Apotheken in Großbritannien

Rudert die Regierung bei den Einschnitten zurück?

19.10.2016, 15:00 Uhr

Kriegen britische Apotheker künftig weniger Geld? (Foto: DAZ.online)

Kriegen britische Apotheker künftig weniger Geld? (Foto: DAZ.online)


Unter heftigen Beschuss seitens der Parlamentarier geriet der parlamentarische Staatssekretär im Gesundheitsressort David Mowat in dieser Woche bei einer Debatte im britischen Unterhaus. Eigene konservative Parteikollegen sowie Labour- und liberaldemokratische Abgeordnete nahmen ihn wegen der angekündigten Kürzungen bei der Honorierung der Apotheken in die Zange. Offenbar ist Mowat zu Zugeständnissen bereit.

Seit Ende letzten Jahres stehen die Apotheken in Großbritannien im Fokus der Sparbemühungen der Gesundheitspolitiker. Am 17. Dezember 2015 hatten das britische Gesundheitsministerium und der National Health Service England (NHSE) einen offenen Brief publiziert, nach dem die Finanzierung der öffentlichen Apotheken in 2016/17 um sechs Prozent beschnitten werden sollte.

Keine Evidenzbasis für die Sparpläne

Das Pharmaceutical Services Negotiating Committee (PSNC), das die wirtschaftlichen Verhandlungen mit der öffentlichen Hand für die britische Apothekerschaft führt, hatte bemängelt, dass es an einer vernünftigen Evidenzbasis für ein solches Ansinnen fehle. Eine Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) zum Wert der öffentlichen Apotheke im Auftrag des PSNC brachte es an den Tag: Apothekendienstleistungen haben dem britischen Gesundheitswesen im Jahr 2015 Einsparungen in Höhe von drei Milliarden Britischen Pfund eingebracht. Das ist deutlich mehr als die 2,8 Milliarden, die der Staat ihnen für Ihre Arbeit bezahlt hat.

Mitte Oktober hat das Pharmaceutical Services Negotiating Committee den Vorschlag des Ministeriums zurückgewiesen und eine Liste mit weiterhin bestehenden Bedenken präsentiert. Diese werden nun laut Mowat, der im Gesundheitsressort als „Pharmazie-Minister“ für die Apotheken zuständig ist, geprüft. Man habe versucht, einige Vorschläge der Apothekerschaft in die Pläne zu integrieren.

Die Apotheken schützen, die Schutz brauchen

In der Debatte im Unterhaus wurde Mowat unter anderem angesprochen auf die Aussage seines Vorgängers im Amt, dass durch die Pläne rund 3000 Apotheken von der Schließung bedroht sein könnten. Er glaube nicht, dass die Zahl nur annähernd so groß sein werde, hielt Mowat dem entgegen: „Niemand spricht derzeit von tausenden von Apothekenschließungen, und ich glaube nicht, dass das passiert.“

Die Befürchtung, ländliche Gegenden könnten hauptsächlich von Unterversorgung betroffen sein, teilt der parlamentarische Staatssekretär ebenso wenig. Auch in Zukunft soll keine Gemeinde in England ohne Apotheke sein, kündigte er an, und die Patienten sollten nicht mehr als schlimmstenfalls „einige zehn Meter“ zurücklegen müssen, um die nächste Apotheke zu erreichen. „Wir werden die Apotheken schützen, die Schutz brauchen,“ versprach Mowat, „damit jeder in diesem Land in einer angemessenen Zeit Zugang zur Arzneimittelversorgung hat.“

Gut ausgegebenes Geld?

Das müsse aber noch nicht heißen, dass die 18.000 Apotheken, die es im Moment gebe, genau die richtige Zahl sei. Schließlich habe die Zahl der öffentlichen Apotheken im letzten Jahrzehnt um 20 Prozent zugenommen. In manchen Regionen gebe es zehn bis elf Apotheken im Abstand von einer halben Meile. Es sei das Recht der Regierung, zu prüfen, ob die 25.000 Pfund, die der NHS jeder Apotheke jedes Jahr bezahlt, gut ausgegebenes Geld ist oder nicht.

Auch positive Neuerungen für die Apotheken

Mowat wies in der Debatte aber nicht nur Bedenken zurück, sondern hob auch einige positive Aspekte der Reformbemühungen hervor. Hierzu gehört das „pharmacy first scheme“, wonach die Patienten bei geringfügigen Beschwerden zuerst die Apotheke aufsuchen sollen. Von April 2018 an soll es nach seiner Vorstellung auf ganz Großbritannien ausgedehnt sein. Dafür würden die Apotheken extra bezahlt. Zudem sollen bis 2020 rund 2.000 Apotheker in die Dienste der Hausarztpraxen einbezogen werden, für ihn ein zentraler Punkt, um beide Professionen enger zusammenrücken zu lassen. Außerdem sollen die Apotheken an das so genannte NHS-111-System angeschlossen werden, wonach Wiederholungsverordnungen direkt in der Apotheke landen und nicht im Notdienst der Allgemeinärzte.

„Wir nehmen ihn beim Wort“

„Der Minister hat eine Reihe von erstaunlichen Behauptungen über die wahrscheinlichen Auswirkungen seiner Politik aufgestellt,“ kommentiert der Vorsitzende der National Pharmacy Association Ian Strachan die Debatte.

„Wir nehmen ihn für seine Zusicherungen über den Zugang zur pharmazeutischen Versorgung einschließlich der für die Menschen in benachteiligten Gemeinden beim Wort. Nun wollen wir die detaillierte Analyse zu den Zusagen sehen, die Mowat den Abgeordneten gegeben hat. Wenn er durch seine Zusicherungen einen Sinneswandel signalisiert, so begrüßen wir das. Selbst in diesem späten Stadium kann er noch die Gelegenheit nutzen, einen neuen, positiven Kurs einzuschlagen und mit der Branche zusammenzuarbeiten und das zu tun, was für die Patienten und den National Health Service richtig ist.“


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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