Digitalisierung im Gesundheitsmarkt

Heilberufler fürchten hohe Kosten und wenig Profit

Düsseldorf - 26.05.2016, 11:00 Uhr

Mehr Vernetzung – etwa zwischen Apothekern und Ärzten – ist erwünscht. (Foto: everythingpossible/Fotolia)

Mehr Vernetzung – etwa zwischen Apothekern und Ärzten – ist erwünscht. (Foto: everythingpossible/Fotolia)


Angehörige aller Heilberufe, Standesvertreter und Experten hat die Deutsche Apotheker- und Ärztebank für eine „360-Grad Studie“ zur Digitalisierung im Gesundheitsmarkt befragt. Demnach sehen Ärzte und Apotheker vor allem durch die Vernetzung untereinander große Veränderungen auf sich zukommen.

„Es ist kein neues Thema“, sagt Ulrich Sommer, Stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank) – aber es nehme jetzt richtig Fahrt auf. Gemeint ist die „Digitalisierung im Gesundheitsmarkt“, das diesjährige Schwerpunktthema des Geldinstituts. Man sei überzeugt, „dass digitale Entwicklungen in Zukunft ein wesentlicher Treiber für strukturelle Marktveränderungen und ein zunehmender Erfolgsfaktor für die Anschlussfähigkeit im Wettbewerb sein werden“.

Unter anderem, um sich einen Überblick zu verschaffen, was die wesentlichen Entwicklungsfelder der Digitalisierung eigentlich sind und wie diese sich im Berufsalltag der Apotheker, Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte auswirken, hat die Apobank eine so genannte 360-Grad-Studie in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse hat sie jetzt am Hauptsitz der Bank in Düsseldorf veröffentlicht.

Apotheker erwarten Veränderungen rund um die Medikation

Zehn wesentliche Entwicklungspfade der Digitalisierung im Gesundheitssektor habe man identifizieren können, erklärt Daniel Zehnich, Stellvertretender Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der Apobank und Projektleiter der Studie. Das ist unter anderem der Bereich „Digitale Vernetzung“, der den Austausch von Daten etwa via elektronischer Gesundheitsakte umfasst. Weitere Bereiche sind beispielsweise „Anwendungen rund um Medikation“ mit digitalen Medikationsplänen und mehr sowie „Assistenzsysteme ärztlicher Leistungen“.

apoBank

500 Heilberufler – Apotheker, Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte, so verteilt wie ihr Anteil im Gesundheitsmarkt tatsächlich ist – hat die Bank anschließend online befragt, was diese Entwicklungsfelder für sie und ihren Beruf bedeuten. Insgesamt kam dabei heraus, dass eine Mehrheit von 82 Prozent vor allem durch die digitale Vernetzung große Veränderungen in ihrem Berufsalltag sieht. Die befragten Apotheker sehen Veränderungen in ihrem Bereich insbesondere durch Anwendungen rund um die Medikation auf sich zukommen. Insgesamt geben alle Befragten an, durch alle Felder der Digitalisierung eher Veränderungen im beruflichen Alltag zu erwarten als etwa Veränderungen im Verhältnis zwischen Heilberuflern und Patienten.

Bessere Versorgung vs. Datenmissbrauch

Besonders im Bereich der digitalen Vernetzung, aber auch insgesamt befürchtet die Mehrheit der Befragten hohe Investitionskosten während gleichzeitig übergreifend nur geringe wirtschaftliche Profite aus der Investition erwartet werden. Nichts desto trotz sieht die Mehrheit eine rasche Umsetzungsgeschwindigkeit innerhalb der kommenden vier Jahre für viele digitale Entwicklungsfelder als gegeben an.

Auch nach Chancen und Risiken der Digitalisierung ließ die Apobank fragen. „Bessere Versorgung und Qualität“, „Transparente Dokumentation“ und „Effizientes Datenmanagement“ sahen dabei die Heilberufler auf der Chancen-Seite, während „Datenmissbrauch“, „Bürokratie und Informationsflut“ und „Kosten“ auf Seiten der Risiken am häufigsten genannt wurden.

