Nach Apotheken-Modernisierungsgesetz

Filialexplosion in Dänemark

Berlin - 18.05.2016, 07:00 Uhr

84 Apotheken in zwölf Monaten: In Dänemark gibt es nach einer Gesetzesänderung 25 Prozent mehr Apotheken als noch vor einem Jahr. (Grafik: Apotekerforeningen)

84 Apotheken in zwölf Monaten: In Dänemark gibt es nach einer Gesetzesänderung 25 Prozent mehr Apotheken als noch vor einem Jahr. (Grafik: Apotekerforeningen)


Die Apothekenzahl in Dänemark hat sich innerhalb eines Jahres um 25 Prozent gesteigert. Grund dafür ist ein Gesetz, mit dem die Zahl möglicher Filialen von vier auf sieben erhöht wurde. Die meisten neuen Standorte wurden allerdings in städtischen Gebieten eröffnet.

In Sachen Apothekendichte war Dänemark in Europa seit Jahren Schlusslicht: Im Jahr 2014 kamen auf 100.000 Einwohner rund sechs Apotheken. Oder anders gesagt: In Deutschland kommen auf eine Apotheke rund 3.800 Einwohner, in Dänemark sind es mehr als 17.000 Menschen. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass es in Dänemark bis vor dem Modernisierungsgesetz etwa 220 Hauptapotheken gab, zu denen 60 Filialapotheken kamen. Seit Jahren schon dürfen einige OTC-Medikamente auch außerhalb von Apotheken abgegeben werden. Solche Verkaufsstellen gibt es unter anderem in Tankstellen, Supermärkten und Drogerien.

Strikte Bedarfsplanung wurde abgeschafft

Bewegung gab es im dänischen Apothekenmarkt bislang wenig. Es galt eine relativ strikte Bedarfsplanung, ein Apotheker durfte maximal vier Filialen besitzen. Das hat sich seit dem vergangenen Sommer geändert. Denn im April 2015 hat das dänische Parlament einstimmig (!) das Apotheken-Modernisierungsgesetz beschlossen. Das Vorhaben war jahrelang geplant: Seit 2012 gab es eine gleichnamige Arbeitsgruppe. Lange Zeit hatte es nach einer weitreichenden Liberalisierung ausgesehen, mehrere Minister der ehemaligen Regierung hatten sich für die Abschaffung des Mehr- und Fremdbesitzverbotes ausgesprochen.

Doch so schlimm hat es die Apotheker nicht getroffen. Apotheken dürfen weiterhin nur von Pharmazeuten eröffnet werden. Das Gesundheitsministerium muss auch weiterhin jede Neueröffnung einzeln genehmigen. Allerdings dürfen Apotheker nun bis zu sieben Filialen besitzen. Die Filialen dürfen maximal 75 Kilometer von der Hauptapotheke entfernt sein. Die Entfernung wird allerdings per Lineal auf der Landkarte gemessen. Es kann also dazu kommen, dass der Besitzer zwischen zwei Filialen Strecken von weit mehr als 150 Kilometern zurücklegen muss.

Sieben statt vier Filialen

Überraschenderweise wurde in dem Gesetz verankert, dass nicht in allen Filialen immer ein Apotheker anwesend sein muss. Nur in jedem dritten Betrieb des Verbundes muss ein Pharmazeut vor Ort sein. Bei den Apothekern sind diese abgemilderten Niederlassungsbeschränkungen gut angekommen: Zwischen Mai 2015 und Mai 2016 haben in Dänemark 84 neue Apotheken eröffnet, nur neun davon waren neue Hauptapotheken. Von diesen neun Standorten wiederum wurden sechs nach einem Besitzerwechsel übernommen. Der überwiegende Teil der neuen Apotheken sind also Filialapotheken. Das zeigt auch der Fakt, dass die Zahl der registrierten Apothekenbesitzer sogar leicht gesunken ist.

Mit Blick auf die Karte ist allerdings auffällig, dass die meisten der neuen Standorte in oder um die dänischen Städte Kopenhagen, Aalborg, Arhus, Randers oder Kolding eröffnet wurden. Für die Landbevölkerung hat sich die Versorgungslage somit wenig verändert. In einem Statement bewertet Anne Kahns, Präsidentin des Dänischen Apothekerverbandes, diese Entwicklung folgendermaßen: „Der Wettbewerb zwischen Apotheken hat sich gesteigert. Vorher hatten die Apotheker keine Chance, miteinander zu konkurrieren. Es handelt sich aber um einen Wettbewerb zum Nutzen der Bürger, denn vielerorts haben sich beispielsweise die Öffnungszeiten für Patienten verbessert.“

Neues Beratungshonorar

Am meisten begrüßt der Apothekerverband aber eine Regelung, die es den Apothekern ermöglicht, seit Jahresbeginn Medikationsberatungen für Chroniker anzubieten. Pro Beratung erhalten die Pharmazeuten dafür eine fixe Pauschale. Der Verband will jetzt noch weitergehen und fordert von der Politik, dass Apotheker in Notfällen oder bei gewissen chronischen Indikationen Rx-Medikamente nach einer ausführlichen Beratung auch ohne Rezept abgeben dürfen. Der Gesetzgeber hatte in dem Modernisierungsgesetz bereits festgehalten, dass er diese Möglichkeit überprüfen wolle.

Nicht begrüßenswert finden die Pharmazeuten die Umgestaltung der Notdienst-Angebote. Künftig müssen sich Apotheker dafür bewerben, einen Planungsbezirk auch nachts oder am Wochenende zu versorgen. Ab 2017 soll es insgesamt 34 dieser Bezirke geben. Derzeit gibt es in rund 50 mittleren und größeren Städten Apotheken, die den Notdienst für die jeweilige Region leisten. Der Apothekerverband kritisiert, dass sich die Zahl notdienstleistender Apotheken insgesamt verringern wird.


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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