Interview mit Hans Rudolf Diefenbach

„Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht“

Berlin - 30.05.2016, 17:00 Uhr

Hans Rudolf Diefenbach: Apotheker werden im Regen stehen gelassen. (Foto: A. Schelbert)

Hans Rudolf Diefenbach: Apotheker werden im Regen stehen gelassen. (Foto: A. Schelbert)


Seit 2012 treibt Hans Rudolf Diefenbach das Thema Lieferengpässe um. 2014 begann er, Defektlisten zu sammeln. Sein Fazit, 750 ausgewertete Defektlisten später, ist kein positives: Besser wird es nicht, sagt er. Gerade die jüngste Analyse zeige, dass es damals wie heute Betriebe mit über 200 Defekten allein im Rx-Bereich gibt.  

Hans Rudolf Diefenbach, Inhaber der Rosen-Apotheke in Offenbach, wies bereits 2012 als damaliger Vizevorsitzender des Hessischen Apothekerverbands auf Engpässe in öffentlichen Apotheken hin – zuvor schienen sie eher ein Problem von Krankenhausapotheken zu sein. Als im Herbst 2013 immer wieder Schilddrüsenpräparate unterschiedlichster Hersteller fehlen, nehmen auch Diefenbachs Mahnungen zu. Mit dem Thema schafft er es bis ins Fernsehen. Anfang 2014 rief er dann zum ersten Mal seine Kollegen auf, ihm Listen mit den bei ihnen defekten Arzneimitteln zu schicken. Mittlerweile hat er bereits vier solcher Sammel-Aktionen durchgeführt. Und vermutlich wird ihn das Thema Engpässe auch in Zukunft nicht so schnell loslassen.  


...Lieferengpässe in einem System wie in Deutschland peinlich sind, weil man Ursachen nicht ehrlich benennt. Hier geht es schlicht ums Geld."

Hans Rudolf Diefenbach, Defektlisten-Sammler der ersten Stunde


DAZ.online: Herr Diefenbach, das Thema Lieferengpässe beschäftigt Sie schon seit Jahren. Wann begannen die Defekte wirklich auffällig zu werden?

Hans Rudolf Diefenbach: Richtig los ging das Anfang 2014. Da stellte ich fest, dass mein sehr großes Warenlager immer häufiger „Nein“ sagte, wenn es um bestimmte verordnete Arzneimittel ging. Ich fragte seinerzeit zunächst ein halbes Dutzend Kollegen in unterschiedlichen Strukturlagen, wie das bei Ihnen aussehe. Es zeigte sich rasch Deckungsgleichheit.

DAZ.online: Wie ging es weiter? Gab es Indikationsbereiche die besonders betroffen waren?

Diefenbach: Ich habe dann das Lehrbuch von Professor Mutschler genommen und abgeglichen: Es gab bereits in der Anfangsphase Lücken in mindestens 28 relevanten Arzneimittelgruppen. Zu nennen sind hier beispielsweise Psychopharmaka, Schilddrüsenhormone, blutdrucksenkende Mittel, Diuretika und Antibiotika.  

DAZ.online: Was dachten Sie sich dabei anfänglich? Wo sahen Sie die Ursachen?

Diefenbach: Die Ursachen waren nur zu vermuten. Möglicherweise standen dahinter geringe Einkaufsmengen des Großhandels oder nicht ausreichende Stückzahlen der Hersteller. Dann wurde sichtbar, dass die Rabattverträge vielfach  zu Problemen führten. Da gab es durchaus Fälle, die Schlagzeilen machten und in denen meines Wissens die Lieferunfähigkeit auch von den Kassen sanktioniert wurde. Überdies hörte ich von Herstellern, dass einige lieber ins europäische Ausland verkauften, da dort die Margen besser seien. Weiterhin wurden und werden Produktionsstätten in außereuropäische Gebiete verlegt, was zu Logistikproblemen und Verzögerungen führen kann.

DAZ.online: Sie haben immer wieder Defektlisten von Kollegen gesammelt und ausgewertet. Wie hat sich das Phänomen der Engpässe über die Zeit entwickelt?

Diefenbach: Einige Hersteller gerieten rasch in die Lieferdefensive. Seitdem läuft das bekannte – und sich in letzter Zeit wieder verschlimmernde – „Pingpong-Spiel“ zwischen Herstellern und Großhandel wegen Mengen und Verfügbarkeiten. Teilweise dauert die Versorgung damit immer länger. Ein Beispiel aus diesem Jahr sind Asthmakombinationen, die man teilweise direkt bestellen muss, weil der Großhandel zum Teil Ware liefert, die bei korrekter Dosierungseinhaltung die Verfallsdaten auf den Packungen überschreitet!

