Protest gegen Sparpläne

Apotheker schreiben Brandbrief an Cameron

Stuttgart - 05.07.2016, 17:10 Uhr

Weniger Geld für britische Apotheken: die Sparpläne der Regierung könnten viele die Existenz kosten, befürchten Experten. (Foto: Comugnero Silvana / Fotolia)

Weniger Geld für britische Apotheken: die Sparpläne der Regierung könnten viele die Existenz kosten, befürchten Experten. (Foto: Comugnero Silvana / Fotolia)


Weitere 200.000 Briten haben gegen die drohenden Kürzungen beim Apothekenhonorar unterschrieben. Damit hat die Petition jetzt zwei Millionen Unterstützer. Mit den Unterschriften wurde ein Brief der Apothekerschaft an Premierminister Cameron übergeben. Die aktuelle politische Lage böte die Chance, die Sparpläne noch einmal zu überdenken, heißt es darin. 

Laut der britischen National Pharmacy Association (NPA), die die Interessen der Apotheker vertritt, ist die Petition „Unterstütze deine örtlichen Apotheken“, die größte, die es jemals im Gesundheitswesen auf der Insel gegeben hat. Sie richtet sich gegen die drohenden Kürzungen beim Apothekenhonorar.

Denn werden die Sparpläne der Regierung wie angekündigt umgesetzt, stehen Großbritanniens Apothekern tiefgreifende Veränderungen ins Haus. Die Vergütung der Apotheken für die Abgabe von Arzneimitteln soll um 170 Millionen Pfund (ca. 217 Mio. Euro) gekürzt werden, das entspricht einem Minus von 6 Prozent. Jede vierte Apotheke wäre Schätzungen zufolge in ihrer Existenz bedroht.

Zwei Millionen Bürger haben bereits mit ihrer Unterschrift gegen die Sparpläne der Regierung protestiert. 1,8 Millionen hat eine Delegation der NPA im Mai persönlich zum Amtssitz von Premierminister David Cameron in der Downing Street 10 in London gebracht. 200.000 weitere wurden jetzt übergeben. 

npa.co.uk
Die Apothekervertreter bei der Übergabe der Unterschriften im Mai. 

Gelegenheit die Pläne zu überdenken 

Auch diesmal nutzen die Apotheker die Gelegenheit, sich in einem beigelegten Brief an Premierminister David Cameron zu wenden – unterzeichnet vom Vorsitzenden der National Pharmacy Association, Ian Strachan, der Hauptgeschäftsführerin des Interessenverbandes der öffentlichen Apotheken PSNC (Pharmaceutical Services Negotiating Committee), Sue Sharpe, sowie des Chefredakteurs der „Pharmacy Voice“, Rob Darracott.

In ihrem Schreiben weisen die Vertreter der Apothekerschaft nochmals darauf hin, dass die anstehenden Entscheidungen unwiderrufliche Folgen für Patienten und Kommunen im ganzen Land hätten. Die aktuelle politische Lage böte aber die Chance, die Sparpläne noch einmal zu überdenken, heißt es in dem Brief. 

Sie spielen damit auf die ungewisse Zukunft der britischen Regierung nach dem positiven Brexit-Votum an: Der britische Premier hat bereits seinen Rücktritt angekündigt. Und auch im Gesundheitsministerium steht eine Änderung an. So hat Staatsminister Alistair Burt, der im Gesundheitsministerium unter anderem für das Apothekenwesen zuständig ist, heute bekannt gegeben, dass sein Amt ab September zur Verfügung steht  – also einen Monat bevor die Sparpläne in Kraft treten sollen. 

Im Namen aller Unterstützer der Petition wolle man die regierenden Politiker daran erinnern, dass die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung und Beratung durch die Apotheke das Fundament der qualitativ hochwertigen, pharmazeutischen Betreuung vor Ort bilde – und das überall in England. Die Sparpläne des Gesundheitsministeriums führten dazu, dass Arzneimittel zunehmend ohne persönlichen Kontakt zwischen Apotheker und Patient abgegeben werden, heißt es in dem Brief weiter.

Ein gefährliches Experiment

Der verstärkte Einsatz von moderner Technik erwecke zwar zunächst den Anschein, der Schlüssel zu einem effizienteren Gesundheitswesen zu sein, erklären die Apotheker. Tatsächlich verbessere aber die persönliche Betreuung durch die Apotheke vor Ort die Therapie. So werde sichergestellt, dass die 8 Milliarden Dollar, die der NHS jährlich in Arzneimittel für die medizinische Grundversorgung investiert, nicht verpufften.

Zum Schluss forderten die Standesvertreter den Premier auf, den konstruktiven Dialog zwischen Apotheker und Politiker aktiv zu unterstützen. Gemeinsam sei man in der Lage, das Apothekenwesen ebenso wie das gesamte das Gesundheitssystem effizienter zu gestalten.

In dem vorherigen Schreiben an Cameron hatte die Apothekerschaft die Sparpläne als ein gefährliches Experiment bezeichnet. Durch die Kürzungen werde der Zugang zu medizinischer Versorgung erschwert, was wiederum den Druck auf Allgemeinärzte und Notfallambulanzen erhöhe. Es sei ein grundsätzlicher Widerspruch, die Apotheken aufzufordern, sich stärker an der Bewältigung der riesigen Herausforderungen des Gesundheitssystems zu beteiligen und gleichzeitig Maßnahmen anzukündigen, die eine erfolgreiche Umsetzung stark behindern“, schrieb die NPA damals. Hinter jeder der rund 1,8 Unterschriften stecke eine Person mit Bedürfnissen, die von Apotheken erfüllt werden.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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