Handelsblatt zu Rx-Boni und Apothekenketten

Kein Schutz für die einzelne Apotheke

Düsseldorf - 06.06.2016, 19:00 Uhr

EuGH-Generalanwalt Maciej Sznupar in Aktion. Folgt der Generalgerichtshof seiner Einschätzung? Für einzelne Apotheker könnte dies dramatische Folgen haben. (Screenshot: DAZ.online / EC)

EuGH-Generalanwalt Maciej Sznupar in Aktion. Folgt der Generalgerichtshof seiner Einschätzung? Für einzelne Apotheker könnte dies dramatische Folgen haben. (Screenshot: DAZ.online / EC)


Das Plädoyer des EuGH-Generalanwalts ist noch keine Woche alt, der Gerichtshof selbst hat noch gar kein Urteil gesprochen. Doch schon machen in Deutschland erste Forderungen nach einer kompletten Liberalisierung des Apothekenmarktes die Runde. Das Handelsblatt meint, es wäre endlich Zeit. 

Am vergangenen Donnerstag gab der Generalanwalt bekannt, dass er dem Gericht empfehlen werde, im Sinne von DocMorris zu entscheiden. Die Preisbindung werde für die flächendeckende Arzneimittelversorgung nicht benötigt. Und aus Sicht von Maciej Sznupar müssen sich ausländische Versandapotheken auch nicht an die hierzulande geltende Preisbindung halten und sollten seiner Meinung nach Rx-Boni gewähren dürfen. 

Was den deutschen Apotheken dadurch drohen könnte, machte Dr. Hans-Peter Hubmann, Chef des Bayerischen Apothekerverbandes, auf dem Bayerischen Apothekertag klar: Fällt das Rx-Boni-Verbot für ausländische Versender, könnten einige Inländer auf gleiches Recht auch hierzulande klagen. Aus Hubmanns Sicht wäre das dann der nächste Schritt hin zu einer Höchstpreisverordnung. 

Gefahr für Apotheker: „Liberalisierung durch die Hintertür“

Peter Thelen, beim Handelsblatt zuständig für Gesundheitspolitik, würde eine solche Entwicklung wohl gefallen. Er erwarte eine „Liberalisierung durch die Hintertür“, heißt es in der heutigen Ausgabe der Zeitung. Thelen verweist zunächst auf das Jahr 2009, als der EuGH erklärte, dass das Fremdbesitzverbot sehr wohl mit europäischem Recht vereinbar sei. 

Das Handelsblatt stellt die unterschiedlichen Ansichten der beiden Generalanwälte dar. Yves Bot habe damals aufgrund des Gesundheitsschutzes in den Mitgliedsstaaten für die inhabergeführte Apotheke entschieden. Generalanwalt Szpunar sehe dies völlig anders. Fixe Arzneimittelpreise hätten aus seiner Sicht keinen Einfluss auf die sichere Arzneimittelversorgung. Thelen meint: Hätte Szpunar schon damals ein Plädoyer einreichen können, gäbe es heute schon Apothekenketten. 

Das Handelsblatt schreibt, es sei nun „ziemlich sicher", dass der EuGH Szpunar folge. Ab Herbst seien Rx-Boni für DocMorris und Co. wahrscheinlich schon erlaubt. Damit könne die Debatte um die Apothekenketten quasi „durch die Hintertür zurückkehren“, heißt es in dem Artikel. Der Anfang dieser Entwicklung werde sein, dass sich inländische Apotheken benachteiligt fühlten und vom Gesetzgeber Boni auch für deutsche Apotheker verlangten. 

Thelens Schlussfolgerung: „Der Gesetzgeber wird dieses Mal hoffentlich die Chance nutzen, das ganze rechtliche Schutzsystem für den deutschen Einzelapotheker auf den Prüfstand zu Stellen. Es ist an der Zeit.“


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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10 Kommentare

