Speditions-Ansiedlung

Apotheker kämpft gegen Feinstaub-Belastung

Steinhagen - 17.05.2016, 10:05 Uhr

LKWs verursachen große Mengen Feinstaub. Deswegen stemmt sich eine Initiative in Steinhagen gegen die Ansiedlung einer Spedition. (Foto: Gina Sanders / Fotolia)

LKWs verursachen große Mengen Feinstaub. Deswegen stemmt sich eine Initiative in Steinhagen gegen die Ansiedlung einer Spedition. (Foto: Gina Sanders / Fotolia)


Im nordrhein-westfälischen Steinhagen tobt ein Streit um die Ansiedlung eines Speditions-Unternehmens. Apotheker Lutz Heitland stellt sich auf die Seite der Gegner des Projekts, einer Initiative von Ärzten, die befürchtet, dass die Lkw Feinstaub in gesundheitsgefährdendem Ausmaß in den Ort bringen.

Die nordrhein-westfälische 20.000-Einwohner Gemeinde Steinhagen, nahe Bielefeld gelegen, ist bekannt für den Wacholder-Schnaps Steinhäger und vielleicht noch für den Wirtschaftsskandal um den Sportbodenhersteller Balsam AG im Jahr 1994. Ansonsten ist es eher ruhig hier am Rande des Teutoburger Waldes. Nun jedoch gibt es Streit, bei dem unter anderem der Steinhagener Apotheker Lutz Heitland gemeinsam mit mehreren Ärzten das Thema Gesundheit ins Feld führt.

Konkret geht es um die Ansiedlung des Speditions- und Logistikunternehmens Wahl & Co., das gerne aus dem benachbarten Bielefeld nach Steinhagen umziehen möchte. Um ein insgesamt 15 Hektar großes Areal geht es, gelegen zwischen dem Bahnhof und dem im Bau befindlichen Teilstück der A33 zwischen Bielefeld und Osnabrück. Über die A33 wird dort voraussichtlich ab 2018 der Verkehr rollen. Das Unternehmen, das noch einen Standort in Magdeburg hat, kann verschiedenen Berichten zufolge in Bielefeld nicht weiter expandieren und fände wohl auch den geringeren Gewerbesteuerhebesatz in Steinhagen interessant. Ein Großteil der rund 350 Arbeitsplätze in Bielefeld würden dann wohl mit umziehen.

Ärzte und Apotheker unterzeichnen offenen Brief

Politisch tobt der Streit seit Monaten zwischen der rot-grünen Mehrheit im Steinhagener Gemeinderat und der Opposition von CDU und FDP. Obwohl die Mehrheit im Rat die Ansiedlung des Unternehmens aus verschiedenen Gründen bereits im März ablehnte, indem sie gegen eine Änderung der Regionalplanung stimmte, ist die Debatte noch längst nicht entschieden. Denn unter anderem Angehörige von CDU und FDP, die unter anderem mit Arbeitsplätzen und dem Thema Gewerbesteuer argumentieren, initiierten ein Bürgerbegehren, mit dem ein Bürgerentscheid um die Frage der Ansiedlung des Unternehmens erreicht werden sollte. Das Bürgerbegehren scheiterte zwar jüngst wegen einer rechtlich falschen Fragestellung, wird jedoch wohl noch einmal aufgelegt werden. Immerhin 2700 Unterschriften für einen Bürgerentscheid um die Frage der Unternehmens-Ansiedlung kamen im ersten gescheiterten Anlauf zusammen.

Nun hat sich eine Initiative der Ärzte, die eine Praxis in Steinhagen unterhalten, in die Diskussion eingeschaltet, die vom Steinhagener Apotheker Lutz Heitland unterstützt wird. Heitland, der in Steinhagen, nur rund 500 Meter vom zur Diskussion stehenden Gelände die Mühlen-Apotheke betreibt, hat mit dem Facharzt für Lungenheilkunde und Internisten Reiner Schröder, dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt Christian Haberecht und dem Allgemeinmediziner Alexander Hirsch einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie sich aus gesundheitlichen Gründen gegen die Ansiedlung des Logistikers Wahl & Co. stemmen. Sie argumentieren, dass durch den Feinstaub, den die geschätzten 250 bis 500 Lastwagen-Fahrten im Ort produzieren würden, ernsthafte Gesundheits-Beeinträchtigungen der Bewohner zu befürchten seien.

Feinstaub sei eine unterschätzte Gefahr

„Wir gehen davon aus, dass in dieser Hinsicht die Ansiedlung des Unternehmens in Steinhagen eine Katastrophe wäre“, sagt Heitland. „Das hat Folgen für die Gesundheit“, sagt er – und davor zu warnen, sei ihm als Apotheker wichtig. Er selber sei Allergiker und Asthmatiker und von Luftverschmutzung somit unmittelbar selbst betroffen. Feinstaub sei eine unterschätzte Gefahr, wie aktuelle Studien unter anderem der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigten. „Ich war selbst erschrocken über die Ergebnisse dieser Studien“, sagt er.

Durchschnittlich 35.000 Todesfälle pro Jahr in Deutschland werden laut verschiedenen Studienergebnissen der Belastung der Luft mit Feinstaubpartikeln, also Partikeln kleiner als 10 Mikrometer (Tausendstel Millimeter), zugerechnet. Die gesundheitliche Wirkung wird allerdings noch erforscht, als sicher gilt eine gesundheitliche Beeinträchtigung. Statistisch haben besonders die Abgase von Diesel-Motoren mit rund 29.000 Tonnen Feinstaub pro Jahr (Stand 2001) in Deutschland einen hohen Anteil an der menschengemachten Feinstaub-Belastung. Größter Verursacher ist allerdings mit rund 60.000 Tonnen pro Jahr (Stand 2001) die Industrie.

Tempolimit für im Bau befindliche Autobahn gefordert

Selbst moderne Lkw verursachten große Mengen Feinstaub, sagt Heitland. „Auf Zigarettenpackungen müssen Gefahrenhinweise und demnächst Schockbilder draufstehen. Eigentlich müsste auf Diesel-Fahrzeugen auch ein Hinweis stehen ‚Kann Lungenkrebs verursachen‘“, sagt der Apotheker. Und der Feinstaub sei bereits in kleinen Mengen gefährlich. Dazu käme in Steinhagen die geografische Lage am Rande des Teutoburger Waldes. Dessen Höhenzüge führten zu einem Stau der Luftströmung und einer höheren Belastung.

Auch die im Bau befindliche A33, die in rund zwei Jahren Verkehr durch den Ort leiten wird, macht ihm und den Ärzten in dieser Hinsicht Sorgen. Für das Teilstück fordern sie ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern. Und falls es infolge eines möglichen Bürgerentscheids doch zur Ansiedlung der Spedition käme, fordern die Gesundheitsberufler zumindest eine Messstelle für Feinstaub, damit die betroffenen Zufahrtsstraßen im Fall der Grenzwert-Überschreitung gesperrt werden könnten.

„Es geht uns einfach um die Gesundheit der Menschen“, sagt der Apotheker.


Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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