Standesorganisationen schätzen Veränderungen geringer ein

Da die 360-Grad-Studie ein „Meinungsbild aus dem Gesundheitsmarkt für den Gesundheitsmarkt“, wie Zehnich sagt, darstellen soll, wurden auch Standesorganisationen – insgesamt 30 – nach ihren Ansichten zum Thema Digitalisierung befragt. „Die Standesorganisationen schätzen dabei die Veränderungswucht geringer ein als die Heilberufler“, erklärt Zehnisch. Aber auch bei ihnen werden größere Auswirkungen auf die Strukturen der Gesundheitsversorgung erwartet, vor allem durch die Digitale Vernetzung, in geringerem Ausmaß zusätzliche Investitionen befürchtet und in gleichem geringem Maße wie bei den Heilberuflern wirtschaftlicher Profit erwartet.

In einem letzten Schritt befragte die Apobank per Telefon noch acht Experten aus dem Bundestag, dem Bundesgesundheitsministerium, der Wissenschaft, von einer Standesorganisation, aus der stationären Versorgung und der Wirtschaft. Dabei gab es durchaus kontroverse Aussagen. Während etwa Christian Belgardt, Präsident der Apothekerkammer Berlin, „keine digitale Revolution in den nächsten zehn Jahren, die bestehende Strukturen und Prozesse komplett ersetzt“ sieht, sagt Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin sowie Professor für Unfallchirurgie an der Uni Greifswald, man werde dank der Digitalen Techniken Krankheiten behandeln können, die bisher nicht behandelbar gewesen seien. Insbesondere im Bereich der Onkologie durch molekulare Medizin, durch 3-D-Druck von Prothesen oder sogar ganzer Organe mit körpereigenem Gewebe sieht er die großen Fortschritte, die zum Teil bereits realisiert seien.

Bereits mitten drin in der Digitalisierung

Man habe die Studie auch in Auftrag gegeben, weil es Aufgabe der Apobank als Standesbank sei, zu sehen, wie sich Trends auf die Kunden auswirkten, sagt Zehnich. „Es ist nun keine Frage mehr, ob die Digitalisierung kommt. Sie ist schon in unterschiedlichen Ausprägungen da“, sagt der Projektleiter der Studie. „Wir sind schon mitten drin“, sagt auch Sommer. Der Zug rolle. Nun müssten die Heilberufler auch aufspringen und investieren. „Digitalisierung bedarf hoher Investitionen, bringt aber auch hinterher große Effizienzen“, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Allerdings gebe es sowohl bei den Heilberuflern als auch den Standesorganisationen auf der einen Seite ein großes Interesse, auf der anderen Seite aber auch immer eine gewisse Abneigung gegen Veränderungen, sagt Sommer. „Aber wir sehen die Veränderungen und die Notwendigkeit für Veränderungen.“

Unterdessen sei das Thema Digitalisierung aber auch noch nicht in der Kreditwirtschaftlichen Betrachtung der Banken vollständig angekommen, sagt Sommer. Derzeit stehen bei der wirtschaftlichen Bewertung von Krediten hohe Investitionen für die Digitalisierung dabei noch möglicherweise nur geringem wirtschaftlichen Profit gegenüber. Die Digitalisierung werde aber ein Thema, das „uns begleiten wird“, sagt Sommer. Und auch ein Thema der Wettbewerbsfähigkeit im Gesundheitssektor. Mittelfristig werde es wohl auch einen „Change-Prozess“ bei den Banken geben.

Die Auswertung der Studie wird die Bank in Kürze auch online zur Verfügung stellen. Zum Thema Digitalisierung im Gesundheitsmarkt sind darüber hinaus Seminare und weitere Veranstaltungen geplant.


Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

apoBank-Studie: Unterschiedliche Erwartungen an die Entwicklung im Gesundheitsmarkt

Digitalisierung im Fokus

Was sein muss, was sein sollte und was die eigene Wettbewerbsposition stärkt

Alles digital oder was?

Beratung im Nicht-Bankenbereich soll gestärkt werden

Apobank mit Onlineplattform

Vom Halbgott in Weiß zum Dienstleister mit Vertrauen

Der Heilberufler 2030

Ketten-Aussicht und keine Lust auf die Offizin

Apotheker gehen vom Untergang des eigenen Systems aus

1 Kommentar

Versorgungssteuerung

von Reinhard Rodiger am 26.05.2016 um 16:07 Uhr

Auffällig ist , dass der bedrohlichste Aspekt der Digitalisierung, nämlich die VERSORGUNGSSTEUERUNG und Selektivvertragsgestaltung nicht erwähnt wird.Nur Zufall?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.