Hermann gegen Preisdumping

AOK will keine Gratis-Pille

Berlin - 10.06.2016, 17:50 Uhr

Christopher Hermann: Seine Rabattverträge setzen Apotheken bis heute zu. Nun hat er ein ganz neues Problem: Gratis-Arzneimittel. (Foto: AOK Ba-Wü)

Christopher Hermann: Seine Rabattverträge setzen Apotheken bis heute zu. Nun hat er ein ganz neues Problem: Gratis-Arzneimittel. (Foto: AOK Ba-Wü)


Das Pharmaunternehmen Mibe will der AOK seine Anti-Baby-Pille schenken – wenn es dafür einen exklusiven Rabattvertrag erhält. Die Vergabekammer des Oberlandesgerichts Düsseldorf hat nun entschieden, dass die Kasse dieses günstige Angebot annehmen muss. Die AOK will das aber gar nicht.

Rabattverträge gehören seit rund zehn Jahren zum Geschäft der AOK Baden-Württemberg. Bundesweit ist sie für die Ausschreibung von Rabattverträgen für die ganze AOK-Gemeinschaft zuständig. Sie hat sich durch die juristisch schwierige Anfangszeit gekämpft, zahlreiche Prozesse ausgestanden, die verschiedene Hersteller gegen die Kasse angestrengt haben. Nicht zuletzt die Zähigkeit ihres Vorstandschefs Dr. Christopher Hermann hat sich am Ende für die AOKen ausgezahlt. Sie sparen Jahr für Jahr viel Geld durch die Verträge. 

Eigentlich müsste sich Hermann über möglichst günstige Gebote bei seinen Ausschreibungen also freuen. Jetzt allerdings stellt sich der AOK-Chef quer. Er will dem Unternehmen Mibe keinen Zuschlag erteilen – und zwar weil dessen Angebot zu günstig ist. Die Dermapharm-Tochter hatte in einer Rabattvertrags-Ausschreibung für die Wirkstoffkombination Ethinylestradiol + Chlormadinon mitgeboten. Offenbar mit einen sehr niedrigen Preis – die AOK spricht von einem Gratis-Angebot. Die AOK Baden-Württemberg wollte Mibe daher von dem Verfahren ausschließen – mit dem Argument, das Angebot sei nicht auskömmlich.  

Vergabekammer: Nicht auskömmlich, aber....

Mibe wollte diesen Ausschluss nicht akzeptieren und wandte sich an die Vergabekammer des Bundes. Diese entschied nach einer mündlichen Verhandlung im vergangenen Dezember zugunsten des Unternehmens (Az.: VK 2 - 107/15). Zwar sei die AOK zu Recht davon ausgegangen, dass das Angebot nicht auskömmlich sei. Aber: Der Hersteller habe damit wettbewerbskonforme Ziele verfolgt. Bislang habe Mibe bei den fraglichen Wirkstoffen einen Marktanteil von drei Prozent – dass es damit in der Lage sei, andere Wettbewerber vom Markt zu verdrängen, hält die Vergabekammer für nicht möglich. „Das Bestreben eines Unternehmens, auf einem bislang nicht zugänglichen Markt mit einem Angebot Fuß zu fassen, ist von der Rechtsprechung als wettbewerbskonformes Ziel anerkannt“, konstatiert die Vergabekammer.  

AOK-Beschwerde beim Oberlandesgericht erfolglos

Die AOK Baden-Württemberg legte gegen die Entscheidung Beschwerde beim Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ein. Diese wurde am gestrigen Donnerstag ebenfalls zurückgewiesen. Die dortige Vergabekammer hat die Gründe noch nicht veröffentlicht. Klar ist aber schon: Für die Kasse ist die Entscheidung gar nicht nachvollziehbar. „Mit dieser Entscheidung legitimiert das OLG Preisdumping und hat natürlich auch die Verantwortung für die Folgen am Markt zu tragen“, erklärt Hermann. 

