Umstrittener Unkrautvernichter

EU-Kommission verlängert Glyphosat-Zulassung

Brüssel - 29.06.2016, 07:00 Uhr

Glyphosat wird weltweit massenhaft eingesetzt - und hat einen Milliardenmarkt. (Foto: countrypixel / Fotolia)

Glyphosat wird weltweit massenhaft eingesetzt - und hat einen Milliardenmarkt. (Foto: countrypixel / Fotolia)


In letzter Minute: Kurz vor Ablauf der Zulassung erklärte EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis am Dienstag, dass Glyphosat weitere 18 Monate auf dem Markt bleiben wird. Die EU-Staaten konnten sich zuvor nicht auf eine Verlängerung einigen. Die Europäische Chemikalienagentur soll dennoch die Risiken neu bewerten.

Um 18 Monate will die EU-Kommission die Zulassung des Pflanzengifts Glyphosat verlängern, wie der Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Vytenis Andriukaitis am Dienstag bekanntgab. Nachdem sich die EU-Mitgliedsstaaten nicht auf eine gemeinsame Entscheidung geeinigt hatten, konnte nur noch die Kommission den Hersteller des umstrittenen Mittels, das US-Unternehmen Monsanto, vor einem zukünftigen Aus für Glyphosat in der EU bewahren. Ansonsten wäre die Zulassung Donnerstag ausgelaufen.

Die Entscheidung war in der EU wie auch in Deutschland stark umstritten. Die Bundesregierung hatte sich wie einige andere Staaten enthalten, da sich die Union für eine Verlängerung der Zulassung aussprach, während die SPD dies verhindern wollte. „Die Kommission wird unsere rechtlichen Pflichten erfüllen”, sagte Andriukaitis laut der Nachrichtenagentur „Reuters“. „Wir wissen sehr gut, dass wir am 30. Juni eine Frist haben. Wir werden eine Verlängerung für Glyphosat um 18 Monate erlassen.”

Keine neuen Daten absehbar

Es handele sich nun um einen klassischen Kompromiss, um dem Verfahren noch eine Chance zu geben, erklärte Horst-Henning Steinmann von der Universität Göttingen zur Entscheidung der EU-Kommission. Ihn wundert auch, dass nun die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) für die Neubewertung zuständig sein soll – eigentlich spiele sie im Pflanzenschutzverfahren gar keine Rolle. „Daher ist nicht leicht absehbar, wie sie die Daten auslegen wird“, erklärte Steinmann gegenüber dem Science Media Center Deutschland. „Man sollte nicht den Eindruck vermitteln, dass nun bis zur ECHA-Bewertung wichtige neue Fakten bekannt werden.“ Er verwies auch darauf, dass ähnliche Unkrautvernichter deutlich ungünstigere Nebenwirkungen hätten als Glyphosat.

Die EU-Kommission hatte kürzlich erst darauf gedrängt, dass die Mitgliedsstaaten eine Entscheidung herbeiführen. Laut Daniel Dietrich, Toxikologe von der Uni Konstanz, spiele die Kommission nun den „schwarzen Peter“ der ECHA zu, um eine „wissenschaftlich fundierte Entscheidung“ herbeizuführen. „Tatsache ist, dass drei unabhängige Expertenkommissionen Glyphosat beurteilt haben“, erklärte Dietrich – „da wird auch die ECHA keine neuen Erkenntnisse gewinnen können.“

Klare Parteipolitik

„Ein Expertenstreit besteht nicht“, sagte Dietrich weiter. Bei Einhalt der geltenden Anwendungsvorschriften für Glyphosat bestünde weder ein erhöhtes Krebsrisiko noch sonstige Gefahren, wie Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) bestätigt hätten. Den Ruf nach mehr „Wissen“ von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bewertet er als „klare Parteipolitik“.

Ähnlich sieht dies auch Wolfgang Dekant vom Lehrstuhl für Toxikologie der Uni Würzburg. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) habe Glyphosat zwar eine krebserregende Wirkung zugesprochen, doch müssten die Bewertungskriterien der Agentur beachtet werden. „Die von der IARC gemachten Eingruppierungen sagen nur, dass es Expositionsbedingungen geben kann, bei denen Glyphosat ,wahrscheinlich krebserzeugend‘ sein kann“, erklärte Dekant. Deshalb müssten sie in der Praxis nicht mit einem Gesundheitsrisiko einhergehen. „Dies ist meiner Einschätzung nach nur eine Lösung, um Zeit zu gewinnen und das Gesicht zu wahren“, kommentiert Dekant die Entscheidung der EU-Kommission. Neue Erkenntnisse seien selbst bei Durchführung einer weiteren Studie eher in einem Zeitraum von vier Jahren zu erwarten.

Unabhängige Langzeit-Studien gefordert

Zu einer anderen Bewertung kommt die Ökotoxikologin Rita Triebskorn von der Uni Tübingen – sie sieht einen Streit zwischen den Industrieinteressen und einer unabhängigen, wissenschaftlichen Einschätzung. „Viele wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sowohl der Wirkstoff als auch die Inhaltsstoffe der Formulierungen problematisch sind“, erklärte Triebskorn – und bezieht sich sowohl auf gesundheitliche Risiken beim Menschen als auch der Umwelt. Langzeiteffekte seien nachgewiesen. „Das Vorsorgeprinzip befiehlt, dass in diesem Fall gehandelt werden muss“, kommentierte die Wissenschaftlerin. „Die EU hat dies nicht berücksichtigt.“

Triebskorn fordert finanzielle Unterstützung für unabhängige Langzeit-Studien. Da ähnliche Mittel auch kein Ersatz seien, müssten neue integrierte Strategien für den Pflanzenschutzmittel-Einsatz entwickelt und vorgeschrieben werden.


hfd / DAZ.online
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