Arzneimittelpreise

Lauterbach würde knallhart eingreifen

Berlin - 31.05.2016, 07:00 Uhr

Hält nichts vom Dialog: SPD-Politiker Karl Lauterbach hätte bei den Preisen neuer Arzneimittel knallhart eingegriffen. (Foto: SPD)

Hält nichts vom Dialog: SPD-Politiker Karl Lauterbach hätte bei den Preisen neuer Arzneimittel knallhart eingegriffen. (Foto: SPD)


Dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach gehen die Ergebnisse des Pharmadialogs nicht weit genug. Um das Gesundheitssystem vor zu hohen Arzneimittelpreisen zu schützen, schlägt Lauterbach vor, dass die Kassen neue Präparate erst erstatten, wenn die Preisverhandlungen mit dem Hersteller abgeschlossen sind.

Im April hatten die Bundesregierung und die Pharmaindustrie die Ergebnisse des Pharmadialogs vorgestellt. In Sachen Arzneimittelpreisen ist unter anderem geplant, eine Umsatzschwelle einzuführen. Demnach könnten die Unternehmen den Preis ihrer Medikamente im ersten Jahr weiterhin frei festlegen. Wird die Schwelle überschritten, tritt allerdings ein Preisstopp in Kraft, nach dem der zwischen Kassen und Herstellern ausgehandelte Preisrabatt greift. Noch ist unklar, wie hoch diese Schwelle angesetzt wird. Aber das Bundesgesundheitsministerium arbeitet bereits an einem ersten Gesetzentwurf.

In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ stellte der SPD-Politiker Lauterbach klar: „Die Umsatzschwelle ist mir zu wenig. Der Pharmadialog war zu sanft, er ist nicht die Reform, die wir brauchen.“ Dabei habe er grundsätzlich Verständnis für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Wenn ich den Dialog nicht platzen lassen will, muss ich kleine Brötchen backen.“ Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion wies jedoch darauf hin, dass er nichts von Dialogen halte. „Im Arzneimittelmarkt würde ich nicht nach Einigungen suchen, sondern etwas knallhart festlegen.“

Auf die Frage, was er denn knallhart festgelegt hätte, sagte Lauterbach: „Zum Beispiel, dass Medikamente erst gar nicht erstattet werden, wenn die Preise noch verhandelt werden.“ Aus Sicht des SPD-Politikers ist auch das Königsargument der Pharmaindustrie – dass die hohen Preise für gesteigerte Forschungs- und Entwicklungskosten benötigt würden – nicht gültig. Denn Beispiele wie das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi zeigten, dass wichtige Medikamenten auch in Zukunft und völlig unabhängig vom späteren Preis an Universitäten entwickelt würden. „Wissenschaftler sind immer motiviert und werden auch in Zukunft neue Medikamente erforschen.“

Nur 5 Prozent der Patienten haben Zugriff auf Sovaldi

Mit Blick auf die neue Generation der Hepatitis-C-Medikamente beschwerte sich auch Wolf-Dieter Ludwig, Vorstand der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Der Onkologe machte darauf aufmerksam, dass das Patent für Indien vor einigen Tagen verlängert worden sei. Gleichzeitig sei der Bedarf an dem Medikament dort aber viel höher als hierzulande. „Auf der Welt gibt es ungefähr 80 Millionen Hepatitis-C-Patienten. Aber nur 5 bis 10 Prozent davon haben aufgrund der hohen Preise auch wirklich Zugriff darauf“, sagte Ludwig.

Zur Verteidigung der Preispolitik der Pharmakonzerne war Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa), in die Sendung eingeladen worden. Fischer sagte: „Der Preis alleine sagt nichts aus. Der therapeutische Fortschritt der Arzneimittel ist relevant, also die Verbesserung der Lebensqualität und die Lebensverlängerung.“

Lauterbach: Politik hat Fehler gemacht

Lauterbach machte die Preispolitik der Konzerne für die zunehmenden Finanzprobleme der Gesetzlichen Krankenversicherung verantwortlich. „Wir bräuchten mehr Pfleger und eine bessere Vorbeuge-Medizin. Wir sparen das System an allen Ecken und Enden kaputt, aber für Arzneimittel geben wir das Geld aus.“ Es sei ein „Fehler der Politik“, für diese Entwicklung bislang keine Lösung gefunden zu haben.

Fischer wies darauf hin, dass in vielen der genannten Beispiele die Preise aufgrund von Wettbewerb und Sparinstrumenten bereits gesunken seien. „Im Bereich Hepatitis C gibt es schon sieben Alternativprodukte. Außerdem gibt es in vielen Ländern Rabattverträge“, erklärte die vfa-Chefin.


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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6 Kommentare

Fehler der Politik

von Reinhard Rodiger am 31.05.2016 um 16:17 Uhr

Es ist der politisch gestützte Machtmissbrauch der Krankenkassen, der die nach unten bewegte Preisspirale umkehrt. Wer mit der einen Hand die Taschen leert,darf sich nicht wundern, wenn die Suche nach anderen Möglichkeiten stattfindet.Die Kassen haben Oligopole erzwungen, die durch Konzentration auf zu wenige Hersteller die Versorgung gefährden.Das wird gerade durch die Lieferengpässe deutlich.
Auch die motiviertesten Wissenschaftler brauchen Geld.Das wird gerade in USA völlig interessenlos vergeben? Dort ist die Interessenbindung am höchsten.Lauterbachs Nebelkerzen zünden hier nicht.
Völlig unter geht das Preisgefälle durch hiesige Niedrigpreise bei hohen Steuern, die zum Export einladen.
Was ist denn unsere Importquote anderes als das umgekehrte Ausnutzen.Das ist doppelzüngig und zynisch, all das zu verbergen.Aber das gehört zum Geschäft. Und es sagt ja auch keiner was. Schon gar nicht unsere Verantwortlichen.