Liberalisierung kein Schutz für Apotheken

von Walter wolf am 13.06.2016 um 1:37 Uhr

Wir sollten endlich erkennen dass wir in Deutschland hohe Werte und Standards haben die wir verteidigen sollten.
Wenn Apotheker nah am Kunden und Patienten argumentieren, wie zu diesem Thema und auch anderen geschehen, so lachen Investoren nur darüber. Warum? Nun weil ihnen diese Art der Versorgung egal und in anderen Ländern eine Versorgung auch klappt. Der Profit für Investoren ist nur möglich wenn das Fremdbesitzverbot abgeschafft würde, und das wird mit Macht versucht. Wer glaubt dass irgendetwas billiger oder besser würde ist auf einem Holzweg. TTIP und CETA stehen in den Startlöchern und werden das Feuer auf ein gutes Arzneiversorgungssystem sehr hoher Qualität weiter erhöhen. Jetzt bräuchten wir nur noch die Politiker die unsere Werte erkennen, für diese einstehen und nicht noch mehr Entscheidungsmöglichkeiten abgeben indem sie sich selbst aus den Angeln hebeln und Europa entscheiden lassen. Und demnächst können Amerikanischen Investoren oder Großkonzernen durch angedeutete Klagen auf Ertragsausfall Gesetze mitgestalten. Respice finem und bewahre das wirklich Gute. Unsere guten Apotheken sie haben politischen Schutz verdient. . Danke für die Aufmerksamkeit.

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Peng!!

von Christiane Patzelt am 08.06.2016 um 12:48 Uhr

Jetzt platz ich gleich!! Ich bin es soo leid, von der Bevölkerung ständig und immer wieder als geildgeiler, scheineschaffelnder, fetter Apotheker dargestellt zu werden!

Ich verdiene als Selbstständiger ganz legitim Geld mit meiner Hände Arbeit! Ich habe dafür ein gutes Abitur abgelegt, dafür studiert und habe ein geschäftliches Risiko, ich bin Arbeitgeberin und arbeite locker mal ne 70-80Stunden Woche ab! Wenn diese ewigen Beleidigungen und Neiddebatten bloß mal aufhören wollten. JEDER in Deutschland kann ApothekerIn werden, wenn er möchte! Es steht jedem offen, meinen Beruf zu ergreifen und dann..dann werden Sie alle sehen, wir schaffeln kein Geld!! Ich habe 2 Kinder zu versorgen, so wie alle anderen auch, ich zahle Tanzstunden und Kindergärten, ich mache einmal im Jahr Urlaub und lebe nicht im Saus und Braus, denn ich bin selbstständig!
Und nur weil heutzutage jeder meint, er kann Pharmazie und weil GOOGLE alle Antworten liefert, ist er damit nicht automatisch Apotheker!! Auch ein chronisch Kranker wird älter, erleidet Fehlverordnungen, läuft Gefahr, Dinge verkehrt einzunehmen, läuft Gefahr, die falsche Selbstmedikation zu wählen, läuft Gefahr, die falschen Lebensmittel zur Tabletten zu essen/zu trinken!!
Die Pharmazie ist KEINE BANALE Wissenschaft, sagt mal!! Warum sonst ist das Studium dermaßen schwer, dass sogar Mediziner abwinken, weil zu komplex...
Wie ARROGANT ist die Gesellschaft denn heute, dass sie meint, alles zu wissen, alles zu können, alles zu beherrschen??
Ich verstehe meine Landsleute immer weniger!!
Jeder hat eine gute Apotheke verdient!! Denn:
www.ohne-apotheke®-fehlt-dir-was.de

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Endlich ! Eine Liberalisierung für uns Patienten !

von Eric am 08.06.2016 um 10:24 Uhr

Als Chroniker gefällt mir das. Freier Wettbewerb. Wofür fürchten sich die Apotheken nur? Wer wirklich so geile Beratung bietet, wie immer getönt wird, hat doch nichts zu befürchten, die kann eine sog. "Versandklitsche" (wie dann immer zu lesen ist) ja tatsächlich nicht bieten. Brauche ich aber auch nicht. Ich bin auf mein Präparat eingestellt, Fragen zur Einnahmeveränderung richte ich direkt an meinen Hausarzt, die Offizin ist für mich nur eine Arzneiausgabetheke, was genauso durch eine Theke im Supermarkt (analog zu den "Postagenturen") von angelernten Verkäufern erledigt werden könnte - oder vom Versender, der mir als Rabatt de facto auch noch die Zuzahlung erlässt. Gerade für Chroniker läppern sich die Zuzahlungen.

Wer akut erkrankt ist wird hingegen auch in Zukunft die nächstgelegene Ausgabestelle ansteuern, meist also die alte Offizin, die sich ja gerne in Nachbarschaft zu Arztpraxen ansiedelt. Wer akute Beschwerden hat wartet weder bis eine Versandapotheke liefert, noch stromert er erstmal durch Supermärkte um dort nach Rabatten an Rx Ausgabetheken zu fragen.

