Pharmaindustrie

Ausgaben für Arneimittelwerbung steigen

Hamburg - 12.05.2016, 16:45 Uhr

Die Ausgaben der  Pharmaindustrie für Werbung nahmen in den letzten Jahren deutlich zu, (Foto: Zerbor / Fotolia)

Die Ausgaben der Pharmaindustrie für Werbung nahmen in den letzten Jahren deutlich zu, (Foto: Zerbor / Fotolia)


Pharmakonzerne investieren immer mehr Geld in die Bewerbung ihrer Produkte. In Deutschland gelten für die Arneimittelwerbung zwar strengere Regeln als in den USA. Kritker beklagte jedoch, dass diese zum Teil aufgeweicht oder umgangen werden.

Die Ausgaben der Pharmaindustrie für Werbung schnellen weltweit in die Höhe. In den USA werden bereits schwindelerregende Summen investiert. Rund 5,2 Milliarden US-Dollar gaben die Konzerne der Online Plattform STAT zufolge in 2015 für Produktwerbung aus – rund 50 Prozent mehr als noch vier Jahre zuvor. Anders als in Europa ist in den USA selbst die Bewerbung verschreibungspflichtiger Arzneien beim Verbraucher erlaubt. Angesichts solcher Zahlen sprach sich die Ärztevereinigung American Medical Association Ende vergangenen Jahres für eine Änderung der Gesetze aus. 

Auch in Deutschland fließt immer mehr in Pharma-Werbung

Aber auch die Ausgaben der deutschen Pharmaindustrie für Werbung nahmen in den letzten Jahren deutlich zu, wie Erhebungen des Marktforschungsinstituts Nielsen zeigen, die auf dem Portal Statista veröffentlicht wurden. Demnach zählt die Pharmaindustrie bereits seit Jahren zu den Branchen mit den höchsten Werbeausgaben. Lag sie dabei 2014 mit rund 949 Millionen Euro noch auf Platz sieben, belegte sie 2015 mit Werbeausgaben von mehr als einer Milliarde Euro bereits Platz fünf. Allein im Januar und Februar 2016 flossen schon über 230 Millionen Euro in die Werbung für Arzneimittel, mehr als in die Werbung für Handyverträge und Süßwaren zusammen. Aufs Jahr gerechnet wären das nun schon fast 1,4 Milliarden Euro. 

Boehringer gibt am meisten aus

Den Spitzenplatz belegte in einer Einzelauswertung der Nielsen-Daten 2014 Boehringer Ingelheim mit 95 Millionen Euro Ausgaben für Werbung, es folgt Bayer Vital mit 73 Millionen Euro und Pfizer Consumer Healthcare mit 61 Millionen Euro. Novartis Consumer Health und die Klosterfrau kamen im selben Zeitraum auf jeweils 45 Millionen Euro Werbeausgaben.  

Die Zahlen der Marktforscher basieren zum Teil auf Hochrechnungen. Sie werten Anzeigen aus und orientieren sich an den brachenüblichen Preisen. Zum Teil bezieht Nielsen auch Informationen von Verlagen, die Anzeigen veröffentlichen. Wie exakt die ermittelten Daten zutreffen, lässt sich nicht eindeutig sagen: Denn welche Summen sie in Deutschland für Werbung ausgeben, war von keinem der genannten Unternehmen selbst zu erfahren. Die tatsächlichen Summen, die in verkaufsfördernde Maßnahmen investiert werden, dürften aber noch höher liegen. Etwa, weil sogenannte Advertorials bei der Auswertung vielleicht nicht erfasst wurden: Zeitschriftenartikel, die zwar von Pharmafirmen bezahlt werden, aber nach außen hin wie ein normaler Beitrag erscheinen.

Pharma-Kritiker beklagen Grauzonen

Zudem gibt es Grauzonen, sagt Hedwig Diekwisch von der Buko Pharma-Kampagne. Dazu gehören für sie auch Anwendungsbeobachtungen, bei denen Hersteller Ärzte dafür bezahlen, dass diese die Wirkung von Arzneimitteln bei ihren Patienten beobachten. Der wissenschaftliche Wert solcher Anwendungsstudien ist umstritten. „Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um Werbung für Medikamente, die Ausgaben werden offiziell aber als Ausgaben für Forschung und Entwicklung verbucht‟, sagt Diekwisch. Von 2009 bis 2014 zahlten Pharmafirmen an Ärzte in Deutschland pro Jahr 100 Millionen Euro für solche Patientenbeobachtungen, wie eine gemeinsame Datenauswertung von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung mit dem Recherchezentrum Correctiv ergeben hat. 

Mit den steigenden Werbeausgaben versuchten die Pharmafirmen womöglich, einen Mangel an Innovationen auszugleichen, sagt Diekwisch. Für problematisch hält sie auch die massive Bewerbung von OTC-Präparaten – diese ist auch hierzlande grundsätzlich erlaubt. Sie ist überzeugt: „Es geht eben nicht um Informationen, sondern um eine emotionale Ansprache, bei der Risiken aus einem Interessenkonflikt heraus nicht ausreichend betont werden.‟

Besonders problematisch sei die Werbung für OTC Präparate, die aus der Rezeptpflicht entlassen wurden, nachdem sie in niedrigerer Dosierung angeboten wurden, wie zum Beispiel der Lipasehemmer Orlistat. Theoretisch können die Verbraucher nun einfach mehr davon kaufen – und so ohne Rezept an die gleiche Dosierung kommen. Der Kniff könne von den Pharmafirmen auch ganz bewusst eingesetzt werden, um ein Mittel anders bewerben zu können, sagt Diekwisch: „Und die Verbraucher halten es dann automatisch für harmlos.‟


Irene Habich, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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