Artikel in „Nature“

Immuntherapie kontrolliert HI-Virus mehrere Wochen lang

New York/Köln - 23.06.2016, 07:00 Uhr

Sind die Antikörper eine neue Therapieoption? (Foto: jarun011 / Fotolia)

Sind die Antikörper eine neue Therapieoption? (Foto: jarun011 / Fotolia)


Eine Immuntherapie kann das HI-Virus eine Weile im Zaum halten. In einer kleinen Studie kontrollierte ein Antikörper den Aids-Erreger bis zu 19 Wochen lang, ehe die Viruslast wieder anstieg. Kombinationen aus Antikörpern könnten noch effektiver sein, vermuten die Forscher.

Eine Immuntherapie kann das HI-Virus bei Menschen mehrere Wochen lang unter Kontrolle halten. In einer kleinen US-Studie hielt der Antikörper 3BNC117 den Aids-Erreger knapp zehn Wochen im Zaum, ehe die Viruslast im Blut der Patienten wieder anstieg. Kombinationen von Antikörpern könnten das Unterdrücken des Virus verbessern, vermutet das Team um Johannes Scheid von der Rockefeller University in New York in der Zeitschrift „Nature“

Bislang können antivirale Medikamente die HIV-Last im Blut von Patienten bis unter die Nachweisgrenze senken. Eine Heilung ist jedoch nicht möglich, weil die Therapie die inaktiven Viren nicht erreicht. Diese Erreger haben ihr Erbgut in Wirtszellen eingebaut, treten aber ansonsten zunächst nicht in Erscheinung und bieten damit auch keine Angriffsfläche für die derzeitigen Arzneimittel. Für eine Heilung müsste eine Therapie dieses sogenannten Reservoire erreichen.

Untersuchung an 13 Probanden 

Die Forscher testeten nun den breit neutralisierenden Antikörper (bNAb; broadly neutralizing antibody) 3BNC117. Zwar sind inzwischen schon mehrere Antikörper bekannt, die ein breites Spektrum von HIV-Varianten neutralisieren, doch von ihnen ist 3BNC117 bislang am besten untersucht. In einer ersten Studie an Menschen hatte er sich im vergangenen Jahr als sicher erwiesen.

In einer Folgestudie prüfte das Team nun verschiedene Behandlungsvarianten an 13 HIV-Patienten, die während der Studie ihre antiretrovirale Therapie unterbrachen. Sieben von ihnen bekamen den Antikörper mit vier Infusionen im Abstand von zwei Wochen. In dieser Gruppe hielt der Effekt der Antikörper 3 bis 19 Wochen an. Im Mittel vergingen knapp 10 (9,9) Wochen, bis die Viruslast wieder anstieg. Zum Vergleich: In einer vergleichbaren Gruppe ohne jegliche Therapie würde dies nach Angaben der Forscher etwa 2,6 Wochen dauern.

Gegen welche Viren-Typen helfen die Antikörper? 

Bei insgesamt acht Teilnehmern sequenzierten die Forscher das Genom der wieder auftretenden Viren. Bei fünf von ihnen waren diese Erreger relativ ähnlich. Möglicherweise, so vermuten die Autoren, neutralisiere der Antikörper sehr viele Erreger-Varianten aus den Reservoiren, so dass sich nur noch wenige Typen vermehren könnten. Somit übe er auf die Viren aus den Reservoiren einen starken Selektionsdruck aus. 

Wirksame antivirale Therapien benötigten Kombinationen von Medikamenten, um HIV zu unterdrücken, schreiben die Wissenschaftler. Möglicherweise seien auch bei der Immuntherapie Kombinationen von Antikörpern erforderlich, um das HI-Virus im Menschen noch länger zu unterdrücken. Ob der Antikörper auch die Größe der HIV-Reservoire verändere, müssten weitere Untersuchungen zeigen.

Tests auch in Deutschland 

„Man sucht nach Alternativen zu der lebenslangen antiviralen Therapie, indem man die Antwort des Immunsystems verbessert. Die Ergebnisse dieser Studie sind sehr ermutigend“, sagt Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln. Der Infektiologe arbeitet ebenfalls mit dem in der Studie untersuchten Antikörper. Er will noch in diesem Jahr eine Behandlung mit einer Kombination von zwei Antikörpern, darunter 3BNC117, an Menschen testen.


Walter Willems, dpa
redaktion@daz.online


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