FIFA-Studie

Spieler nehmen „Schmerzmittel wie Smarties“

Berlin - 20.06.2016, 07:00 Uhr

Beim Fußball kann es auch mal wehtun. Oft kommen vorbeugend rezeptfreie Schmerzmittel aus der Apotheke zum Einsatz. (Fotoa: synto / Fotolia)

Beim Fußball kann es auch mal wehtun. Oft kommen vorbeugend rezeptfreie Schmerzmittel aus der Apotheke zum Einsatz. (Fotoa: synto / Fotolia)


Jeder dritte Profi-Fußballer nimmt einer Untersuchung der FIFA zufolge vor dem Spiel Schmerzmittel ein. NSAR und niederpotente Opioide sind zwar im Spitzensport nicht verboten, aber die langfristige Einnahme dieser Arzneimittel kann schwerwiegende Folgen haben. 

Analgetika sind unter Profi-Fußballern weit verbreitet. Das berichtet die „Ärzte-Zeitung“ unter Berufung auf eine Studie der FIFA. Der Weltfußballverband hatte diese während der WM in Südafrika in Auftrag gegeben. Die Teamärzte sollten eine Liste erstellen, welche Arzneimittel die Spieler innerhalb von drei Tagen vor dem Spiel eingenommen hatten.

Die Untersuchung ergab, dass 34,6 Prozent der Turnierteilnehmer vor Anpfiff ein nicht-steroidales Antirheumatikum (NSAR), wie Aspirin oder Ibuprofen eingenommen haben. Je älter die Spieler, desto mehr Schmerzmittel wurden konsumiert. Vier Jahre zuvor hatte der Test ergeben, dass 29,6 Prozent der Spieler zur Tablette griffen.

Zum Teil würden die Schmerzmittel auf eigene Faust eingenommen, zum Teil auf Verordnung des Teamarztes. Viele nähmen sie auch prophylaktisch, um möglichen Schmerzen während des Spiels vorzubeugen, heißt es in der Ärzte-Zeitung. 

Schmerzmittel wie Smarties 

Bereits 2008 erklärte Professor Wilfried Kindermann, ehemaliger Teamarzt der deutschen Nationalmannschaft, Schmerzmittel würden wie Smarties eingeworfen. Doch die Präparate sind, obwohl sie zum Teil ohne Rezept erhältlich sind, eben keine harmlosen Süßigkeiten. NSAR können zu Leber- und Nierenschäden führen, insbesondere wenn sie längerfristig eingenommen werden. Davor warnt auch der FIFA-Chefmediziner, Professor Jiri Dvorak, nach Veröffentlichung der Studie.

Alle Schmerzmittel auf die Dopingliste zu setzen, sei allerdings kein gangbarer Weg, heißt es. Dann dürfte ein Spieler nicht einmal mehr eine Kopfschmerztablette einnehmen, argumentiert Professor Gerd Geißlinger vom Institut für Klinische Pharmakologie des Universitätsklinikums Frankfurt am Main gegenüber der „Ärzte-Zeitung“. Niederpotente Opioidanalgetika der Stufe II (Tramadol, Tilidin und Naloxon, Dihydrocodein) gehörten seiner Ansicht nach aber verboten. Derzeit sind nur starke Opioide wie Morphin, Fentanyl und Oxycodon nicht erlaubt.

Darüber hinaus wünscht sich Geißlinger mehr Aufklärung im Bereich Schmerzmittel. Er glaube, dass viele Leistungssportler gar nicht wüssten, was sie mit den erlaubten Substanzen anrichten können. Er sieht die Mannschaftsärzte in der Pflicht. So müsste bei der Verordnung der Analgetika neben Kontraindikationen und Unverträglichkeiten, auch die zulässige Höchstdosis beachtet werden. Derzeit sei das aber nicht immer der Fall. 

Nicht nur im Fußball ein Problem

Schmerzmittel vor dem Wettkampf werden aber nicht nur im Profifußball eingesetzt. Auch andere Sportler holen sich Unterstützung aus der Apotheke. So hatte beim Bonn-Marathon jeder zweite Teilnehmer, das heißt fast 2000 Läufer, vor dem Lauf rezeptfreie Schmerzmittel eingenommen. Die meisten waren sich der potenziellen gesundheitlichen Gefahren nicht bewusst. Neun Athleten der untersuchten Kohorte mussten nach dem Lauf ins Krankenhaus eingewiesen werden. Die Autoren der Studie sehen einen Zusammenhang mit der Analgetikaeinnahme.


