveau, das seit der Obamacare-Debatte im Jahr 2009 nicht wieder erreicht worden ist. Damit, so Politico, würde PhRMA seine Kriegskasse kräftig auffüllen und könnte Hunderte von Millionen für Anzeigen ausgeben, um Politikern beider Parteien Paroli zu bieten, die die Pharmaindustrie wegen ihrer Preispolitik attackiert haben.  

Konkret soll in den Anzeigen beispielsweise gezeigt werden, wie Patienten mithilfe neuer Arzneimittel mehrere Jahre länger überleben. Zudem will der Verband die Komplexität und die hohen Kosten bei der Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe darstellen. Dies soll dazu beitragen, das Image der Industrie zu verbessern und für die Industrie negative Gesetzesvorhaben abzuwehren. Dabei läuft PhRMA’s Lobbying- und Marketing-Kampagne parallel zu den Bemühungen des US-Biotechverbandes Bio. Der hatte bereits im Juni mitgeteilt, in der Diskussion um Arzneimittelpreise verstärkt eingreifen zu wollen.  

Kampf gegen „Proposition 61“ 

Die US-Pharmaindustrie kämpft darüber hinaus gegen eine geplante Umfrage namens „Proposition 61“, die wie die Präsidentschaftswahlen am 8. November in Kalifornien stattfinden soll. Dabei geht es um die Frage, ob eine Obergrenze bei den staatlichen Arzneimittel-Ausgaben definiert werden soll. Die Kosten sollen sich demnach künftig an den Preisen orientieren, die die in den USA finanziell begünstigte Gruppe der Veteranen für Arzneimittel bezahlt. Obwohl die Pharmabranche nach US-Medienberichten 109 Millionen Dollar zur Abwehr dieses Vorhabens investiert hat, stehen die Chancen offenbar nicht sehr gut. Nach einer Umfrage sollen derzeit rund 50 Prozent der Wähler die Kostendeckelung unterstützen, während lediglich 16 Prozent dagegen seien. 34 Prozent der Bürger seien noch unentschlossen. Pharmavertreter fürchten, dass das Beispiel Kalifornien im Erfolgsfall auch in anderen US-Bundesstaaten angewendet werden könnte.  

In jedem Fall muss die Branche Millionen von Bürgern in den gesamten USA überzeugen. Denn die jüngsten Preissteigerungen wichtiger Arzneimittel haben bei vielen US-Amerikanern großes Unbehagen erzeugt. Jüngste Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der demokratischen als auch der republikanischen Wähler die Ideen ihrer jeweiligen Präsidentschaftskandidaten zur Eindämmung der Arzneimittelkosten unterstützen.  

PhRMA zählt seit Langem zu den größten zahlenden Lobbyorganisationen in der US-Hauptstadt Washington. Allein in diesem Jahr soll die Organisation bislang 11,8 Millionen Dollar gespendet haben, die viertgrößte Summe in der US-Lobbybranche. Zu den Mitgliedsunternehmen von PhRMA zählen bekannte Namen wie Abbvie, Amgen, Bayer und Boehringer Ingelheim oder Pfizer. Auch der Generikahersteller Teva soll neu aufgenommen werden, um die finanzielle Basis des Verbandes zu verbreitern.


Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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