Emtricitabin / Tenofoviralafenamid

IQWiG sieht keinen Zusatznutzen für HIV-Kombi

Stuttgart - 15.08.2016, 16:00 Uhr

Die Fixkombination aus Emtricitabin und Tenofoviralafenamid ist seit Mai in der Apotheke zu haben. (Foto: Gilead)

Die Fixkombination aus Emtricitabin und Tenofoviralafenamid ist seit Mai in der Apotheke zu haben. (Foto: Gilead)


Für die Wirkstoffkombination Emtricitabin/Tenofoviralafenamid (Descovy®) gibt es keinen Beleg für einen Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie. Zu diesem Schluss kommt das IQWiG bei seiner am Montag veröffentlichten Nutzenbewertung für das HIV-Arzneimittel. 

Tenofoviralafenamid ist ebenso wie Tenofovirdisoproxil (Viread®) ein Prodrug des Reverse-Transkriptase-Hemmers Tenofovir. Im Unterschied zu Tenofovirdisoproxil  ist Tenofoviralafenamid im Plasma stabil und wird erst in den Zellen enzymatisch von Cathepsin A zu Tenofovir umgewandelt. So wird die Selektivität erhöht. Das soll zu besserer Wirksamkeit bei geringeren Nebenwirkungen führen.

Die Fixkombination aus Tenofoviralafenamid und Emtricitabin (Descovy®) wurde im Mai 2015 in Deutschland eingeführt. Wie alle neuen Wirkstoffe muss es sich der frühen Nutzenbewertung unterziehen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat seine Einschätzung am Montag veröffentlicht.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte die Patienten in vier Gruppen unterteilt: therapienaive und vorbehandelte Jugendliche – Emtricitabin/Tenofoviralafenamid ist ab zwölf Jahren bzw. ab einem Körpergewicht von 35 kg zugelassen – sowie Erwachsene. Bei Letzteren wurde ebenfalls unterschieden, ob sie bereits eine Therapie erhalten hatten oder nicht. 

Tenofovir

Tenofovir gehört zur Gruppe der nukleotidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NtRTI) und ist gegen HIV-1 und Hepatitis B wirksam. Eingesetzt wird es als Prodrug, in Form des Tenofovirdisoproxilfumarats oder als Tenofoviralafenamid . 

Die Vorstufe wird zum Nukleotid-Analogon Tenofovir, das strukturell dem Adenosinmonophosphat ähnelt, umgewandelt. Es hat einen dualen Wirkmechanismus: Nach Phosphorylierung zum Tenofovirdiphosphat blockiert es für die Virusreplikation essenzielle Enzyme, die reverse Transkriptase beim HI-Virus, die DNA-Polymerase beim Hepatitis-B-Virus. Zudem wird es statt des natürlichen Substrats in die DNA eingebaut und führt zum Kettenabbruch. Tenofovir wird gemeinsam mit anderen Wirkstoffen zur im Rahmen einer antiretroviralen Kombinationstherapie zu Behandlung einer HIV-Infektion und zur PrEP sowie zur Hepatitis-B-Behandlung eingesetzt.
Handelsnamen:

Tenofovirdisoproxil : Viread® (in Kombination mit anderen Substanzen: Atripla®, Eviplera®, Stribild®, Truvada®)

Tenofoviralafenamid: Genvoya®  (in Kombination mit anderen Substanzen: Odefsey®, Descovy®)

Keine Daten für Jugendliche

Bei den therapienaiven Erwachsenen wich der Hersteller von der vom G-BA festgelegten Vergleichstherapie ab, bei den vorbehandelten Patienten ist nach Ansicht des IQWiG für eine bestimmte Gruppe der Schaden sogar größer als der Nutzen. Denn vorbehandelte Erwachsene ohne Umstellungsindikation hätten von der neuen Kombination einen höheren Schaden zu erwarten als von der Fortführung ihrer bisherigen Therapie, schreibt das IQWiG. Es treten vermehrt Erkrankungen des Nervensystems als Nebenwirkung auf, heißt es weiter.

Für Jugendliche wurden keine Daten vorgelegt. In den Leitlinienempfehlungen werde nicht zwischen Jugendlichen und Erwachsenen unterschieden, und die Jugendlichen machten weniger als ein Prozent der Zielpopulation aus, begründete der Hersteller dies. Das IQWiG folgte dieser Argumentation allerdings nicht.

Insgesamt kommt das IQWiG daher zu dem Schluss, dass ein Zusatznutzen von Emtricitabin/Tenofoviralafenamid gegenüber den zweckmäßigen Vergleichstherapien für keine der vier Fragestellungen belegt ist. Darüber soll für vorbehandelte Erwachsene, bei denen kein Anlass zu einer Umstellung besteht, die neue Therapie sogar von Nachteil sein, erklärt das IQWiG.

Über das endgültige Ausmaß des Zusatznutzens entscheidet der G-BA. Die Beschlussfassung ist für Anfang November 2016 anberaumt.

Emtricitabin

Emtricitabin hemmt selektiv und kompetitiv die reverse Transkriptase von HIV-1 und -2, die virale RNA in DNA überschreibt. Ein Vorgang, der für die Virus-Replikation von zentraler Bedeutung ist. Neben HIV ist Emtricitabin auch gegen Hepatitis B wirksam.
Emtricitabin, strukturell ein Cytidin-Analogon, gehört zur Klasse der nucleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI). Nach Phosphorylierung wird Emtricitabin-triphosphat anstatt des natürlichen Nukleotids als falscher Baustein in die DNA eingebaut. Es kommt zum Kettenabbruch und zu einer Blockade der Virusreplikation. Emtricitabin wird gemeinsam mit anderen Wirkstoffen im Rahmen einer antiretroviralen Kombinationstherapie zur Behandlung einer HIV-Infektion und zur PrEP (derzeit noch Off-Label) eingesetzt.
Handelsnamen: Emtriva® (in Kombination mit anderen Substanzen: Atripla®, Eviplera®, Stribild®, Truvada®, Descovy®, Odefsey®)


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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