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5 Kommentare

Jahrelang im Spitzensport agiert

von Veit Eck am 22.06.2016 um 17:57 Uhr

Ich war neben meiner Tätigkeit in einer Klinikapotheke jahrelang aktiv als Basketballschiedsrichter, auch in den Bundesligen, und Sportfunktionär im Schiedsrichterwesen. Deshalb ist mein Einblick in die Szene doch etwas intimer. Ich kann mich immer nur wundern über alle Leute, die keinen Kontakt zum Spitzensport im Land haben, und alles wissen wollen. Meine Erfahrungen für den Sport in Deutschland sind anders. Da wird überall sehr genau auf die geltenden Regeln geschaut - der Flurschaden durch Doping wäre nämlich gewaltig.

Gerade im Fußball werden Vermarktungsverträge im Milliardenbereich abgeschlossen - Doping kann sich kein Verein und keine Mannschaft leisten. Und in den anderen Sportarten sind die Summen wegen geringer TV Präsenz zwar kleiner, aber da gilt das auch.

Übrigens, Deutschland ist auch in der Forschung Spitze - viele internationale geschätzte Experten lehren und forschen an deutschen Hochschulen.

Leider ist das Thema mit zu vielen Emotionen besetzt, und viele sog. Studien und Meinungen sind nicht belegt und einfach unseriös. Dies bezieht sich nur auf den Spitzensport.

Völlig anders der Breitensport - da gibt es eine einschlägige Szene, und nicht nur bei Fitnessstudios, Triathlon und Marathon. Da sind eigentlich alle Kolleginnen und Kollegen in ihren Apotheken gefordert sich des Themas anzunehmen.

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AW: Schmerzmittel

von Albrecht Bodegger am 23.06.2016 um 18:15 Uhr

In der von Frau Borsch zitierten Untersuchung geht es doch gar nicht um unerlaubte Substanzen, sondern um Schmerzmittel, die nicht auf der Doping-Liste stehen und deshalb per Definition kein Doping sind. Wenn die eingenommen werden, sind Sie als Schiedsrichter wohl kaum dabei. Genauso wie bei allen anderen Substanzen, die entweder (noch) nicht verboten oder (noch) nicht nachweisbar sind.

NSAR auch im Breitesprort ein Problen?

von Thesing-Bleck am 20.06.2016 um 9:36 Uhr

Apotheker*innen sollten diese Studie zum Anlass nehmen, sensibel zu werden für die Einnahme von Schmerzmitteln insbesondere von NSAR im Breitsport. Auch hier wird oft bis an die Grenze des Belastbaren trainiert. Wenn diese Grenzen erreicht oder gar überschritten werden entsteht der erwünschteTrainingseffekt. Und genau das kann mit Schmerzen verbunden sein. Die Versuchung Schmerz ähnliche Trainingszustände durch NSAR erträglicher zu machen, halte ich auch im Breitesport für gegeben.
Ich finde es gut, dass die DAZ für den Spitzensprort das Thema Schmerzmitteleinsatz aufgegriffen hat. Wünscherswert ist aber auch eine breite fachliche Diskussion dieses Themas in unserem Fortbildungsangebot mir einem starken Focus auf den Breitsport.

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Einspruch !!!

von Veit Eck am 20.06.2016 um 8:53 Uhr

Ich habe einige Jahre als Apotheker mit der medizinischen Abteilung mehrerer Bundesligavereine zusammen gearbeitet.

Ich kann diese Aussage dieser Studie NICHT bestätigen.
Meine Erfahrung ist da völlig anders - zuerst wird peinlich genau auf die erlaubten Substanzen der Dopingliste geschaut, und dann sind zunächst nichtmedikamentöse Methoden in der first line. Da gibt es in den KG Abteilungen wirklich top Leute. Und dann sind oftmals homöopathische Arzneimittel erste Wahl.

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AW: Homöopathie im Spitzensport?

von Albrecht Bodegger am 20.06.2016 um 14:36 Uhr

Herr Eck, Ihre Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Bundesligavereinen in allen Ehren, aber ich vermute, dass so einiges, was Profisportler verabreicht bekommen oder auf eigene Rechnung einnehmen, nicht aus der offiziellen Apotheke stammt, mit der der Verein zusammenarbeitet. Vom Breitensport gar nicht zu reden. Siehe die aktuellen, sehenswerten Dokumentationen von arte zum Thema Doping.

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