Innovative Arzneiformen

Wenn kreative Apotheker therapeutische Lücken schließen

München / Stuttgart - 16.08.2016, 10:15 Uhr

Wenn es auf dem Markt nichts Passendes gibt, kann die Apotheke mit individuellen Rezepturen helfen. (Foto: Mike Richter / Fotolia)

Wenn es auf dem Markt nichts Passendes gibt, kann die Apotheke mit individuellen Rezepturen helfen. (Foto: Mike Richter / Fotolia)


Bei seltenen Krankheitsbildern sind Fertigarzneimittel oft Mangelware. Dann ist die Kreativität eines Pharmazeuten gefragt, zum Beispiel die von Apotheker Berthold Pohl aus München. Er hat gemeinsam mit einem Mediziner ein cortisonhaltiges Magengel zur Behandlung einer seltenen Gastritis-Form entwickelt. 

Ein junger Patient, 22 Jahre alt, leidet unter anhaltenden Oberbauchbeschwerden und morgendlicher Übelkeit und Erbrechen sowie einer Anämie. Eine Helicobacter-Eradikation und eine Protonenpumpenhemmer-Therapie bringen keine nachhaltige Besserung. Schließlich wird die Diagnose „kollagene Gastritis“ gestellt, eine seltene entzündliche Erkrankung des oberen Gastrointestinaltraktes (siehe Kasten).

Weil die Erkrankung sehr selten diagnostiziert wird, gibt es bisher keine allgemein empfohlene Therapieform. Glucocorticoide haben sich als wirksam erwiesen. Eine Steroid-Therapie scheint in schweren Fällen anderen Therapien wie Säureblockern, Antihistaminika oder protektiven Gitterbildnern (Sucralfat) überlegen zu sein. Eine Kombination wird jedoch als sinnvoll erachtet.

Kollagene Gastritis

Die kollagene Gastritis ist eine entzündliche Erkrankung des oberen Gastrointestinaltrakts. Sie ist zwar sehr selten diagnostiziert worden – seit der Erstbeschreibung 1989 bis zum Jahr 2014 wurden lediglich etwas mehr als 160 Fälle beschrieben –, es ist aber davon auszugehen, dass sie deutlich häufiger Magen-Beschwerden zugrunde liegt, mit denen pharmazeutisches Personal im Beratungsgespräch tagtäglich konfrontiert wird.

Die Ursache ist unbekannt. Der Nachweis erfolgt histologisch, wo diese Form der Gastritis durch ein verbreitertes Kollagenband unterhalb des Epithels der Magenschleimhaut auffällt. Außerdem ist sie durch einen vermehrten Nachweis von Entzündungszellen (Leukozyten) in der Schleimhaut gekennzeichnet. Zwei Formen werden beschrieben:

  • eine Form bei Kindern und jungen Erwachsenen mit den Symptomen Oberbauchbeschwerden, Übelkeit, Erbrechen und Eisenmangelanämie 
  • ein Krankheitsbild, das vor allem im höheren Alter auftritt. Bei dieser Form treten durch Mitbeteiligung des Dickdarmes (kollagene Kolitis, subepitheliales Kollegenband im Dickdarm) zusätzlich wässrige Durchfälle auf.

Die Eisenmangelanämie entsteht wahrscheinlich durch chronischen Blutverlust (Spontan- und Kontaktblutungen) aus der ödematös verdickten Magenschleimhaut.

Steroid mit wenig Nebenwirkungen gesucht

Konventionelle, systemische Steroide wie Prednison wirken, verursachen aber erhebliche Nebenwirkungen. Eine denkbare Option ist Budesonid, ein topisch wirksames, synthetisches Steroid mit hohem first-pass-Effekt, das kaum systemische Nebenwirkungen verursacht. Aufgrund dieser Eigenschaften wird es bereits zur lokalen Behandlung verschiedener Erkrankungen mit entzündlicher Genese eingesetzt: Zum Beispiel bei Asthma Bronchiale oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Es gibt jeweils eine Reihe speziell dafür angepasster Darreichungsformen, wie Inhalatoren bei Asthma oder Klysmen und Rektalschäume bei Darmerkrankungen. So kann der Wirkstoff direkt in die Atemwege oder den Darm eingeschleust werden, wo er lokal seine Wirkung entfaltet. Für den Magen existiert nichts Vergleichbares. Es gibt zwar Versuche mit Fischöl als Träger. Dies wird aber von Patienten schlecht akzeptiert.



