Nach Verkaufsgerüchten 

Wäre Stada allein überlebensfähig?

München - 13.06.2016, 08:30 Uhr

Generikahersteller Stada bringt unter Berücksichtung von Analysten alle Bedingungen mit, um erfolgreich zu sein - und zu bleiben. (Foto: Unternehmen)

Generikahersteller Stada bringt unter Berücksichtung von Analysten alle Bedingungen mit, um erfolgreich zu sein - und zu bleiben. (Foto: Unternehmen)


Die Gerüchteküche um die Zukunft des Generika- und OTC-Herstellers Stada kocht weiter hoch. Auf Meldungen über angebliche Verkaufsgespräche reagierte das Unternehmen zuletzt mit einem Dementi. Aufschlussreicher als ein Blick in die Kristallkugel ist ein Blick auf die Kriterien, die für erfolgreiche Unternehmen in der wachsenden und milliardenschweren Generikabranche gelten. Entscheidend sind Strategie, Marktposition und Schnelligkeit. Unter diesen Gesichtspunkten steht Stada nicht schlecht da. 

Stada führt erste, informelle Gespräche mit dem britischen Finanzinvestor CVC über eine mögliche Übernahme, meldete das „Wall Street Journal“ Ende Mai. „Das sind Gerüchte. Es gibt keine Gespräche mit CVC, und es hat auch keine gegeben“, verkündete ein Sprecher nun. Seit Wochen steht der Bad Vilbeler Arzneimittelhersteller Stada in den Schlagzeilen, die Lage ist unübersichtlich. Erst macht der aktivistische Frankfurter Investor Active Ownership Capital (AOC) Druck auf das Unternehmen. In der Folge brodeln Aufspaltungs- und Übernahmegerüchte hoch.

Wo kein externer Beobachter etwas Genaues weiß, hilft ein Blick auf die Branche und ihre Besonderheiten, um mehr Klarheit zu gewinnen. So stellt sich die Frage: Wäre Stada in der wettbewerbsintensiven Generikabranche langfristig alleine überhaupt überlebensfähig?

Oliver Kubli, Managing Director der Schweizer Finanzgruppe Bellevue und Manager des Fonds BB Adamant Global Generika, geht gegenüber DAZ.online auf die Voraussetzungen und Qualitäten ein, die Unternehmen aus der Generika- und OTC-Branche mitbringen müssen, um erfolgreich zu sein. Ein entscheidender Faktor ist nach seinen Worten der erhebliche Kostendruck in der Branche, der die Hersteller zwinge, zu wachsen. Dies wiederum geschehe meistens durch die Übernahme von Konkurrenten. Nur wer die größten Skalenvorteile aufbringe, könne die Konkurrenten preislich unterbieten und sich dadurch Marktanteile sichern.  

Kostenkontrolle und Diversifikation

Wichtig ist nach Kublis Worten auch Schnelligkeit. Denn nach dem Patentablauf des Originalproduktes stehen vielfach mehrere Generikaanbieter mit ihren Nachfolgearzneien parat, um sich einen Teil des Marktes zu sichern. Hinzu kommen ein breites Portfolio, strikte Kostenkontrolle und geografische Diversifikation – also die Präsenz in möglichst vielen unterschiedlichen Märkten. „Für manche kleineren Anbieter werden diese Hürden zu hoch und sie zu Übernahmekandidaten“, erklärte Kubli vor einiger Zeit gegenüber „Fonds Exklusiv“.  

Stada steht unter Berücksichtigung dieser Kriterien gar nicht schlecht da, wie MM Warburg-Analyst Ulrich Huwald gegenüber DAZ.online feststellt. So habe das Unternehmen in zahlreichen Ländern eine starke beziehungsweise führende Marktposition. Die Tatsache, dass Stada in den USA, dem weltweit größten Pharmamarkt, so gut wie gar nicht vertreten ist, sieht Huwald dabei nicht als Nachteil an. Denn der US-Markt folge anderen Regeln und Gesetzen, getrieben durch einen hohen Mengen- und Preisdruck.

Hinzu komme bei Stada, dass das Unternehmen im Generikasegment immer wieder in die Entwicklung neuer Produkte investiere und daher über eine gut gefüllte Pipeline verfüge. Bei den OTC-Produkten von Stada sieht der Analyst zudem noch Wachstumspotenzial. Die Margen in diesem Bereich seien höher als bei den Generika, und es gebe keinen Preisdruck durch staatliche Stellen. Entscheidend in diesem Segment sei vielmehr, über starke Marken zu verfügen. 

