Kommentar zu Lieferengpässen

Wer macht den ersten Schritt?

Hamburg - 03.06.2016, 15:10 Uhr

Lieferengpässe in der Apotheke: Es bleibt nur die Hoffnung auf die Einsicht aller Beteiligten. (Foto: Argus /Fotolia)

Lieferengpässe in der Apotheke: Es bleibt nur die Hoffnung auf die Einsicht aller Beteiligten. (Foto: Argus /Fotolia)


Für Lieferengpässe gibt es viele Ursachen. Daher können alle Beteiligten die Verantwortung jeweils auf andere schieben. Doch am Ende trifft es immer Apotheken und Patienten. Thomas Müller-Bohn ordnet die Zusammenhänge.

Bei allem Enthusiasmus für mehr beratende Aufgaben der Apotheker bleibt die Distribution der Arzneimittel der Kern des gesetzlichen Versorgungsauftrags. Ohne Arzneimittel ist auch die beste Beratung dazu sinnlos. Damit treffen Lieferengpässe direkt ins Mark des apothekerlichen Selbstverständnisses. Die Apotheker haben daher ein ureigenes Interesse, dieses Versorgungsproblem dauerhaft zu lösen. 

Trifft Selbstverständnis der Apotheker

Doch beim Blick auf die Zusammenhänge wird schnell deutlich, dass Lieferengpässe viele Ursachen haben. Daher gibt es auch keine einfache Antwort auf die offenen Fragen. Die Beteiligten weisen die Schuld regelmäßig den jeweils anderen zu und verhindern damit eine nachhaltige Lösung.

Ein wichtiger Grund für Lieferengpässe ist in vielen Fällen die Konzentration auf einen oder wenige Wirkstoffproduzenten weltweit oder auf sehr wenige Hersteller für patentfreie Arzneimittel mit einem bestimmten Wirkstoff. Tritt dort ein technisches oder organisatorisches Problem ein oder wird die Nachfrage falsch eingeschätzt, trifft das bald die ganze Welt. Außerdem widersprechen diese Monopole dem marktwirtschaftlichen Konzept. Doch Kartellbehörden begreifen Arzneimittel als Gesamtmarkt und verstehen nicht, dass die allermeisten Wirkstoffe nicht substituierbar sind und damit jeweils eigene Märkte darstellen.

Für die Konzentration der Herstellung kann man je nach Motivationslage unterschiedliche Ursachen anführen: das Gewinnstreben der Industrie, den Druck durch die Kostenträger und das Desinteresse der Regierungen, die keine Kapazitäten für die Herstellung strategisch relevanter Arzneistoffe innerhalb der EU vorschreiben und die um jeden Preis möglichst billige Arzneimittel haben möchten. Die Krankenkassen weisen gerne die Schuld von sich, aber Rabattverträge mit riesigen langfristig zu planenden Produktionslosen und dem rigiden Alles-oder-nichts-Prinzip von Ausschreibungen hebeln marktwirtschaftliche Kompensationsmechanismen aus und verschlimmern so das Problem. 

Diagnose: Was ist ein Lieferengpaß?

Weitere Schwierigkeiten betreffen die Diagnose von Lieferengpässen: Ist ein Arzneimittel, von dem nur noch einzelne Packungen für Notfälle verfügbar sind, lieferfähig oder nicht? Was gilt für ein Arzneimittel, das nur bei einem Großhändler oder einigen gut bevorrateten Apotheken zu haben ist? Listen auf nationaler Ebene können daher bestenfalls Problemschwerpunkte identifizieren, aber nicht belegen, ob zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ein Austausch nötig ist oder nicht. Als Grundlage für Retaxationen taugen sie daher nicht.

Die letztlich entscheidenden Versorgungsstörungen können nur solche Listen messen, die vor Ort beim Patientenkontakt erstellt werden. Dies ist der Zweck der jüngsten Umfrage von DAZ.online zu Lieferengpässen. Nur so lassen sich die praktischen Konsequenzen zeigen. Doch dies kann immer nur eine Stichprobe sein, denn dauerhafte und flächendeckende Erhebungen in den Apotheken wären ein bürokratischer Alptraum. 


Schwache Hoffnung für Apotheker

So bleibt nur die Hoffnung auf die Einsicht aller Beteiligten. Irgendjemand muss einen ersten Schritt machen. Noch besser wäre, wenn sich alle etwas bewegen. Die Krankenkassen sollten nicht mehr versuchen, aus ohnehin extrem billigen Generika den letzten Cent zu quetschen, die Industrie sollte Lieferfähigkeit als Teil ihrer Reputation verstehen und die EU sollte in einer potenziell lebensentscheidenden Frage Verantwortung zeigen. Während westliche Industriestaaten bei patentfähigen Innovationen im IT-Bereich und bei Rüstungsgütern für den Erhalt des eigenen Know-hows hochsensibel sind, wird bei nicht mehr patentgeschützen, aber lebenswichtigen Arzneimitteln ein Totalausverkauf in ferne und politisch kaum einschätzbare Teile der Welt akzeptiert. Dies zu ändern, wäre ein guter Anfang. Mehr Wettbewerb durch mehr Anbieter wäre zudem ganz im Sinne der Marktwirtschaft. 


Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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