Arzneimittel-Preise

Mit Kompetenzzentren gegen Hochpreiser

Berlin - 13.06.2016, 16:55 Uhr

Wo finden Preis und Nutzen ihre Balance? (Foto: pogonici / Fotolia)

Wo finden Preis und Nutzen ihre Balance? (Foto: pogonici / Fotolia)


Die Diskussion um teure Onkologika wird angesichts neuer Mittel mit Therapiekosten in Höhe von einer halben Million Euro anhalten, fürchtet Barmer-Chef Christoph Straub. Er fordert neue Strukturen, um die Kosten im Griff zu halten. Was darf Innovation kosten? 

Kurz bevor die Barmer GEK am morgigen Dienstag ihren Arzneimittelreport präsentiert, bringt der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Christoph Straub, eine Strukturreform ins Spiel: Kompetenzzentren sollen zukünftig dafür sorgen, dass hochpreisige Onkologika und andere teure Arzneimittel bei den richtigen Patienten ankommen, ohne das Gesundheitssystem zu stark zu belasten. Er erwartet, dass einige neue Kombinationstherapien im kommenden Jahr zu Kosten von 500.000 bis 800.000 Euro führen, pro Patient – und inklusive der nötigen aufwändigen Diagnostik. 

Derartige Ansätze sollten nur an einigen spezialisierten Kliniken durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass die Therapien nach passender Diagnostik indikationsgerecht erfolgen, sagte er auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit am Freitag. Seiner Meinung nach reiche hier auch eine Facharzt-Qualifikation nicht aus. 

Auch der frühere G-BA-Vorsitzende Rainer Hess denkt, dass Hochpreiser-Ausgaben wohl nur über passende Strukturen begrenzt werden können, wie er auf der Veranstaltung sagte. Die Frage, welcher Preis für welche Therapie angemessen ist, zog sich durch den Kongress. Schon in ihrem Eröffnungsbeitrag sagte die parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz, dass das Solidarsystem nur nützliche Innovationen finanzieren könne. Der Begriff sei „kein Gütesiegel an sich“, sondern ein Nutzen müsse evidenzbasiert nachgewiesen werden, sagte die CDU-Gesundheitspolitikerin.

Passend zur Debatte verschickte der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) am Montag eine Pressemitteilung, dass der Anteil von Krebsmedikamenten an den Arzneimittelausgaben der Kassen stabil bei rund elf Prozent liege. „Dies ist möglich, da es zeitgleich zu Innovationen Arzneimittel gibt, die aus dem Patent auslaufen“, erklärte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. „So bleibt die Finanzierung neuer, innovativer Arzneimittel gesichert.“

Freude über die Innovationen

Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth, Eckhard Nagel, betonte in einer Diskussion um die Frage nach ethischen Preisen für Innovationen den Segen des medizinischen Fortschritts. „Es gab keine bessere Zeit als heute“, sagte Nagel – da seine Studenten am Ende des Studiums von neuen Therapieoptionen hören, die kurz vorher noch in weiter Ferne schienen. Als Beispiel brachte Nagel, der auch langjähriges Mitglied im Deutschen Ethikrat war, die HPV-Impfung ein: „Diese Sprunginnovation wäre es wert gewesen, sich erstmal nur zu freuen“, sagte Nagel zum 2006 zugelassenen Impfstoff. Er bemängelte, dass wie auch bei anderen Arzneimitteln sehr schnell die Diskussion über die Preise losbrach.

Gleichzeitig erwartet Nagel für die nächste Legislaturperiode eine verschärfte Debatte um die Erzielung von Profiten in der Medizin. „Es tut unserem Bundesgesundheitsministerium gut, sich jetzt endlich der Diskussion um die Priorisierung zu stellen“, sagte Nagel in Berlin. Alle Festlegungen, die im Bezug auf die Preisbildung getroffen werden, hätten eine ethische Implikation. 

Gesundheitssystem am Leben erhalten

Auch Straub von der Barmer GEK rechnet mit weiter stark steigenden Ausgabensteigerungen. Diese seien nicht primär durch den demografischen Wandel verursacht, sondern nach Studien sei der medizinische Fortschritt der Treiber. „Bei unseren Arzneimittelausgaben der Barmer GEK entfallen knapp 40 Prozent auf knapp 3 Prozent der Tagesdosen“, sagte Straub.

„Wir sind uns unserer Verantwortung als Industrie bewusst“, entgegnete Patrick Horber, Geschäftsführer von AbbVie Deutschland, den Vorwürfen von Mondpreisen. Er betonte, auch aus Sicht von Pharmafirmen sei es das Ziel, einen Preis zu finden, der das Gesundheitssystem am Leben erhält – „und uns gleichzeitig erlaubt, bahnbrechende Innovationen zu ermöglichen“.

Positiver Impact

Zur Diskussion um die Preise der neuen Hepatitis-C-Arzneimittel betonte Horber, dass nun fast jeder Patient die Möglichkeit habe, geheilt zu werden. „Es ist meine Aufgabe als Geschäftsführer, den Wert der Innovation mit den Kosten zusammenzubringen“, sagte er. „Wir haben versucht, eine Preisgestaltung vorzunehmen, die bezüglich der Innovation nachvollziehbar ist.“ Dabei hätten sie als Vergleich die Kosten für eine bestehende Vergleichstherapie herangezogen. „Es gibt einen unheimlich positiven Impact auf den Patienten und auf die Gesellschaft“, sagte Horber, „und das muss auch seinen Preis haben.“

AbbVie würde seinen Betrag leisten, um die Balance zwischen dem Innovationsgrad und den Kosten sicherzustellen. „Wir stellen uns dem AMNOG heute und werden das auch morgen tun, das ist ganz klar“, sagte er. Jedoch verwies Horber darauf, dass es therapeutische Gebiete wie Hepatitis C oder Epilepsie gebe, wo das AMNOG noch lernen könne.

Welcher Pfad führt in die Zukunft?

Susanne Mauersberg von der Verbraucherzentrale Bundesverband warf einen Blick auf die langfristige Zukunft. So würden deutlich mehr Langzeitbewertungen benötigt. Auch müsse das AMNOG nachgeschärft werden, um die erhofften Preisreduktionen tatsächlich zu erreichen. In der Onkologie seien viele Preise keine rationalen Preise im Sinne einer „Money-for-value-Logik“, sagte Mauersberg. „Der Gesetzgeber ist gefragt“, betonte sie – und begrüßte das klare Votum des Ärztetages, dass die freie Preisgestaltung im ersten Jahr der Vergangenheit angehören sollte.

Gleichzeitig rief sie dazu auf, den Blick zu weiten – und sich nicht auf Arzneimittel zu versteifen. Dies sei ihres Erachtens ein „Innovationspfad der Vergangenheit“, sagte Mauersberg. „Ich finde es wichtig, dass man sich klar wird, dass sich mit der Digitalisierung ganz neue Pfade auftauchen.“

Update vom 14.06.2016: Eckhard Nagel ist inzwischen Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth - dies wurde entsprechend korrigiert.


Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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