Gute Aussichten für Generika

Positiv für Stada ist auch, dass die grundsätzlichen Aussichten der Generikaindustrie gut sind. Der Markt legt global zu. Nach den Informationen von Bellevue-Manager Kubli wird das geschätzte Umsatzwachstum der Branche für die nächsten Jahre bei über zehn Prozent pro Jahr liegen, was drei Mal so hoch sei wie im Pharmasektor.

Der Gesamterlös auf dem globalen Generikamarkt dürfte bis 2017 auf jährlich mehr als 400 Milliarden US-Dollar wachsen. Nach Schätzungen der Marktforscher von IMS-Health sollte dabei der Anteil der Generika am Gesamtmarkt für Medikamente innerhalb von nur fünf Jahren von rund 27 Prozent im Jahr 2012 auf voraussichtlich 36 Prozent im Jahr 2017 klettern. Der Grund dafür liege zum einen in der Erschließung immer neuer Märkte. Es gebe immer noch viele Länder, die eine unterdurchschnittliche Generikadurchdringung aufweisen, beispielsweise Japan.

Des Weiteren wachsen Länder wie China, Indien oder Indonesien zweistellig – und damit auch deren Pharmabudgets. Hinzu kommt, dass zunehmend Biosimilars als Nachfolgeprodukte von biopharmazeutischen Arzneimitteln auf den Markt drängen. Allein bis 2020 sollen Biopharmazeutika im Volumen von 100 Milliarden Dollar ihren Patentschutz verlieren.  

Übernahmen seit vielen Jahren 

Kein Wunder, dass die Generikaunternehmen versuchen, sich durch Wachstum und Größe einen möglichst stattlichen Anteil an diesem Kuchen zu sichern. Seit Jahren ist die Branche geprägt von spektakulären Übernahmen. So entwickelt sich der israelische Hersteller Teva mit dem Kauf der Generikageschäfte von Allergan für 40,5 Milliarden Dollar zur mit Abstand größten Generikafirma der Welt. Damit bringt es Teva künftig auf einen Umsatz von 26 Milliarden Dollar. Dabei war der Augenarzneimittel-Hersteller Allergan gerade mal ein Jahr zuvor vom irisch-amerikanischen Branchenriesen Actavis zum stolzen Preis von 66 Milliarden Dollar übernommen worden. Actavis benannte sich daraufhin in Allergan um. 

Erst vor wenigen Monaten gab der US-Generikakonzern Mylan bekannt, den schwedischen Konkurrenten Meda für rund 9,9 Milliarden US-Dollar übernehmen zu wollen. 2014 hat der indische Generikahersteller Sun Pharmaceutical den ebenfalls indischen Wettbewerber Ranbaxy Laboratories für vier Milliarden US-Dollar geschluckt, nachdem sich zuvor der japanische Pharmakonzern Daiichi Sankyo mit einer Mehrheitsbeteiligung bei Ranbaxy eine blutige Nase geholt hatte: Die indische Firma schaffte es, über Jahre gegen Regularien der US-Arzneimittelbehörde FDA zu verstoßen und musste einen schmerzlichen Importstopp in die USA hinnehmen. 

Auch der deutsche Generikamarkt hat stattliche Übernehmen gesehen: Im März 2010 wurde Ratiopharm für 3,6 Milliarden Euro an Teva verkauft. Im Jahr 2005 schluckte der Schweizer Pharmariese Novartis den damals zweitgrößten deutschen Generikahersteller Hexal für 5,65 Milliarden Euro.  

Wertsteigerung erhalten

Kein Wunder, dass sich auch um Stada als eines der letzten verbliebenen großen Übernahmeziele seit Jahren immer wieder Kaufgerüchte ranken. Unabhängig, ob es letztlich zu einer Übernahme oder einer Aufspaltung des Unternehmens in den OTC- und den Generikabereich kommt, hat das Auftreten des Investors AOC nach den Worten Huwalds bereits Bewegung in das Unternehmen gebracht – „was nicht schlecht sein muss“. Auch der Aktienkurs hat dadurch kräftig zugelegt. Selbst wenn Stada letztlich selbstständig bleibt, dürfte dem Management nach Huwalds Einschätzung daran gelegen sein, den Kursanstieg zu festigen. Das wiederum könnte ein gewisser Schutz gegen eine Übernahme sein.  


Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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