Jahrbuch Sucht 2016

Lust auf Alkohol und Tabak ungebrochen

Berlin - 04.05.2016, 12:30 Uhr

Alkohol und Tabak bleiben die Top-Drogen. Doch auch der Arzneimittel-Missbrauch ist nicht zu unterschätzen. (Foto: Joshua Resnik/Fotolia)

Alkohol und Tabak bleiben die Top-Drogen. Doch auch der Arzneimittel-Missbrauch ist nicht zu unterschätzen. (Foto: Joshua Resnik/Fotolia)


Sucht ist weiterhin vor allem mit den legalen Drogen Alkohol, Tabak und Arzneimittel verknüpft. Statistisch gesehen nimmt jeder Bundesbürger rund 137 Liter alkoholische Getränke im Jahr zu sich – und raucht 1000 Zigaretten.  

Das „Jahrbuch Sucht 2016“ zieht als aktuellste Zahlen zum Alkoholkonsum solche aus dem Jahr 2014 heran. Danach wurde in Deutschland mit 9,6 Liter reinem Alkohol fast ebenso viel getrunken wie im Vorjahr 2013 (9,7 Liter). Diese geringe Reduktion um 0,2 Prozent ist für die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) kein Grund zu Entwarnung. Sie bleibt viel mehr bei ihren Forderungen nach effektiven Präventionsmaßnahmen wie Preiserhöhungen, Angebotsreduzierung und Werbeeinschränkungen – bei Tabak wie bei Alkohol.  

Rauschtrinken bleibt Thema

Tatsächlich wirken die Zahlen noch mehr, bedenkt man, dass vor allem 15- bis 65-Jährige Alkohol trinken. Denn dann erhöht sich der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch auf 14 Liter Reinalkohol im Jahr. Laut Statistischem Bundesamt, waren in den letzten zwölf Monaten insgesamt 3,38 Millionen Erwachsene in Deutschland  von einer alkoholbezogenen Störung betroffen: 1,61 Millionen wegen Alkoholmissbrauchs, 1,77 Millionen infolge Abhängigkeit. Zudem wurden 2015 fast 22.400 junge Menschen zwischen zehn und 19 Jahren wegen akuten Alkoholmissbrauchs in Kliniken behandelt. Selbst wenn das fast vier Prozent weniger waren als im Vorjahr, sieht DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann keine Erfolge beim Eindämmen des Rauschtrinkens unter Teenagern: „Das ist immer noch ein hoher Stand“.

Frauen mit höherem Sozialstatus trinken riskanter

Alkohol ist zudem eine Droge, die Menschen mit höherem sozioökonomischem Status riskanter konsumieren als solche mit einem geringen Status. Das ist nicht nur bei Männern in allen Altersgruppen zu beobachten – bei Frauen zeigt es sich sogar noch deutlicher: Mit steigendem Lebensalter und Sozialstatus wächst der Hang zum Alkohol. So konsumierten 19,3 Prozent der Frauen zwischen 45 und 65 Jahren mit niedrigem Sozialstatus Alkohol in riskanter Wiese – bei Frauen mit hohem Sozialstatus war es jede Dritte (32,8 Prozent).

Mehr Zigaretten, weniger Raucher

Beim Zigarettenkonsum verzeichneten die Autoren des Jahrbuches im Jahr 2015 einen Anstieg um rund zwei Prozent. Pro Kopf wurden im statistischen Mittel 1004 Zigaretten geraucht, 2014 waren es 982. Abgenommen hat dagegen der Verbrauch von Zigarren, Zigarillos und Feinschnitttabak.

Dennoch gibt es Jahr für Jahr weniger Raucher. Im Jahr 2013  rauchten 29 Prozent der über 15-jährigen Männer  und 20 Prozent der gleichaltrigen Frauen. Vor allem im jungen und mittleren Erwachsenenalter greifen die Menschen zur Zigarette – erst ab einem Alter von 60 Jahren ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Erfreulich ist auch die Entwicklung bei Jugendlichen: Im Jahr 2014  rauchten nur elf Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen und neun  Prozent der gleichaltrigen Mädchen – so wenig wie noch  nie zuvor seit Beginn der Datenerhebung durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Illegale Drogen: Cannabis an erster Stelle

Allerdings gab jeder sechste Befragte zwischen 18 und 20 an, in den letzten Monaten mindestens einmal eine illegale Substanz geraucht zu haben – zumeist Cannabis. Im Vergleich mit den legalen Drogen spielen illegale Drogen aber eine eher geringe Rolle: Laut DHS zählt Deutschland mit geschätzten 4,7 Personen mit riskantem Drogenkonsum pro 1.000  Einwohner im Alter von 15 bis 64 Jahren europaweit zu den  Ländern mit niedriger Prävalenz. Dabei sind Männer klar gefährdeter und der Konsum bei 18- bis 20-Jährigen am weitesten verbreitet: 16,8 Prozent dieser jungen Männer hatten in den vergangenen zwölf Monaten illegale Drogen  konsumiert – an erster Stelle stand dabei Cannabis. Nach Hochrechnungen des Epidemiologischen Suchtsurveys 2012  sind insgesamt 319.000 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren – davon etwa  260.000 Männer  und  58.000 Frauen – von illegalen Drogen wie Cannabis, Kokain oder  Amphetamin abhängig.

Arzneimittelmissbrauch bleibt oft im Dunklen

Auch den Arzneimittelmissbrauch nehmen die Autoren des Handbuchs Sucht regelmäßig unter die Lupe – doch hier ist es besonders schwer, valide Zahlen zu bekommen. Die Schätzungen haben sich in den vergangenen Jahren nicht verändert. Die Autoren gehen davon aus, dass vier bis fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel ein eigenes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial besitzen. Dazu rechnen sie vor allem die Schlaf- und Beruhigungsmittel mit Wirkstoffen aus der Familie der Benzodiazepine und der Benzodiazepinrezeptoragonisten. In den letzten Jahren seien die Verordnungen dieser Mittel zulasten der gesetzlichen Kassen zwar zurückgegangen, der Anteil der privat verordneten Mittel habe allerdings zugenommen. Die verkauften Benzodiazepine reichen laut DHS immer noch aus, um etwa 1,2 bis 1,5 Millionen Abhängige zu versorgen. Die Gesamtzahl der Arzneimittelabhängigen – vor allem Frauen im höheren Lebensalter – wird auf bis zu 1,9 Millionen geschätzt. 

Folgen für das Gesundheitssystem

Hochgerechnet auf Folgen für die Gesundheit gehen die DHS von 74.000 Todesfällen jährlich durch Alkohol und von 121.000 durch Tabak im Jahr aus. „Das entspricht rund 480 gut gefüllten Jumbojets“, veranschaulichte Gabriele Bartsch, Vize-Geschäftsführerin der DHS diese Zahl. Die Kosten für das Gesundheitswesen – gerechnet nach Behandlungen und Ausfalltagen – schätzen die Experten auf rund 119 Milliarden Euro im Jahr, 40 Milliarden entfallen dabei auf Alkohol.


Kirsten Sucker-Sket / dpa
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.