Beratungs-Quickie

Ein Arzneimittel gegen Würmer

München - 19.05.2016, 12:00 Uhr

Der Ekel ist meist groß: Apotheker beraten häufig zu Wurmerkrankungen. Regenwürmer, wie dieser, sind allerdings völlig unschädlich.  (Foto: Fotomaster / Fotolia)

Der Ekel ist meist groß: Apotheker beraten häufig zu Wurmerkrankungen. Regenwürmer, wie dieser, sind allerdings völlig unschädlich. (Foto: Fotomaster / Fotolia)


Welche Punkte sind bei der Beratung wichtig? Was für Zusatzinformationen können Sie in der Apotheke geben? Im „Beratungs-Quickie“ stellen wir jeden Donnerstag einen neuen Fall vor. Diesmal geht es um eine Verordnung für eine Frau und Mutter, die das Anthelminthikum Helmex gegen eine Infektion mit Wurmparasiten einnehmen muss.

Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm betritt die Apotheke und löst ihr Rezept ein. Die junge Mutter ist sehr aufgelöst: Es sei ihr furchtbar unangenehm, aber sie habe Würmer. Sie verstehe nicht, wie in aller Welt so etwas passieren konnte.

Formalien-Check

Verordnet sind vier Stück Kautabletten Helmex® der Firma Infectopharm.

Das Rezept ist vollständig und eindeutig. Der Arzt erlaubt den aut-idem-Austausch. Rabattverträge und Importe wären zu beachten. Im aktuellen Fall ist mit dem Wirkstoff jedoch kein Präparat eines anderen Herstellers auf dem Markt.

Die Kundin ist gebührenpflichtig.

Ab Ausstellungsdatum ist das Rezept einen Monat gültig.

Beratungs-Basics

Die Beratung sollte mit dem Versuch beginnen, die aufgelöste Kundin zu beruhigen. Sie muss sich keine Sorgen machen, denn Wurmerkrankungen sind zwar häufig, aber meist harmlos und leicht zu behandeln. Eine Infektion kann schnell geschehen. Die Wurmeier gelangen in der Regel über verunreinigte Nahrung oder durch engen Kontakt mit befallenen Haustieren in den Körper des Menschen. Kinder stecken sich häufig durch mit Wurmeiern verunreinigtes Spielzeug oder bei Spielkameraden, die Darmparasiten haben, an. Einige Wurmarten werden durch Stechmücken oder Fliegen übertragen, diese sind jedoch zumeist ein Reisemitbringsel aus den Tropen.

In Deutschland handelt es sich bei Wurmerkrankungen meistens um einen Befall mit Madenwürmern (Oxyuriasis, Enterobiasis). Bei dieser Wurmart ist der einzige Wirt der Mensch. Nach der Infektion legen die Parasiten ihre Eier bevorzugt in der Afterregion ab. Das macht sich vor allem am Abend und in der Nacht durch starken Juckreiz bemerkbar. Die Infektion kann aber auch unbemerkt verlaufen und von selbst abklingen. Erst bei starkem Befall treten Symptome wie Bauchschmerzen, Durchfall, Gewichtsverlust und, durch Kratzen am After, rektale Blutungen auf. Die weißen, etwa einen Zentimeter langen Madenwürmer sind im Kot nachweisbar.

Der Kundin sind weder bei ihrem Sohn noch bei ihrem Mann ungewöhnliche Symptome aufgefallen. Trotzdem ist für beide vorsichtshalber ein Kontrolltermin anzuraten.

Helmex® Kautabletten enthalten den Wirkstoff Pyrantel. Das Breitband-Anthelminthikum ist gegen Maden-, Spul- und Hakenwürmer im Gastrointestinaltrakt wirksam. Die reifen und unreifen Formen der Würmer werden durch die Substanz gelähmt und dann mit dem Stuhl ausgeschieden. Die Resorption des Wirkstoffes aus dem Magen-Darm-Trakt ist gering. Die Dosierung für Erwachsene beträgt, in Abhängigkeit vom Körpergewicht, zwei bis drei Tabletten als Einzeldosis. Im aktuellen Fall soll die Kundin drei Kautabletten auf einmal einnehmen. Das entspricht der empfohlenen Dosierung von 750 mg Pyrantel bei einem Körpergewicht von 63 bis 75 Kilogramm.

Die Tabletten werden vor dem Schlucken zerkaut. Das Arzneimittel kann unabhängig von der Nahrungsaufnahme und der Tageszeit eingenommen werden. Auf Alkoholkonsum sollte am Tag der Einnahme verzichtet werden.

Das Arzneimittel ist für Kinder ab zwei Jahren und zwölf Kilogramm Körpergewicht zugelassen. Helmex® ist auch als Suspension verfügbar (für Kinder ab sechs Monaten).

