Umfrage des BPI

Kassenwechsel wegen Exklusivverträgen?

Stuttgart - 08.08.2016, 13:25 Uhr

Zusatzbeiträge sind einer der Gründe, warum Patienten die Kasse wechseln. picture alliance/chromorange

Zusatzbeiträge sind einer der Gründe, warum Patienten die Kasse wechseln. picture alliance/chromorange


Ist ein exklusiver Rabattvertrag über ein Arzneimittel zur Behandlung einer chronischen Krankheit ein Grund, die Krankenkasse zu wechseln? Einer Umfrage zufolge soll das für 40 Prozent der gesetzlich Versicherten infrage kommen. Ein Blick auf die tatsächlichen Zahlen zur Wechselbereitschaft der Deutschen stützt diese Aussage nicht. 

60 Prozent der Befragten wären verunsichert, wenn ihre Krankenkasse für ein dauerhaft benötigtes Arzneimittel einen Rabattvertrag mit nur einem Anbieter abschließen würde. Für 40 Prozent der Befragten sei dieses Szenario sogar ein Grund, sich eine andere Krankenkasse zu suchen. So lautet das Ergebnis einer Umfrage, die der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) vom Meinungsforschungsinstituts INSA hat durchführen lassen.

Das Ergebnis sei ein Warnschuss in Richtung Kassen, wird Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer des BPI in einer Pressemeldung zitiert. Die Versicherten wollen Versorgungssicherheit bei Rabattverträgen, schreibt der BPI. Es könne zu Lieferengpässen kommen, wenn Krankenkassen sich aus Kostengründen nur an einen Hersteller binden. Der Pharma-Verband fordert daher gesetzliche Regelungen, die vorschreiben, dass mindestens drei Anbieter je Los einen Zuschlag erhalten müssen.

AOKen wachsen – trotz Ein-Partner-Verträgen

Ganz anders sieht das die AOK. Dort ist man der Auffassung, dass Mehrfachvergaben dem Patienten sogar schaden und verteidigt das Exklusivmodell. Damit erspare man den Versicherten Präparatewechsel, meinen die Ortskrankenkassen. Lediglich häufig verordnete Wirkstoffe schreibt die AOK im Drei-Partner-Modell aus, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Folgt man der Aussage der BPI-Umfrage, müssten sich also gerade die Ortskrankenkassen über sinkende Mitgliederzahlen beschweren. Darüber können sich die AOKen aber trotz Verträgen mit meist nur einem Anbieter je Wirkstoff aber nicht beklagen – ganz im Gegenteil.  Laut dem Statistik-Portal Statista dürfen sich die allgemeinen Ortskrankenkassen eher über wachsende Mitgliederzahlen freuen. Allen voran die AOK Baden-Württemberg, die von 2,99 Millionen Mitgliedern im Jahr 2015 auf 3,11 Millionen im Jahr 2016 (Stand 1. April) angewachsen ist und damit den größten Zuwachs der AOKen zu verzeichnen hat.

Auch den anderen AOKen hat die Bevorzugung der Exklusivverträge nicht geschadet. Alle elf Ortskrankenkassen konnten im vergangenen Jahr mit steigenden Mitgliederzahlen glänzen. Die AOK Plus konnte im vergangenen Jahr in Sachsen und Thüringen sogar mehr als 111.000 neue Mitglieder gewinnen.

Deutsche wechseln selten die Krankenversicherung

Gegen die BPI-These spricht auch, dass die Deutschen, was ihre Krankenversicherung angeht, nicht besonders wechselfreudig sind. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) wechselten 2015 gerade einmal drei Prozent der Versicherten ihre Kasse. Sie seien mit den Leistungen und dem Service ihrer Kasse zufrieden, begründeten 59 Prozent ihre Antwort. Besonders groß ist die Zufriedenheit unter den über 60-Jährigen. In dieser Altersgruppe fühlten sich 70 Prozent hinsichtlich Leistungen und Service bei ihrer Kasse gut aufgehoben.

Bei den abtrünnig gewordenen Versicherten hatte vor allem der Zusatzbeitrag den Ausschlag gegeben, die Kasse zu wechseln. Bei 43 Prozent war das der Fall. 27 Prozent suchten sich eine neue Versicherung, weil sie mit Leistungen und Service unzufrieden waren. Weitere 14 Prozent waren der Meinung, sie erhielten keine oder zu geringe Leistungen. Nach Verträgen mit nur einem Rabattpartner als Wechselgrund wurde in dieser Umfrage nicht explizit gefragt.  

Eine weitere Umfrage des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) bestätigt die Wechselträgheit der Deutschen. Demnach dachten 2015 weniger als zehn Prozent der GKV-Mitglieder darüber nach, sich eine andere Kasse zu suchen. Eine konkrete Wechselabsicht äußerten sogar nur drei Prozent. Davon gab jeder Fünfte den Preis beziehungsweise den Zusatzbeitrag als entscheidendes Motiv für den Wechsel an. Dieser Umfrage zufolge sollen die meisten Mitglieder bei der Wahl ihrer Krankenkasse vor allem nach dem Leistungsangebot gehen.

Zusatzbeiträge sind ein Grund zum wechseln

Den derzeit größten Schwund unter den gesetzlichen Kassen hat die DAK – sie hat im ersten halben Jahr 2016 rund 180.000 Versicherte verloren. Sind also Exklusivverträge einer der Gründe dafür, dass Deutschlands drittgrößter Kasse die Versicherten davonlaufen? Der BPI-Umfrage zufolge müsste dies ein Faktor sein. Exklusive Arzneimittel-Rabattverträge haben bei der DAK allerdings nur einen kleinen Anteil  – die Kasse setzt bei den meisten Wirkstoffen auf mehrere Partner, ganz so wie es der BPI fordert. Medienberichten zufolge sind es bei der DAK die zuletzt stark angestiegenen Zusatzbeiträge, die Versicherte zum Wechsel bewegen.

Dafür, dass Verträge mit nur einem Anbieter die Versicherten vergraulen, wie es die BPI-Umfrage suggeriert, gibt es also wenig bis keine Belege.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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