Ebenso die Leute, die Beratung wollen.

Aber uns Chroniker dazu zu zwingen, in die Offizin zu dackeln und die fixen Zuzahlungen zu leisten, das nervt schlicht und einfach ist und ist durch nichts zu rechtfertigen, außer dadurch, dass die Offizin selbstverständlich so einfache Kunden wie mich - ich komme, sage Grüß Gott, lege Rezept und Zuzahlung hin, nehme das Präparat an, sage auf Wiederschauen, leicht verdiente Provision - dann ggf. nicht mehr hat.

Und jaaaaa, ich weiss, dass mein DHL Paket ungekühlt ist, alles mit dem Arzt und dem Hersteller abgeklärt, die üblichen Temperaturen im Versandhandel sind keinerlei Problem, eine Kühlung ist nicht notwendig. Studien der US Army haben gezeigt, dass die großzügigen Sicherheitsaufschläge zur Aufbewahrung von Arzneien purer Luxus sind, außer bei Impfstoffen, Humaninsulin und einigen anderen Präparaten sind selbst Wüstenhitze im Einsatzgebiet absolut unproblematisch, auch längerfristig ohne Kühlung, und wenn das für Golfkrieger gilt, dann gilt das auch für ein Versandapothekenpaket.

Hört doch einfach auf mir den Gang zur Offizin bzw. die fixen Zuzahlungen aufzudrängen, mehr will ich doch gar nicht. Ihr könnt Offizin bleiben wie ihr wollt, solange ich nicht GEZWUNGEN werde euer Kunde zu sein.

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AW: Liberalisierung?

von Heiko Barz am 08.06.2016 um 11:40 Uhr

Welch ein schriller Kommentar.
Wer solchen Arzneimittelverbreitungsstandart möchte, der verzichtet auf jedwede gesicherte Qualität.
Die apostrophierten Ketten und Versender können dann in Zukunft aus Tailand, Bangladesch, China oder aus der Inneren Mongolai die "Medikamente" verschicken.
Dass dann multinationale Konzerne ( Heuschrecken ) den finanziellen Hintergrund der Arzneimittel Versorgung bestimmen, kann heute schon an der Qualität der bei uns an den "Einfalltoren" geprüften AM Versendern bemessen werden.
Wem seine persönliche Gesundheit so wenig wert zu sein scheint, dass allein finanzielle Gründe ( Rabatte und KKassenzuzahlung) ausschlaggebend sind, auf die qualitätsorientierte Apotheke zu verzichten, der wird sich auch über die ärztliche Situation ähnliche Gedanken machen müssen.
Natürlich kann es auch Apothekenketten wie Aldi, Lidl, KiK oder Tedi geben, aber dann werden Amazon und Andere auch denen das Wasser abgraben, und schließlich werden nur noch Arzeimittel meist unkontrolliert per Mausklick zu bekommen sein.
Wenn Sie das wollen, Eric, dann stimme ich Ihnen zu.

AW: Was interessieren mich die Zuzahlungen?

von Armin Spychalski am 08.06.2016 um 19:09 Uhr

Lieber Eric, ich stimme Ihnen im Gegensatz zu Herrn Barz überhaupt nicht zu. Als Endverbraucher auf Qualität verzichten zu wollen geht in anderen Märkten, aber nicht in zu Recht hochregulierten. Ich verstoße gegen gesetzliche Auflagen und komme meinen Berufspflichten nicht nach, wenn ich als Apotheker etwas anderes liefere als höchstmögliche Qualität. Aus diesem Grund kann ich auch die Preise nicht beliebig senken, zu Niedrigpreisen kann ich nämlich gar keine ausreichende Qualität liefern. Die Zuzahlungen interessieren mich einen Sch.., die gehen, falls Sie das noch nicht wussten, komplett an die Krankenkassen. Kein Apotheker drängt Ihnen die Zuzahlungen auf, nur kann er es sich als seriöser Geschäftsmann nicht leisten, diesen Rezeptanteil für Sie armen überstrapazierten Chroniker zu bezahlen. Weshalb auch? Die Krankenkasse kassiert schließlich die Beiträge von Ihren Versicherten, und da wollen Sie dem Apotheker in die Tasche greifen? Eine seltsame Logik..

