Beratungs-Quickie

Ein Schilddrüsenpräparat zur Strumabehandlung

München - 02.06.2016, 15:00 Uhr

Mittel für die Schilddrüse, die wegen ihrer Form auch „Schmetterlingsorgan“  genannt wird, dürfen in der Apotheke nicht ausgetauscht werden. (Foto: Sailorr / Fotolia)

Mittel für die Schilddrüse, die wegen ihrer Form auch „Schmetterlingsorgan“ genannt wird, dürfen in der Apotheke nicht ausgetauscht werden. (Foto: Sailorr / Fotolia)


Welche Punkte sind bei der Beratung wichtig? Was für Zusatzinformationen können Sie in der Apotheke geben? Im „Beratungs-Quickie“ stellen wir jeden Donnerstag einen neuen Fall vor. Diesmal geht es um eine Verordnung über ein Schilddrüsenhormon-Präparat mit Iodid zur Therapie der euthyreoten Struma einer jungen Frau.

Die Kundin nimmt das Medikament seit einigen Monaten zur Behandlung ihrer vergrößerten Schilddrüse ein. Obwohl es ein warmer Apriltag ist, trägt die junge Frau einen dicken Schal.

Formalien-Check

Verordnet sind 100 Tabletten L-Thyrox® Jod Hexal® 100/100, Packungsgröße N3. Der Arzt erlaubt den aut-idem-Austausch. Rabattverträge wären zu beachten. Levothyroxin-Natrium (auch in fixer Kombination mit Kaliumiodid) ist jedoch ein Wirkstoff der Substitutionsausschlussliste und eine Ersetzung durch ein wirkstoffgleiches Arzneimittel ist ausgeschlossen. (Die aktuelle Version der Anlage VII zum Abschnitt M der Arzneimittel-Richtlinien finden Sie hier:). Selbst bei pharmazeutischen Bedenken oder bei Lieferschwierigkeiten darf die Apotheke das verordnete Präparat nicht ohne Rezeptänderung durch den Arzt substituieren. Kommt es zu einem Lieferengpass so sind nach Rücksprache mit dem dem Arzt L-Thyrox® Hexal 100 und Jodid 100 Hexal® Tabletten getrennt zu verordnen und abzugeben.

Die Kundin ist gebührenpflichtig. Ab Ausstellungsdatum ist das Rezept einen Monat gültig.

Beratungs-Basics

Es handelt sich um die fixe Kombination aus dem Schilddrüsenhormon Levothyroxin-Natrium plus Iodid. Beide Bestandteile sind in einer Wirkstärke von 100 µg enthalten. Das Arzneimittel ist zur Behandlung des einfachen Kropfes ohne gleichzeitige Funktionsstörung und ohne tastbaren Knoten indiziert. Außerdem wird es zur Rezidivprophylaxe nach Operation einer Iodmangelstruma oder einer mit Radioiod behandelten Schilddrüse eingesetzt.

Schilddrüsenhormone (ob mit Iodid oder ohne) werden einschleichend dosiert. Die individuelle Erhaltungsdosis wird durch Laborkontrollen und klinische Untersuchungen ermittelt. Sie ist von mehreren Faktoren abhängig, wie Körpergewicht, Alter und individuellem Bedarf (z.B. Kinderwunsch).

Die gesamte Tagesdosis ist morgens nüchtern mit viel Flüssigkeit, am besten mit einem großen Glas Leitungswasser, einzunehmen. Auf einen Einnahmeabstand zum Frühstück (mindestens eine halbe Stunde) und zu allen anderen Arzneimitteln ist unbedingt zu achten.

Die häufigste Ursache für die euthyreote Struma ist ein Iodmangel. Zeigt sich eine hinreichende Iodsubstitution (100 bis 200 µg / Tag) als erfolglos, kann zur Volumenreduktion der Struma eine zusätzliche Behandlung mit L-Thyroxin in nicht TSH-suppressiver Dosis erfolgen.

Die Einnahmedauer bei gutartiger Struma liegt meist zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Danach ist in der Regel keine weitere Verkleinerung oder Rückbildung des Kropfes zu erwarten. Nach dem Absetzen empfiehlt sich die Umstellung auf eine Monotherapie mit Iod in prophylaktischer Dosierung, sofern eine ausreichende Zufuhr nicht über die Nahrung gewährleistet werden kann.

Bei zu schneller Dosissteigerung zu Beginn der Behandlung oder bei Überdosierung treten hyperthyreotische Symptome auf, wie Fingertremor, Tachykardie, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Hyperhidrosis, Diarrhö und Gewichtsabnahme.