Nach maximal sechs Monaten sollte eine Kontrolluntersuchung durchgeführt werden. Falls erforderlich, ist eine Wiederholungsbehandlung vorzunehmen.

Parasitologen empfehlen prinzipiell für alle Wurmmittel mindestens eine Wiederholung der Behandlung nach vierzehn Tagen und besser sogar noch ein drittes Mal nach weiteren vierzehn Tagen.

Bei scheinbar besonders hartnäckigem oder wiederkehrendem Wurmbefall ist die gleichzeitige Behandlung aller Familienmitglieder sinnvoll.

Durch Pyrantel treten häufig unerwünschte Wirkungen wie Darmkrämpfe, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auf. Auch Kopfschmerzen und Schwindel sind möglich.

Auch noch wichtig

Neben der medikamentösen Behandlung sind Hygienemaßnahmen sehr wichtig. Am Behandlungstag müssen Bettwäsche und Handtücher ausgetauscht werden. Aufgrund der Ansteckungsgefahr für andere Familienmitglieder und Kontaktpersonen sowie zur Vorbeugung einer Reinfektion ist unbedingt eine gründliche Reinigung der Lebensbereiche (Wohnung, Arbeitsstelle) und der Kleidung vorzunehmen. Fußböden sollten gründlich gesaugt und alle Türgriffe und Sanitäreinrichtungen geputzt werden. Desinfektionsmittel sind wirkungslos. Kleidung und Schmusetiere müssen bei 60 Grad gewaschen werden.

Die Aftergegend ist acht Tage lang mehrmals täglich feucht zu reinigen und einzucremen. Unterwäsche ist oft zu wechseln und auszukochen. Die Hände müssen nach jedem Toilettengang, nach der Pflege der Analregion sowie vor jeder Mahlzeit gründlich gereinigt werden. Auf kurze Fingernägel ist zu achten, da Wurmeier unter den Fingernägeln von dort wieder in den Mund gelangen können.

Bei erstmaligem Wurmbefall sollte keine Selbstmedikation erfolgen. Ist ein Madenwurmbefall eindeutig diagnostiziert, steht in der Selbstmedikation der Wirkstoff Pyrvinium (Molevac®) zur Verfügung. Bandwürmer, die eindeutig diagnostiziert wurden, können mit Niclosamid (Yomesan®) behandelt werden.

Der DAZ.online-Beratungsquickie

Jede Woche präsentieren wir einen kurzen Fall, wie er im Apothekenalltag vorkommen könnte. Die Fälle und die Beratungshinweise basieren auf dem Rezepttrainer 1, dem Rezepttrainer 2 und dem HV-Trainer, des Deutschen Apotheker Verlags.
Die Beispiele geben Anregungen zur Beratung und anderen Dingen, die bei der Abgabe zu beachten sind:

  • Formalien-Check: unter anderem Informationen zur Verordnungsfähigkeit sowie Gültigkeit des Rezeptes

  • Beratungs-Basics: die wichtigsten Informationen zur Anwendung

  • Auch noch wichtig: Infos zu häufigen Nebenwirkungen und anderen Anwendungsproblemen, Wechselwirkungen mit der Selbstmedikation, Warnzeichen für Komplikationen, …

  • Darf`s ein bisschen mehr sein? Weitergehende Informationen und mögliche Zusatzempfehlungen

Fehlt was?
Haben wir etwas Wichtiges übersehen, haben Sie noch eine weitere Idee oder gar einen ganz anderen Ansatz? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und lassen Sie es uns wissen.

Darf´s ein bisschen mehr sein?

  • Als Waschlotionen sind milde Reinigungsmittel wie Eubos®, Eucerin® oder Bepanthol® empfehlenswert. Für die Pflege der Analregion eignen sich reizarme Grundlagen wie Vaseline und Zinksalbe.
  • Diäten oder Abführmittel sind gegen Würmer wirkungslos.

  • Die regelmäßige Entwurmung von Haustieren ist wichtig, da Katzen und Hunde auch den Fuchs- oder Hundebandwurm auf den Menschen übertragen können. Beides sind gefährliche Krankheitserreger.

  • Gartenarbeit sollte am Besten mit Handschuhen erfolgen.

  • Gemüse, Früchte und Pilze dürfen nicht ungewaschen verzehrt werden.

  • Kinder sollten mit Wurmstadien kontaminierte Umgebungen möglichst meiden (Hundewiesen, nicht abgedeckte Sandkästen).

Die Kundin zeigt sich durch die Beratung beruhigt. Sie vermutet als Ursache den Verzehr von Salat aus ihrem Garten, an welchem vermutlich noch Spuren von Erde hafteten. Ironisch fügt sie hinzu: Zum Glück lege sie großen Wert auf ökologischen, ungespritzten Eigenanbau von Obst und Gemüse. So habe sie zumindest glückliche Würmer aus kontrolliert biologischer Haltung.


Manuela Kühn, Apothekerin
redaktion@daz.online


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