„Lesen Sie dreimal täglich“

Erinnerungen an ein Apothekerleben in zwei Systemen

06.05.2016, 09:49 Uhr

Kopie eines alten DDR-Rezeptes, aufgenommen im Brandenburgischen Apothekenmuseum in Cottbus. In dem 1989 gegründeten Fachmuseum sind Einrichtungen und Exponate verschiedener Lausitzer Apotheken zusammengetragen. (Foto: dpa)

Kopie eines alten DDR-Rezeptes, aufgenommen im Brandenburgischen Apothekenmuseum in Cottbus. In dem 1989 gegründeten Fachmuseum sind Einrichtungen und Exponate verschiedener Lausitzer Apotheken zusammengetragen. (Foto: dpa)


Ernst-Jürgen Wolter war fast 20 Jahre lang Inhaber der City-Apotheke in Bad Oeynhausen. Als Rentner blickt er nun in einem Buch auf seine gesamte Zeit im Apotheker-Beruf zurück, die in der ehemaligen DDR begann und damit Erfahrungen in zwei Systemen umfasst.

„Lesen Sie dreimal täglich“ – so lautet die Empfehlung, die Ernst-Jürgen Wolter heute als Rentner gibt, nach seiner 40 Jahre langen Karriere im Apothekerberuf. Mit diesen Worten hat er sein Buch betitelt, in dem der heute 73-Jährige Anekdoten, Gedanken und Erlebnisse „aus dem Leben eines Apothekers“ niedergeschrieben hat.

„Ich wollte mich mit dem vielen auseinandersetzen, was ich im Beruf erlebt habe“, sagt Wolter, „und vielleicht auch der jungen Generation zeigen, wie interessant und spannend das Leben als Apotheker sein kann“. Dass sein Berufsleben dabei in der ehemaligen DDR begann und nach der Wende mit Höhen und Tiefen in Nordrhein-Westfalen weiterging, bereichert das Buch um die Erfahrungen aus zwei doch ganz unterschiedlichen Systemen.

(Foto: privat)

Apotheker Ernst-Jürgen Wolter 

Apotheker nimmt Schwächen des real existierenden Sozialismus aufs Korn

Das Buch ist nicht dick, es liest sich schnell und recht munter. Der Apotheker konnte es jüngst auf der Buchmesse in Leipzig selber präsentieren. An manchen Stellen scheint durch, dass Wolter vielleicht noch viel mehr hätte erzählen können. Da gibt es etwa spannende Anekdoten aus seiner Zeit als Leiter der Gütekontrolle in einem pharmazeutischen volkseigenen Betrieb der DDR, in denen er die Schwächen des real existierenden Sozialismus beschreibt, oder den Mangel, der herrschte und in vielen Ausnahmegenehmigungen mündete.

Auch wie er im System aneckte und in der Karriere nicht weiterkam, weil er kein Mitglied der SED war, schildert Wolter in seinen Erinnerungen, die „fast sowas wie meine Memoiren sind“, wie er sagt. „Das Problem war, dass ich in der DDR nicht systemkonform war“, erinnert er sich. Natürlich spielt auch der November 1989 eine Rolle in seinen Aufzeichnungen. Seinem Schritt über die Grenze in die Bundesrepublik widmet er nicht nur ein Kapitel, sondern auch eine Zeichnung. Mehrere Grafiken aus seiner Feder illustrieren das Buch.

Erster Job im Westen dank einer Stellenanzeige in der DAZ

Nach der Wende leistete ihm die Deutsche Apotheker Zeitung wertvolle Dienste, als er über die Stellenanzeigen darin eine Anstellung im Westen, zunächst im niedersächsischen 5000-Einwohner-Ort Braunlage im Oberharz fand. Wobei Wolter sagt, die DAZ habe er bereits in der DDR schon immer gerne gelesen, wo er sie über den Betrieb beziehen konnte.

Später machte sich Wolter mit seiner Frau, einer gelernten Apothekenfacharbeiterin, selbstständig und übernahm die City-Apotheke in der 48.000-Einwohner-Stadt Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen, nahe Porta Westfalica. Auch aus der Zeit des Selbstständigmachens und von schlechten Erfahrungen mit dem Kapitalismus erzählt er – etwa über den Makler, der das unerfahrene Apothekerpaar über den Tisch zog.

Nie ein Meisterschaftsfenster für Schalke 04 dekoriert

Aus der Zeit in der City-Apotheke, die er von 1991 bis zur Rente im Jahr 2010 betrieb, schildert Wolter viele Anekdoten über die Marotten und Liebenswertigkeiten seiner Kunden, über Marketing und harten Wettbewerb sowie Tiefschläge wie etwa drei Einbrüche in seine Offizin. Zu den Tiefschlägen gehörte dabei für den eingefleischten Fan des Fußballvereins Schalke 04 wohl auch, dass er nie ein blau-weißes Meisterschaftsfenster dekorieren konnte. Auch wie er 2010 die Apotheke ohne Nachfolger abwickeln musste, schildert Wolter.

Dass viele Kapitel nur kurz sind, läge wohl auch daran, dass er als selbstständiger Apotheker wohl nie so viel Zeit zum Schreiben gefunden habe. Seit den Siebzigerjahren habe er vieles immer mal wieder niedergeschrieben. Zum Buch zusammengefasst habe er seine Aufzeichnungen dann in zwei Monaten im vergangenen Sommer. „Ich habe dabei bedauert, dass ich nie richtig Tagebuch geschrieben habe“, sagt er. So habe er sich auf sein Gedächtnis verlassen müssen. „Man könnte wohl immer noch mal was dazu schreiben“, sagt Wolter.

Die Apotheke lässt Wolter nicht los

Geschrieben hat der Apotheker dabei immer auch für seine Kundenzeitschrift oder das Kirchenblatt, was der Rentner auch heute noch ab und zu macht. Erst seit knapp einem Jahr sei Wolter so richtig im Ruhestand, sagt er. „Davor habe ich noch fünf Jahre in Teilzeit in einer Apotheke gearbeitet.“ Der Beruf lasse ihn eben nicht los, sagt er. Mittlerweile beschäftigt er sich allerdings mehr damit, mit dem Hund rauszugehen oder mit den drei Enkeln etwas zu unternehmen. Auch Pläne für ein weiteres Buch gibt es, das von Schicksalen in der DDR handeln wird.

Weitere Informationen

Das Buch „Lesen Sie dreimal täglich – Aus dem Leben eines Apothekers“ von Ernst-Jürgen Wolter ist in der Edition Fischer im R.G. Fischer-Verlag erschienen. Das Taschenbuch umfasst 94 Seiten, ist illustriert mit Zeichnungen des Autors und trägt die ISBN 978-3-86455-832-0. Es kostet 9,80 Euro.


Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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