AW: Nichts verstanden

von pöppl christian am 08.06.2016 um 23:06 Uhr

Besonders Chroniker wie Sie brauchen Beratung,mit dauernden Wiederholungen...Asthmatiker Diabetiker........es gibt genügend Studien,welche zeigen daß durch Routine sich besonders große Anwendungsfehler einschleichen......von dem jahrelangen Schutz der Versandapotheken durch die Industrie und den Gesetzgeber will ich jetzt gar nicht reden,aber falls das Urteil gegen Deutschland und den Patienten ausgeht,werden nur die Großkonzerne profitieren.
Die Apotheken erhalten von der GKV 2,3 Milliarden.....wir regenerieren aber für die Krankenkassen über 3 Milliarden Einsparungen durch Rabattverträge...diese werden sterben wenn die Preisverordnung stirbt........also selbst wenn wir alle Apotheken zu machen, dann zahlt die Krankenkasse drauf!...einfach mal üinformieren und erst dann schreiben Herr ERIC

Recht auf das Geben von Rabatten

von Armin Spychalski am 07.06.2016 um 12:51 Uhr

Mir kommt folgender Satz absurd vor, obwohl ich meine, dass er tatsächlich zutrifft: "Der Anfang dieser Entwicklung werde sein, dass sich inländische Apotheken benachteiligt fühlten und vom Gesetzgeber Boni auch für deutsche Apotheker verlangten." Für kleine Apotheken bedeutet das (wenn sie denn so blöd wären und das forderten!!), dass sie ein Recht darauf beanspruchten, Geld zu verschenken. Normal ist doch, dass ich Geld sparen oder einnehmen will! Große Apotheken meinen(!), ihre Frequenz damit steigern und schlussendlich davon profitieren zu können (Preisdumping). Falls sie das wirklich schaffen sollten, wie wäre es, wenn diese Big Player die Versorgung in der Fläche über eine Sonderabgabe an die kleinen sicherstellen würden? Denn Preise senken ist keine (geistige) Leistung! Jetzt werden einige behaupten, wo sei denn der Anreiz für die großen Apotheken? Aber genau diese Frage zeigt, dass es nur noch ums Geldscheffeln geht und die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung (Drittes Examen!) anscheinend "unterwegs" verloren gegangen ist oder schlicht vergessen wurde: traurig!

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Rezeptgebühren

von Arnulf Diesel am 07.06.2016 um 9:43 Uhr

Soweit ausländischen Apotheken Rx-Boni erlaubt werden, ist natürlich abzusehen, daß deutsche Apotheken das auch für sich beanspruchen werden. Dann sollte die Diskussion aber noch weiter gehen: Müssen deutsche Apotheken weiterhin defizitäre Rezepturen anfertigen, was m.W. in NL nicht der Fall ist? Kann man fallweise entscheiden, ob man ganz oder teilweise auf die Zuzahlung verzichtet? Ich hätte da ein paar Ideen: Zu den Spitzenzeiten werden Höchstgebühren genommen, Happy Hours eingeführt. Wie wäre es mit einer Express- und Premiumkasse für "zahlungswillige" Kunden und einer Budgetkasse, die gerade das vorgeschriebene Mindestmaß an Beratung bietet. Im Notdienst sorgt der Aushang "Wir nehmen nachts Gebühren" dann für eine ruhige Nacht. Muß man denn weiter Arzneimittel vorrätig halten, die sonst nie vorkommen - die Vorrätighaltung war ja im FESTzuschlag enthalten.

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Unverblümter Ketten-Lobbyist

von Christian Rotta am 06.06.2016 um 20:46 Uhr

Dass Thelen einer der unverblümtesten Ketten-Lobbyisten ist, ist spätestens seit der Interpharm 2009 klar, als er Einblick in sein journalistisches Selbstverständnis und das neoliberale Weltbild des Handelsblatts gab. Für alle zum Nachlesen:
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2009/daz-14-2009/von-monopolisten-und-modernen-robin-hoods
Der Stachel, akzeptieren zu müssen, dass der EuGH das Fremdbesitzverbot bestätigte, sitzt offensichtlich immer noch tief. Mit Thelen und Sznupar scheinen sich zwei Brüder im Geiste gefunden zu haben. Bleibt zu hoffen, dass der EuGH seiner Apotheken-Rechtsprechung treu bleibt und die Irrlehren seines Generalanwalts zurückweist.

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