Für einige Krankheitsbilder der Schilddrüse, wie der Schilddrüsenautonomie (diffuse Autonomie, autonomes Adenom) oder dem Morbus Basedow, ist die Einnahme des Arzneimittels kontraindiziert. Hier besteht die Gefahr einer iodinduzierten Hyperthyreose

Auch noch wichtig

Wechselwirkungen mit verordneten Arzneimitteln und mit der Selbstmedikation sind zu beachten. 

Vor allem zu Antanzida und Mineralstoffpräparaten mit polyvalenten Kationen sollte ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden liegen.

Ionenaustauscherharze, wie Colestyramin oder Colestipol dürfen sogar erst vier bis fünf Stunden nach der Einnahme des Arzneimittels verabreicht werden.

Zur Schmerzbehandlung ist Paracetamol Salicylaten vorzuziehen, da letztere zu einer Wirkverstärkung von Levothyroxin führen.

Außerdem kann es zu Wechselwirkungen mit bestimmten Lebensmitteln kommen. Koffeinhaltige Getränke (wie Kaffee, bestimmte Teesorten und Cola) verringern die Resorption von Levothyroxin. Sie dürfen erst nach einem zeitlichen Abstand von mindestens 30 Minuten konsumiert werden.

Auch Sojaprodukte behindern die intestinale Aufnahme von Levothyroxin. Eine Dosisanpassung des Schilddrüsenhormons kann insbesondere zu Beginn oder nach Beendigung einer sojahaltigen Ernährung notwendig sein.

 Der Kundin sind regelmäßige, mindestens jährliche ärztliche Kontrollen anzuraten. In der Einstellungsphase, in der Schwangerschaft sowie bei einer Veränderung der Dosis sogar mehrmals im Jahr. 

Der DAZ.online-Beratungsquickie

Jede Woche präsentieren wir einen kurzen Fall, wie er im Apothekenalltag vorkommen könnte. Die Fälle und die Beratungshinweise basieren auf dem Rezepttrainer 1, dem Rezepttrainer 2 und dem HV-Trainer, des Deutschen Apotheker Verlags.
Die Beispiele geben Anregungen zur Beratung und anderen Dingen, die bei der Abgabe zu beachten sind:

  • Formalien-Check: unter anderem Informationen zur Verordnungsfähigkeit sowie Gültigkeit des Rezeptes

  • Beratungs-Basics: die wichtigsten Informationen zur Anwendung

  • Auch noch wichtig: Infos zu häufigen Nebenwirkungen und anderen Anwendungsproblemen, Wechselwirkungen mit der Selbstmedikation, Warnzeichen für Komplikationen, …

  • Darf`s ein bisschen mehr sein? Weitergehende Informationen und mögliche Zusatzempfehlungen

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Darf´s ein bisschen mehr sein?

  • Hinsichtlich der Ernährung sollte die Kundin darauf achten, eine vernünftige, wenn auch nicht übertriebene Menge Iod zu sich zu nehmen. Iodquellen sind zahlreiche Fischsorten sowie iodiertes Speisesalz. Eine speziell iodarme Ernährung ist nicht notwendig. Durchschnittlich werden etwa 120 μg Jod pro Tag aus der Nahrung aufgenommen. Bis zu 500 μg werden als sicher erachtet. Der Tagesbedarf eines Erwachsenen bei 200 μg. 

  • Führt die Kombinationstherapie aus Levothyroxin und Iodid nicht zur ausreichenden Volumenreduktion der Schilddrüse, kann ein operativer Eingriff notwendig sein.

  • Schilddrüsenerkrankungen sind in Deutschland weit verbreitet. Während es früher hauptsächlich Iodmangelstruma waren, nimmt die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis immer mehr zu.

  • Betroffene finden ausführliche Informationen und Selbsthilfegruppen beispielsweise bei der Schilddrüsen-Liga Deutschland e.V..

  • Eine Substitution von Selen und Zink kann hilfreich sein. Beides sind wichtige Spurenelemente für den Schilddrüsenstoffwechsel. Die Selenzufuhr in Form einer Nahrungsergänzung sollte unter Kontrolle des Selenspiegels erfolgen.

Die Kundin hofft, dass die medikamentöse Therapie weiterhin helfe, ihre noch deutlich sichtbare Struma zu verkleinern. Sie leide sehr unter diesem Schönheitsmakel. Deshalb trage sie immer ein Halstuch, auch im Sommer. Wie die Redewendung schon richtig sagt, sei diese Situation „unnütz wie ein Kropf“…



Manuela Kühn, Apothekerin
redaktion@daz.online


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