Kommentar zu: Betrug mit „Luftrezepten"

Schwer nachvollziehbar

Stuttgart - 09.05.2016, 17:30 Uhr

Laut WamS soll Betrug durch Apotheken mit  „Luftrezepten" eine gängige Masche sein. Das ist schwer nachvollziehbar. (Foto: DAZ)

Laut WamS soll Betrug durch Apotheken mit „Luftrezepten" eine gängige Masche sein. Das ist schwer nachvollziehbar. (Foto: DAZ)


Rezepte abzurechnen ohne die Arzneimittel abzugeben, ist Betrug und darf nicht schön geredet werden. Normalerweise finden Krankenkassen auf Rezepten jedoch jeden noch so kleinen Fehler - und retaxieren. Wenn jedoch ein Apotheker hochpreisige Arzneimittel abrechnet, die nie über den HV-Tisch gegangen sind, fällt das nicht auf? Schwer zu glauben, findet DAZ.online-Redakteurin Julia Borsch.

Mit der Überschrift „Die große Abzocke“ beschreibt die „Welt am Sonntag“ (WamS) vergangenes Wochenende eine angeblich „verbreitete Masche“, mit der Apotheker mittels sogenannter Luftrezepte Millionensummen ergaunern. Apotheker würden dabei – meist hochpreisige – Arzneimittel mit den Krankenkassen abrechnen, ohne die jeweiligen Präparate jemals abzugeben. Meist machten sie dabei mit Ärzten gemeinsame Sache. 

Das ist Betrug und darf weder banalisiert noch schön geredet werden. Keine Frage. Aber dass das im großen Stil passiert, wie es der WamS-Beitrag suggeriert, ist aus vielen Gründen unwahrscheinlich. So werden beispielsweise die Hersteller hellhörig, wenn das Verhältnis der geforderten Rabatte nicht zur Zahl der abgegebenen Packungen passt. Wenn die Schere zwischen Wareneinsatz und Umsatz zu weit auseinander geht, muss das zudem bei der Betriebsprüfung auffallen.

Und es gibt ein weiteres Anzeichen dafür, dass es sich eher um zu verurteilende Einzelfälle als um ein flächendeckendes Phänomen handelt: Angeblich soll den Kassen der Betrug zumeist nicht auffallen. So heißt es im WamS-Artikel, die Krankenkassen würden erst nach Eingang anonymer Hinweise auf Betrug Ermittlungen aufnehmen.

Rezepte werden akribisch geprüft

Krankenkassen legen bekanntermaßen eine unglaubliche Akribie bei der Rezeptprüfung an den Tag, jedes fehlende Komma wird moniert. Teilweise geht es dabei um geradezu lächerliche Summen. Da fällt es sehr schwer zu glauben, dass in großem Stil Arzneimittel abgerechnet werden, die die jeweiligen Patienten gar nicht oder zumindest nicht in den verordneten Mengen benötigen.

Wenn „Luftrezepte“ wirklich ein verbreitetes Phänomen sein sollten, wäre es doch naheliegend, bei teuren Präparaten besonders gründlich nachzuprüfen. Und zwar mindestens mit derselben Energie, die auf Formfehler verwendet wird.

Warum werden denn dann nicht mehr Fälle bekannt? Die geschilderten sollen ja angeblich nur die Spitze des Eisbergs sein. Sind die Kassen etwa so sehr damit beschäftigt, sich beim Retaxieren von unabsichtlichen Formfehlern zu verkünsteln und Apotheken vereinzelt sogar zu schikanieren, dass ihnen die systematischen Betrüger, die Millionenschäden verursachen, im großen Stil durch die Lappen gehen? Vermutlich eher nicht.

Viel wahrscheinlicher ist doch, dass es sich mal wieder um wenige schwarze Schafe handelt, die mit ihren kriminellen Machenschaften einen ganzen Berufsstand in Misskredit bringen.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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1 Kommentar

Gemeinsame Sache

von Armin Spychalski am 10.05.2016 um 17:09 Uhr

Mich würde mal interessieren, was die beteiligten Ärzte dabei von den Apothekern kassieren. Vielleicht meldet sich ja ein "Betroffener" bei mir;).

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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