Jahresbericht 2015

Mehr HIV-Neuinfektionen  

04.10.2016, 11:30 Uhr

Das RKI hat seinen HIV-Jahresbericht 2015 veröffentlicht. (Foto: StanislauV / Fotolia)

Das RKI hat seinen HIV-Jahresbericht 2015 veröffentlicht. (Foto: StanislauV / Fotolia)


2015 haben sich mehr Menschen mit HIV infiziert als im Jahr zuvor. Laut Robert-Koch-Institut ist die Zahl der gesicherten Neudiagnosen um fünf Prozent gestiegen, von 3500 im Jahr 2014 auf 3674. Dabei wuchs die Zahl der heterosexuellen Übertragungen. Bei den Männern, die Sex mit Männern haben, gingen die Neuinfektionen im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent zurück. 

174 HIV-Neudiagnosen mehr als im Jahr zuvor. So lautet die HIV-Bilanz für das Jahr 2015, die das Robert-Koch-Institut (RKI) vergangene Woche im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht hat. Insgesamt infizierten sich 3674 Menschen mit dem Immunschwächevirus – ein Anstieg um fünf Prozent. Allerdings dürfte die tatsächliche Zahl noch etwas darüber liegen, denn es liegen über 900 weitere Meldungen vor, bei denen nicht ganz klar ist, ob es Erst- oder Mehrfachmeldungen sind.

Zahlenmäßig den größten Anteil der Neudiagnosen macht nach wie vor die Gruppe der Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, aus – nämlich 1851. Allerdings gingen hier die Übertragungen im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent (-43) zurück. Von 2013 auf 2014 waren sie noch leicht angestiegen (+166). Die weitergehende Analyse ergab, dass insbesondere im ländlichen Raum die Zahl HIV-Neudiagnosen bei MSM angestiegen ist. In Städten mit über einer Million Einwohnern wurden weniger Infektionen gemeldet als im Vorjahr (-62).

Dass dort, wo fortgesetzte Präventionsarbeit, bessere und frühere Behandlung und häufigere HIV-Testung vorhanden sind, also in den Städten, Rückgänge der Neudiagnosezahlen beobachtet werden, sieht das RKI als Zeichen dafür, dass diese Maßnahmen langsam Früchte tragen. In ländlichen Regionen hingegen, wo die Voraussetzungen ungünstiger sind, hinke die Entwicklung hinterher, heißt es.

Zunahme der heterosexuellen Infektionen

954 der gesicherten Infektionen wurden vermutlich über heterosexuelle Kontakte übertragen. Das sind 184 mehr als im Jahr zuvor, ein Plus von 24 Prozent. Damit machten die heterosexuellen Transmissionen im Jahr 2015 26 Prozent aller Neudiagnosen aus, 2014 lag der Anteil bei 22 Prozent. Das Geschlechterverhältnis ist allerdings bei den heterosexuellen Übertragungen im Vergleich zu den gesamten Neudiagnosen umgekehrt. Von 954 Neudiagnosen entfielen hier 607 Meldungen (64 Prozent) auf Frauen und 346 auf Männer. Betroffen waren überwiegend Frauen aus Subsahara-Afrika und Osteuropa. Über alle Gruppen betrachtet, wurden knapp 80 Prozent der Diagnosen bei Männern gestellt.

Auch bei Konsumenten intravenös verabreichter Drogen gab es 2015 einen leichten Anstieg zu verzeichnen. Während sich im Jahr 2014 110 Personen infizierten, waren es vergangenes Jahr 134 und somit 22 Prozent mehr. Damit machte diese Gruppe einen Anteil von 3,6 Prozent aller Neudiagnosen aus (2014: 3,1 Prozent). Eine Neudiagnose wurde infolge einer Nadelstichverletzung gestellt. 

Sieht man sich die regionale Verteilung an, gab es die höchste Inzidenz an Neudiagnosen in Hamburg (12,4/100.000), gefolgt von Berlin (10,9) und Bremen (8,2). Am niedrigsten waren die Zahlen in Thüringen (1,9), Schleswig-Holstein (2,1) und Brandenburg (2,5). Die bundesweite Inzidenzrate lag im Jahr 2015 bei 4,6. Damit war sie leicht höher als im Vorjahr, da lag sie bei 4,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

„Prophylaxe gilt es zu diskutieren" 

Eine zusätzliche Herausforderung wird in den nächsten Jahren die zunehmende Migration, unter anderem von MSM, sein, prognostiziert das RKI. Außerdem Teilgruppen, in denen Infektionsrisiken durch die steigende Verbreitung neuer Drogen (Chemsex) zunehmen.

Demnächst wird für Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko als Ergänzung zum Safer Sex eine medikamentöse Prophylaxe zur Verfügung stehen. Diese Möglichkeit wird man verstärkt diskutieren müssen, schreibt das RKI. Bereits im August hatte die Europäische Kommission Truvada (Emtricitabin und Tenofovir) zur HIV-Präexpositions-Prophylaxe zugelassen. Deutsche Patienten müssen allerdings noch ein wenig Geduld haben. Truvada darf in dieser Indikation erst verordnet werden, wenn abgestimmte Schulungsmaterialien für verschreibende Ärzte und Anwender zur Verfügung stehen. 

Abschließend hält das RKI fest, dass, obwohl ein hoher Anteil der Infizierten behandelt wird und daher kaum noch infektiös ist, bislang kein nennenswerter Rückgang der HIV-Neuinfektionen festgestellt werden konnte.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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