Gefahr für Babys

Ärzte fordern Rezeptpflicht für Doxylamin und Co.

Stuttgart - 24.10.2016, 17:00 Uhr

Aus Verzweiflung: Angeblich beruhigen Eltern ihre schreienden Kindern mit Arzneimitteln, die es ohne Rezept in der Apotheke gibt. (Foto: Ilka Burckhardt / fotolia)

Aus Verzweiflung: Angeblich beruhigen Eltern ihre schreienden Kindern mit Arzneimitteln, die es ohne Rezept in der Apotheke gibt. (Foto: Ilka Burckhardt / fotolia)


Wie viele schreiende Säuglinge tatsächlich mit Arzneimitteln ruhiggestellt werden, ist wohl völlig unklar. In Internetforen scheint es aber regen Austausch zu diesem Thema zu geben, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Viele der eingesetzten Mittel gibt es rezeptfrei in der Apotheke, für Säuglinge und Kleinkinder können sie aber gefährlich sein. 

Mit den rezeptfreien Antihistaminika Doxylamin, Diphenyhydramin und Dimenhydrinat oder dem rezeptpflichtigen Neuroleptikum Promethazin bringen manche verzweifelte Eltern ihre schreienden Kinder zum Schlafen, wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) am Wochenende berichtete. In Internetforen sei zu lesen, dass dies sowohl auf ärztlichen Rat als auch auf eigene Faust geschieht, heißt es in dem Bericht.

Der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte rät allerdings dringend ab und fordert nun eine Rezeptpflicht für alle Beruhigungsmittel. Das erhöhe die Hürde, heißt es. Die Ärztin Andrea Bevot von der Uniklinik Tübingen geht noch weiter. „Ich würde es begrüßen, wenn diese Sedativa vom Markt genommen werden“, erklärte sie. „Auch als Kombinationspräparat in Erkältungsmitteln sollte man sie nicht an Kinder verabreichen“.

Denn gerade Kinder unter zwei Jahren reagieren auf diese ZNS-wirksamen Stoffe besonders empfindlich: mit Atemdepression und Krämpfen, mit „paradoxen“ Reaktionen wie Unruhe und Erregung sowie mit einer gesteigerten Neurotoxizität mit Spätfolgen für die weitere zerebrale Entwicklung. Davor wurde bereits in der Vergangenheit immer wieder gewarnt. Zudem greifen sie in den natürlichen Schlafrhythmus ein. 

Anwendung nach Rücksprache mit dem Arzt

Teilweise sind die jeweiligen Präparate sogar bei Schlafstörungen zugelassen, zum Beispiel Sedaplus. Das Doxylamin-haltige Mittel kann laut Zulassung ab einem Alter von sechs Monaten verwendet werden. Es findet sich zwar der Hinweis, dass die Anwendung bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen solle, aber ein Rezept benötigt man nicht. Andere Präparate sind eigentlich gegen Übelkeit und Erbrechen, zum Beispiel Emesan oder Vomex. Beide können ab einem Köpergewicht von 8 Kilogramm verwendet werden. Emesan enthält das H1-Antihistaminikum Chlorphenhydramin, Vomex Dimenhydrinat – eine Kombination aus Diphenhydramin und 8-Chlortheophyllin.

Es besteht der Verdacht, dass sie auch zur Ruhigstellung verwendet werden – ebenso wie angeblich auch Kombipräparate gegen Erkältungen. Diese sind aber in Deutschland für Kinder überhaupt nicht zugelassen. Das homöopathische Präparat Viburcol kommt in dem Artikel übrigens nicht besser weg: Es raube Babys die Sprache, heißt es – ebenso wie die synthetischen Mittel. 



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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1 Kommentar

Rezeptpflicht Keule?

von Andreas Grünebaum am 24.10.2016 um 18:39 Uhr

und wieder eine Sau, welche durchs Dorf getrieben wird. Anstatt hier die Keule der Rezeptpflicht zu schwingen, wäre Aufklärung angebracht. Eine solche können Kunden übrigens in der Apotheke vor Ort erhalten. Sensibilisierung über die die Presse und Zeitschriften wie auch die vom Wort&Bild Verlag. Nicht nur über "Baby...", sondern auch die Umschau für die Omas, welche dann auch mal kritisch nachfragen würden. Für Beratungsresistente, Internetaffine und Beeinflusste Frauen wird es immer Möglichkeiten geben, ein Rezept zu erhalten. Vomex A auf Rezept wäre zumindest ein Affront gegenüber der Apothekerschaft, welche nicht in der Lage sein soll, auf die Anwendungsbeschränkungen bei Neugeborenen und Kleinkinder hinzuweisen. Der Hinweis auf ein Placebo wie "Viburcol raube den Kindern die Sprache" hinterläßt mich davon abgesehen ebenfalls sprachlos zurück.

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