Erst Null-Strategie, dann kassieren 

In der Pressemitteilung der Kasse heißt es weiter: „Mit dem OLG im Rücken könnte ein Pharmaunternehmen nun sein dreistes Geschäftsmodell verwirklichen und damit Marktverdrängung betreiben, die aller fairen wettbewerblichen Logik entbehre“. Das Unternehmen könne jetzt seine Gratis-Offerte über einen Rabattvertrag mit allen AOKs „in den deutschen Markt drücken“. Denn die Kasse bezahlt die Pille ohnehin nur jungen Frauen – ab dem 20. Lebensjahr müssen sie für ihre Empfängnisverhütung selbst bezahlen. Sind sie aber einmal mit einem Präparat vertraut, so die AOK, werden sie bei ihm bleiben. Hermann kann das Gericht daher nicht verstehen: „Hier hat wohl niemand ausreichend realisiert, dass das Unternehmen mit dieser Null-Strategie vor hat, Wettbewerber in diesem Segment auszuschalten. Später kann es dann kassieren.“ Genau solche Auswüchse sollte das Vergaberecht verhindern, meint mein bei der AOK.

Laut Hermann liegt der Kasse „bereits ein weiteres Angebot über eine Schenkung von Arzneimitteln vor“. Er kündigte an: „Wie wir uns dagegen noch rechtlich wehren können, müssen wir jetzt genauestens prüfen“.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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3 Kommentare

Nur konsequent

von Andreas Kronsbein am 11.06.2016 um 9:52 Uhr

Solange die Krankenkassen mit ihrer Marktmacht Preise und Rabatte diktieren und pro Jahr über 3 Milliarden Euro an den Rabattverträgen einsparen, müssen sie auch die Konsequenzen tragen. Teststreifenhersteller verschenken auch Geräte, damit die Patienten die Teststreifen kaufen. Da meckert keiner.

Dieser Fall zeigt mal wieder die ganze Absurdität des deutschen Arzneimittelmarktes auf.

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Geschenkt ist geschenkt..

von Armin Spychalski am 11.06.2016 um 8:58 Uhr

.. und wieder holen ist gestohlen. Ich kann doch nicht meine Ware verschenken und Bedingungen daran knüpfen. Pharmazeutische Unternehmen und Apotheken sind doch keine Wohltätigkeitsorganisationen, sondern sind verpflichtet, eine Gewinnerzielungsabsicht erkennen zu lassen und zwar nicht in irgendeiner Zukunft, sondern im hier und jetzt! Was ist denn das für ein Verständnis von (Gesundheits-)Wirtschaft??

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Bilig, billig einmal anders...

von Veit am 10.06.2016 um 16:36 Uhr

Nach der Rechtsauffassung des OLG Düsseldorf wird damit das Vergaberecht dem Faustrecht im Wilden Westen schon sehr ähnlich. Mit Verlaub, meine Sympathie in die Rabattverträge und die Ausschreibungspraxis der GKV Krankenkassen ist sehr begrenzt - aber hier geschieht schon eine ziemlich dreiste Form der Abzocke. MIBE will quasi auf dem roten Rezept seine Pille verschenken und dann, wenn die Patientinnen diese in späteren Jahren selbst bezahlen müssen, wird Kasse gemacht. Darüber haben sich vermutlich dir Richter keinen Kopf gemacht, warum auch?

Jetzt klammheimliche Schadenfreude zu empfinden wäre völlig daneben. Wenn das Beispiel bei allen zukünftigen Rabattverhandlungen der GKV Schule machen würde, wer würde wohl mit einen hohen Preis bezahlen? Die öffentliche Apotheke natürlich - der Weg zum ApoVK von 0.00 € wäre nicht weit weg.

Die Rabattverträge gehören weg und wenn die GKV Krankenkassen wieder mehr Vertrauen der öffentlichen Apotheke zukommen lassen, könnte viel eher ein fairer Arzneimittelpreis erreicht werden.

Aber jetzt ist der Geist erst einmal aus der Flasche...

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