Nach Testlauf zum Tag der Patientensicherheit

„Der Medikationsplan wird so nicht funktionieren“

Berlin - 16.09.2016, 17:00 Uhr

Aktion zum Tag der Patientensicherheit: die Apotheke erstellt mit dem Patienten einen Medikationsplan. (Foto: O. Rose)

Aktion zum Tag der Patientensicherheit: die Apotheke erstellt mit dem Patienten einen Medikationsplan. (Foto: O. Rose)


Am 17. September ist Tag der Patientensicherheit. Auch zahlreiche Apotheker beteiligen sich. Einer von ihnen ist Olaf Rose aus Steinfurt. Er bietet anlässlich des Aktionstages seinen Patienten einen Medikationsplan an – eine Art Testlauf, bevor es ab 1. Oktober ernst wird. Seine Erfahrungen stimmen ihn nicht optimistisch.  

Zahlreiche Organisation und Institutionen beteiligen sich mit Aktionen am 2. Internationalen Tag der Patientensicherheit. Auf der Internetseite www.tag-der-patientensicherheit.de finden sich über 180 Einträge zu Veranstaltungen. 1200 Apotheker haben Aktionsmaterial angefordert. Das berichtet die ABDA.

Auch Olaf Rose, der drei Apotheken im Raum Münster betreibt, ist dabei. Er nimmt den Aktionstag zum Anlass, seinen Patienten einen Medikationsplan anzubieten. Den ganzen September können Apothekenkunden mit Polymedikation alle eingenommenen Arzneimittel in die Apotheke bringen. Dann wird gemeinsam ein gesamtheitlicher Medikationsplan erstellt. Anschließend muss der Hausarzt den Plan unterzeichnen und freigeben. Wenn er Abweichungen zu seinen Verordnungen feststellt, soll er die Medikationsdaten aktualisieren. 

Testlauf für den Medikationsplan

Rose sieht das Ganze auch als Testlauf und hatte sich mit den umliegenden Ärzten abgesprochen. Denn ab 1. Oktober haben Patienten, die drei oder mehr ärztlich verordnete Arzneimittel einnehmen, Anspruch auf einen Medikationsplan. Die ersten Praxiserfahrungen stimmen ihn allerdings nicht besonders optimistisch. Rose sieht das Problem vor allem bei den Patienten. Der Hausarzt kennt häufig die fachärztlichen Verordnungen und deren Dosierungen nicht und kann sie auch nicht freigeben, erklärt er gegenüber DAZ.online. Dies deckt sich auch mit aktuellen Studiendaten. Die dem Hausarzt unbekannte Medikation stammt zu einem Großteil von Fachärzten und deutlich seltener vom Apotheker. Um den Plan zu vervollständigen, müssten die Patienten den Plan aus Papier zusätzlich ihrem Diabetologen, dem Kardiologen, dem Neurologen, usw. vorlegen. Gerade denen, die den Plan am dringendsten benötigen, sei das am wenigsten zuzumuten, findet Rose. Denn multimorbide Menschen seien nicht selten bei drei Fachärzten in Behandlung. Zudem brauchen sie bei jedem Arzt einen Termin. Ein Problem, das weiterhin besteht, wenn ab 1. Oktober der Hausarzt anstatt des Apothekers den Plan erstellt.

Eine weitere Schwierigkeit, die Rose und sein Team identifizierten, war die Ansprache der Patienten. Nur wenige sehen Bedarf, ihre Medikation prüfen zu lassen – und dass, obwohl der Plan im Rahmen der Aktion unentgeltlich angeboten wurde. Er glaubt auch nicht, dass Ärzte den Plan den Patienten im großen Stil aktiv anbieten werden. Patienten müssten ihn selbst einfordern. Rose denkt nicht, dass sich der Medikationsplan in der geplanten Form durchsetzen wird. 

Ärzte haben keine Zeit für Medikationspläne

Auch Pharmakologe Gerd Glaeske hat sich in der ZDF-Sendung „Volle Kanne“ kritisch geäußert. So hält er den Medikationsplan grundsätzlich für richtig und für längst überfällig. Aber die Apotheker weitestgehend außen vor zu lassen, ist in Glaeskes Augen ein  Fehler. Sie wüssten über Arzneimittel besser Bescheid als die meisten Ärzte, sagte er im ZDF. 

In dem Fernseh-Beitrag kam auch ein Hausarzt zu Wort. Seiner Ansicht nach ist vor allem Zeitmangel der Grund dafür, dass Ärzte derzeit kaum Medikationspläne erstellen. Das sei im täglichen Praxisbetrieb nicht vorgesehen, erklärt er. Wo die Mediziner diese Zeit dann nach dem 1. Oktober hernehmen, wenn Patienten mit Polymedikation dann auf einen Medikationsplan bestehen, bleibt abzuwarten. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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