Nachdem ich zwei Jahre lang etwa 750 Defektlisten aus dem ganzen Land ausgewertet habe, stelle ich fest: Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Es ergeben sich ständig neue „Baustellen“. Nach meiner jüngsten Auswertung zeigt sich, dass es damals wie heute Betriebe mit über 200 Defekten allein im Rx-Bereich gibt.  

DAZ.online: Haben Ihre Aktionen rückblickend etwas gebracht?

Diefenbach: Gebracht hat die Sammelei ein gewisses mediales Interesse. So nahmen sich etwa die Wirtschaftswoche und Capital des Themas an. Bei der Pharmazeutischen Zeitung war das Interesse hingegen praktisch bei Null. Da mir seinerzeit der Pressesprecher der ABDA darlegte, das Problem der Lieferengpässe sei ein Problem meiner „subjektiven Wahrnehmung“, habe ich diese Ebene nie mehr betreten. Ein Antrag der Landesapothekerkammer Hessen zum Thema Engpässe beim Deutschen Apothekertag 2015 ist zur Zeit nicht in Bearbeitung. 

Gebracht hat die Aktion also auch die Erkenntnis, dass man selbst agieren muss. Daher wurde ich 2014, exakt zur Zeit der Entstehung des Perspektivpapieres 2030, nach Berlin ins Bundesgesundheitsministerium eingeladen. Dort habe ich seinerzeit mit interessierten Mitarbeitern ausführlich über unser Problem geredet. Man wunderte sich auch dort warum das Thema so klein gehandelt wird. Weitere Gespräche dieser Art gab es mit mir nicht, möglicherweise aber mit dem DAV. 

DAZ.online: Welche Unterstützung für ihre Aktionen haben Sie von der ABDA oder dem DAV erhalten? 

Diefenbach: Hilfe von dieser Seite habe ich nie bekommen. Dankenswerterweise haben mich zwei Mitarbeiterinnen meiner Apotheke mit der Auswertung unterstützt.  

DAZ.online: Halten Sie die im Pharmadialog vereinbarten Maßnahmen gegen Lieferengpässe wie die 6-Monatsfrist für Rabattverträge für richtig? 

Diefenbach: Die Maßnahmen im Pharmadialog kann ich noch nicht beurteilen. Ich weiß aber, dass die Apotheken so, wie es jetzt ist, nicht arbeiten können. Die Mehrpartnerverträge bergen das Problem, dass ein Patient gegebenenfalls drei Mal ein anderes Produkt erhalten kann. So können uns Argumente zu Pharmakodynamik und Pharmakokinetik genommen werden. Dass dieses Problem sehr viel komplexer ist, als von Politikern wahrgenommen, belegen eine Reihe von Veröffentlichungen. Ich erinnere hier an die Darlegungen zum BCS System von Professor Hennig Blume, die Jahre alt sind und nach denen Stoffe wie Theophyllin oder sogar Säureblocker eben nicht einfach nach „Lagerbestand“ ausgetauscht werden sollen. 

DAZ.online: Sehen Sie noch weitere Probleme kommen? 

Diefenbach: Die Substitutionsausschlussliste wird erweitert. Bereits jetzt gibt es Probleme mit Schilddrüsenhormonen, die auf dieser Liste stehen. Nun werden wir mit Phenprocoumon gegebenenfalls einen neuen „Wackelkandidaten“ haben. Das werden wiederum die Kollegen in der Praxis ausbügeln müssen. 

DAZ.online: Was müsste aus Ihrer Sicht noch geschehen?  

Diefenbach: Eine transparente Liste mit Engpässen, die permanent zu verwalten ist, muss marktkonform kommen. Diese muss alle Daten über 14 Tage Defekt hinaus enthalten und auch den Ärzten zugängig sein. Hier ist Datencompliance zwischen den Marktteilnehmern dringend erforderlich – aber nicht vorhanden! An einer Transparenzliste für die Praxis dürfte doch die Alltagsarbeit nicht scheitern. Allerdings habe ich den Eindruck, dass man sich mit dem Totschlagsargument 'Das bringt nichts' Arbeit und gegebenenfalls Streit mit Marktpartnern vom Halse halten will.

