Ökotest zu Reisemedikamenten

Arzneimittel aus der Apotheke können punkten

Stuttgart - 25.05.2016, 14:30 Uhr

Im Notfall hilft die gute alte Kotztüte, doch soweit muss es dank wirksamer Arzneimittel aus der Apotheke gar nicht kommen (Foto: blende11.photo ( Fotolia)

Im Notfall hilft die gute alte Kotztüte, doch soweit muss es dank wirksamer Arzneimittel aus der Apotheke gar nicht kommen (Foto: blende11.photo ( Fotolia)


„Gar nicht so übel“ beurteilt Ökotest rezeptfreie Mittel gegen Reiseübelkeit. Pünktlich zum Beginn der Feriensaison haben die Verbraucherschützer 20 Produkte mit synthetischen Wirkstoffen oder mit Ingwer unter die Lupe genommen. Arzneimittel aus der Apotheke konnten dabei punkten.

Ob Schiff, Auto oder Flugzeug – einige finden Reisen im wahrsten Sinne des Wortes „zum Kotzen“, bei anderen äußert sich die Reisekrankheit zwar nicht ganz so drastisch, doch angenehm sind Übelkeit und Schwindel auch nicht.

Leiden muss allerdings keiner unter Reiseübelkeit. Für leichtere Beschwerden sind viele Präparate rezeptfrei in der Apotheke oder vereinzelt auch im Drogeriemarkt zu haben. Das Verbraucherschutzmagazin Ökotest hat sich 20 davon genauer angesehen. Dabei vergaben die Tester dreimal die Note „gut“. Darunter zwei Präparate mit dem H1-Antihistaminikum Diphenhydramin, Emesan® K Kinderzäpfchen und Emesan® Tabletten, sowie eines mit Ingwerwurzelstock, Zintona®-Kapseln.

Erstere bekamen einen Punktabzug, da die Antihistaminika wegen ihrer – bereits in normaler Dosierung – sedierenden Wirkung nach Ansicht von Ökotest nicht uneingeschränkt zu empfehlen sind. So seien sie zum Beispiel hinter dem Steuer tabu. Beim Ingwerpräparat aus der Apotheke beanstandeten die Tester, dass  die Wirksamkeit nicht zweifelsfrei belegt sei. Die Datenlage sei widersprüchlich, hieß es. 

Gleiche Wirkung, mehr Nebenwirkungen

Präparate mit dem Kombinationswirkstoff Dimenhydrinat, bei dem Diphenhydramin mit 8-Chlortheophyllin kombiniert ist, um die sedierende Wirkung abzumildern, werden durchweg mit „befriedigend" bewertet. Sie machten den Großteil der Testpräparate aus (15 von 20). Welche genau getestet wurden, lesen Sie hier.

So seien sie zwar ebenso wirksam wie reine Diphenhydramin-Präparate, durch den zweiten Wirkstoff bergen sie lediglich ein höheres Risiko unerwünschter Wirkungen. In seiner vorgesehenen Funktion als Muntermacher versage 8-Chlortheophyllin aber. Was die Hilfsstoffe angeht, gibt es bei den Präparaten aus der Apotheke fast nichts auszusetzen. Sie schneiden in dieser Kategorie „sehr gut“ ab. Lediglich Vomex®-Dragees bekommen hier Abzüge. Ökotest stört sich an den allergenen Farbstoffen Gelborange S, Ponceau 4 R und Azorubin.

Durchgängig Kritik gab es außerdem an den Blistern. Sie enthielten chlorierte Verbindungen, die bei Herstellung und Entsorgung die Umwelt belasteten, so Ökotest. Diesbezüglich sauber waren nur die Emesan®-Zäpfchen.

Alle Antihistaminika in Tablettenform und Zintona®-Kapseln können ab sechs Jahren angewendet werden, Zäpfchen bereits ab einem Körpergewicht von 8 kg. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Säuglinge und kleine Kinder empfindlicher auf die anticholinergen Effekte reagieren. 

Ingwer-Lutschtabletten fallen durch

Durchgefallen sind zwei Ingwerprodukte aus dem Drogeriemarkt: SOS Übelkeit® Lutschtabletten und Green Doc® bei Übelkeit Ingwer Lutschtabletten wurden mit „mangelhaft“ bewertet. Die Wirksamkeit der Lutschpastillen, die als ergänzende bilanzierte Diäten und somit als Lebensmittel auf dem Markt sind, sei nicht belegt. Es sei unklar woher der Ingwerextrakt stamme, so Ökotest-Experte und Apotheker Professor Manfred Schubert-Zsilavecz. Außerdem enthielten sie im Vergleich zu den Arzneimitteln eine deutlich zu niedrige Dosis. 

Neben Diphenhydramin und Zintona® empfiehlt Ökotest nicht-medikamentöse Maßnahmen, wie in der Ferne einen festen Punkt zu fixieren statt in Bücher, auf Bildschirme oder in die nähere Landschaft zu schauen. Auf Schiffen sei es zudem hilfreich, sich in der Mitte auf Deck aufzuhalten. Dort sei am wenigsten Bewegung, schreiben die Tester.

In schweren Fällen stehen dann auf ärztliche Verordnung Scopolamin-haltige Pflaster (Scopoderm®) und der Calciumkanalblocker Cinnarizin zur Verfügung. Letzterer ist in Deutschland allerdings nur in fixer Kombination mit dem Antihistaminikum Dimenhydrinat (Arlevert®) erhältlich und bei Schwindel zugelassen.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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