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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6 Kommentare

Bravo

von norbert brand am 17.08.2016 um 12:11 Uhr

Bravo Kollege Pohl, es lebe die Arzneiformung in der Hand des Apothekers. Um Herrn Dr. Michel zu zitieren: "... viele KollegenInnen wissen gar nicht, was sie können. Sie haben sogar Angst davor, das zu tun, was sie können. Schlimm ist es, daß die Apothekerschaft fast nie selbst gestaltet, sondern sich gestalten läßt." (DAZ Heft 32, S.59). Sie zeigen was wir Apotheker eigentlich können müßten. Und - kaum macht einer von uns mal was - kommt prompt schon wieder aus den eigenen Reihen die miesepetrige Kaffeesatzleserei von Herrn Barz.

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AW: Kaffeesatzleserei im Biochemischen

von Heiko Barz am 17.08.2016 um 19:11 Uhr

Lesen Sie doch mal genauer, bevor Sie eine Kollegenmeinung als " Kaffeesatzleserei " bezeichnen. Ich kann bei meiner Zuschrift nichts Despektierliches und besonderes Kritisches erkennen außer der Frage, wie dieser therapeutische Erfolg biomedizinisch zu erklären ist.

Säurestabilität

von Dr. Berthold Pohl am 16.08.2016 um 19:38 Uhr

In diesem Fall war direkt der erste Versuch erfolgreich, ohne zusätzliche Gäbe eines Protonenpumpenhemmers o.ä.
Der Patient musste vorher über mehrere Jahre fast täglich nach dem Aufstehen spucken, nach wenigen Tagen Einnahme unserer Rezeptur war das vorbei, das hat uns schon gereicht. Wichtig war es unserer Auffassung nach, das Gel erstmal dahinzubringen und dort zu einer verlängerten Kontaktzeit zu kommen. Scheint geklappt zu haben...

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AW: Budenosid im Magen

von Heiko Barz am 17.08.2016 um 11:10 Uhr

Sehr geehrter Dr.Pohl,
es ist ja immer sehr erfreulich, Patienten zu helfen, aber wie ich Ihren Zeilen entnehme, geben Sie dem Status des Zufalls ein wenig Raum. ...." Dass es auf Anhieb"....
Wer heilt hat Recht!
Das beantwortet aber nicht meine Frage nach den magenspezifischen Modalitäten. Wenn Sie einen Stabilitätsfaktor mit der Zitronensäure von ca. PH 4-5 angeben, so ist diese im Spektrum der Magensäure nur kurzfristig haltbar. Auch die Vorstellung, dass sich die Hydroxymethylzellulose dauerhaft schützend vor magensaftsezernierende Zellen legt, entzieht sich meiner Kenntnis der Physiologie des Magens.
In diesem Fall muß es eine starke Affinität durch das schwerlösliche Budenosid in Bezug auf die Entzündungsherde geben, um diese beschriebene Wirkung zu haben.
Dennoch ist es erstaunlich, dass auf "Nebenwegen" auch für seltenste Krankheitsphänomene immer wieder Heilungsprozesse gefunden werden.
Mit freundlichen Grüßen,
Heiko Barz

Cortisonmagengel

von Heiko Barz am 16.08.2016 um 14:13 Uhr

Wie aber wirkt sich die wesentlich stärkere Magensäure auf die Struktur des Gels als Trägersubstrat aus?
Müßte nicht, um die Therapie zu sichern, ein starkes Antazidum zusätzlich gereicht werden?

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AW: Antazidum

von DAZ.online Redaktion am 16.08.2016 um 16:38 Uhr

Lieber Herr Barz, wir reichen die Frage weiter.
Viele Grüße

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