DAZ.online: Ihr Resümee?

Diefenbach: Ich sehe meine Aufgabe nach vier Sammlungen dahingehend bestätigt, dass die Lieferengpässe in einem System wie in Deutschland peinlich sind, weil man Ursachen nicht ehrlich benennt. Hier geht es schlicht ums Geld. Dass dabei der Marktpartner Apotheke, der gerade mal rund 2,4 Prozent der Arzneimittelkosten bekommt, für Strategien und Unfähigkeiten anderer den Kopf täglich hinhält, ist inakzeptabel. 


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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2 Kommentare

Öffentlichkeitsarbeit

von Reinhard Rodiger am 30.05.2016 um 23:52 Uhr

Wir können dem Kollegen Diefenbach nicht genug danken, als unermüdlicher Einzelkämpfer vitale Themen ins öffentliche Gespräch zu bringen. Bedenklich und bezeichnend ist, dass er von Führungsseite alleingelassen und sogar in den Bereich der Urteilsunfähigkeit gestellt wurde.Deshalb auch besonderer Dank an die DAZ, hier eine Plattform zu bieten.

Hervorzuheben ist, dass die Publizierung solcher Themen und der gesellschaftlichen Konsequenzen über die Fachkreise hinaus den Lebensnerv unserer Tätigkeit trifft.

Denn es wird deutlich, dass:

1) Die Verursacher in erster Linie die Krankenkassen sind und die Industrie eher sekundär die Konsequenzen zieht oder von den Folgen anderswo handlungsmässig begrenzt wird.

2)Eine mögliche Lösung ist, die Krankenkassen dazu zu verpflichten, die Verantwortung für die Folgen des von ihnen induzierten Preisverfalls zu übernehmen .

3)Die Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten der Apotheker ist zwingend.Es ist unerträglich, dass die KK hier eher einen Kampfplatz mit Systemdiskreditierung sehen und umsetzen als an Lösungen interessiert zu sein.

Da es sich um grundsätzliche Fragen handelt, muss die deletäre Form von Preisverfall und korrespondierendem Preisexzess in das Bewusstsein geholt werden.Wenn die Massenerkrankungen und kleine Verbesserungen marginalisiert werden, ist Preisexzess bei ethisch nicht anfechtbaren Erkrankungen die Folge.Auch hier sind die KK ursächlich mitverantwortlich. (Preis)spiralen haben eben zwei Enden: Das Eine bei einem Punkt, das andere im Universum.

Das muss politisch verstanden werden und die Tatsache, dass der Machtmissbrauch der Krankenkassen die Hauptursache ist.

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Lieferengpässe wären Chefsache ...

von Kerstin Kemmritz am 30.05.2016 um 18:13 Uhr

Eine tolle Aktion von Herrn Diefenbach und eine tolle Aktivität von der DAZ, das Thema zu hinterfragen! Beiden vielen Dank dafür, denn eigentlich wäre das Chef-, also ABDA-Sache...

In der ehemaligen "Apotheke der Welt" sind derartige Lieferengpässe unsäglich und auf jeden Fall auch publik zu machen. Ebenso unsäglich ist es, dass diese vielfältigen Engpässe auf dem Rücken der sogar noch ahnungslosen Patienten und dem der schon völlig genervten Apotheker ausgetragen wird.

Der Aufwand für die inzwischen schon regelmäßigen Recherchen, die Sonderbestellungen, die Erklärungen und die immer noch vorhandenen Retaxrisiken bzw. notwendigen Rezeptänderungen ist und bleibt immens! Vom ökologischen und ökonomischen Wahnsinn, einzelne Packungen für 5 € vom Hersteller an die Apotheke zu schicken! Siehe auch den Beitrag über die Metoprolol-Luftnummer auf ohne-apotheker-fehlt-dir-was!

Eine Defektliste über Dauerdefekte ist das Eine, aber längst nicht ausreichend, weil die Defekte durch Nichtbelieferung bzw. Kontingentierung der Grosshändler mindestens genauso nervig sind. Und nicht auf solchen Liste auftauchen.
Wir brauchen mehr Austauschmöglichkeiten und -kompetenzen, notfalls vielleicht sogar eine Quote, die mit den Importguthaben aufgerechnet werden kann. Wir brauchen Übergangsfristen mit mehr Austausch"erlaubnis" und eine Politik, die einsieht, dass Preisspiralen ins Abseits führen!

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