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Antwort an Peter

von Heiko Barz am 31.05.2016 um 15:46 Uhr

An Peter,
Sie haben ja so Recht!
Diese Zahlen betreffen auch 'nur' den Bereich der Arzneimittel. Für den ganzen Gesundheitsbereich ist die MWST noch gewaltiger.
Das Wort Ethik fällt keinem der Gesundheitspolitiker für diese Abzocke ein.
Ethik und Zurückhaltung sollen nur die Anbieter pflegen, wenn es dann um die Bezahlung ihrer Dienstleistung geht.

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ARD-Diskussionsrunde am 30.5.2016 - Mit Ethik hat das ...

von Günter Zühlke am 31.05.2016 um 14:44 Uhr

ARD-Diskussionsrunde, hart aber fair am 30.5.2016
Mit Ethik hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Im Vordergrund steht nur der Profit und nicht der Mensch.
Wie kann es sein, dass geschützt durch eine Patentanmeldung und der damit möglichen weit überhöhten Preisgestaltung mit bis zu 1000% Gewinnaufschlag durch die Pharmakonzerne, 95% der Bedürftigen sich ein wirksames Medikament finanziell nicht leisten können und früher sterben müssen.
Ich finde, dass ist unterlassene Hilfeleistung, die naheliegend an Mord grenzt. Reicht es nicht, daß Deutschland Panzer nach Afrika zur Vernichtung von Menschenleben schickt?
Ist das Patentrecht, dass zu vielen für die Weltbevölkerung untersagten Möglichkeiten in Bezug besseres Leben führt, noch zeitgemäß? Ich finde, es muß überarbeitet werden.
Günter Zühlke

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AW: AW: Mit Ethik hat das nichts zu tun

von Thomas Bsonek am 01.06.2016 um 11:23 Uhr

Herr Prof. Lauterbach möchte die Erstattung ausschliessen, wenn die Preisverhandlungen nicht abgeschlossen sind. Damit können die Krankenkassen die Preise noch stärker diktieren und haben ein zusätzliches Interesse, die Verhandlungen möglichst lange hinauszuzögern. Schon heute werden etliche neue und gute Arzneimittel trotz EU-Zulassung in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen (Preisverhandlungen) nicht (mehr) vertrieben und so Patienten vorenthalten. Man übertrage diesen Gedankengang auf den Casus Sovaldi.....

Hart aber Fair?

von Heiko Barz am 31.05.2016 um 11:36 Uhr

Nach dem Betrachten dieser " Hart aber Fair " Sendung von gestern kann nur gesagt werden : Hilflosigkeit auf allen Ebenen!!
Die einzig Ehrliche war die Rheumapatientin, die ihren Dank für die Möglichkeit der Verbesserung ihres Krankheitszustands durch ärztliche und pharmazeutische Arbeit zum Ausdruck brachte.
Die ausgeteilten Argumente der unterschiedlichen Protagonisten waren ja allseits bekannt und sicher von der Bewertung vertretbar, aber was mir zur Aufrichtigkeit speziell vom Politiker Lautebach fehlte, vor allem im Vergleich der europäischen Gesundheitskostenlage, war die Bewertung der Preise für Arzneimittel hinsichtlich der MWST!
Es kam mir vor, als sei dieses unglaublich wichtige Preisregulativ im Voraus von Allen ausgeklammert worden, aus welchen Gründen auch immer.
Der sonst so eloquente Plasberg hätte diese Thema ansprechen müssen, um einen fairen europäischen Vergleich angehen zu können.
Bei ca. 38 Millarden Euro Arzneimittelkosten ist nämlich der Faktor MWST nicht gerade unergeblich.
Über den Daumen 700 Millionen Euro für die Staatskasse nimmt Schäuble sicher gerne mit. Für mich ist Er der größte Pharisäer im Spiel. Bei uns wird jeder Euro dreimal umgedreht, bis mal irgendwo ein Mehrwert für uns entsteht.
Dann werden wir noch zeitlich gedrungen, neue Kassensystemen einzurichten, weil die Apotheken ja offensichtlich zu den größeren Betrügern zählen, und dabei sind ja noch einige Euros herauszuquetschen. Nach seiner Meinung zählen wir zu den bargeldintensiven Betrieben.
Vielleicht sagt ihm mal einer, vielleicht auch von "Unseren" Experten, dass die deutsche Standartapotheke ein Verhältnis von 85 % Rezept- zu 15% Barumsatz erarbeitet.
Bargeldintensiv?? Lächerlich!!

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AW: 700?

von Peter am 31.05.2016 um 11:52 Uhr

38 Mrd Ausgaben netto, macht 7,22 Mrd. Mwst. durch Medikamente, nicht 700 Mio sondern 7220 Mio ;)

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