TK-Vize Thomas Ballast über die "amnog-Sparschranke"

„Es ist nicht das Ziel, Apotheker zu retaxieren“

Berlin - 05.05.2016, 09:00 Uhr

TK-Vorstand Thomas Ballast setzt auf die Kompetenz der Apotheker. (Foto: TK)

TK-Vorstand Thomas Ballast setzt auf die Kompetenz der Apotheker. (Foto: TK)


Der Techniker Krankenkasse schwebt vor, die Apotheker stärker in den Nutzenbewertungsprozess neuer Arzneimittel einzubinden. Im Interview mit DAZ.online erklärt TK-Vize Thomas Ballast, wie sein auf dem DAV-Wirtschaftsforum vorgestelltes System („AMNOG-Sparschranke“) funktionieren könnte.

Mit seinem Modell überraschte Ballast die Besucher des DAV-Wirtschaftsforums in der vergangenen Woche. Die Idee: Apotheker sollen ärztliche Diagnosen einsehen dürfen und die Abgabe verweigern, wenn sich herausstellt, dass das verordnete Arzneimittel für den jeweiligen Patienten keinen Zusatznutzen hat. DAZ.online wollte wissen, wie eine solche Rolle des Apothekers genau aussehen könnte, warum aus Sicht der TK die Ärzte mitspielen würden und ob die Apotheker dafür vergütet werden sollten.

DAZ.online: Herr Ballast, Ihr Vorschlag zur stärkeren Einbindung der Apotheker bei der Abgabe von „AMNOG-Arzneimitteln“ hat beim DAV-Wirtschaftsforum für Furore gesorgt. Worum geht es Ihnen?

Ballast: Es geht uns darum, die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertungen von neuen, patentgeschützten Arzneimitteln stärker in die Versorgung einfließen zu lassen. Es ist einfach nicht zufriedenstellend, dass die Ergebnisse über den Zusatznutzen von Medikamenten im tatsächlichen Versorgungsalltag oftmals kaum eine Rolle spielen. Der GKV-Spitzenverband hat daher ein Modell zur nutzenorientierten Erstattung vorgeschlagen – kurz NOË. Darin wurde die Rolle des Apothekers bislang noch nicht berücksichtigt.

DAZ.online: Und wie sollen Apotheker das Verordnungsverhalten der Ärzte beeinflussen?

Ballast: Wir wollen auf die Kompetenz der Apotheker in der Versorgung nicht verzichten. Schon jetzt haben wir als Techniker Krankenkasse mit den Apothekern eine Reihe von Maßnahmen im Bereich der Arzneimitteltherapiesicherheit umgesetzt, die gut funktionieren. Eine mögliche Weiterentwicklung wäre die Einbindung der Apotheker in das NOË-Modell.

DAZ.online: …indem Apotheker Arzneimittel ohne Zusatznutzen einfach nicht mehr abgeben?

Ballast: Nein, die Apotheker sollen erstmal das Gespräch suchen. Im Rahmen der NOË könnte man die verschlüsselten ärztlichen Diagnosen für den Apotheker sichtbar machen. Dadurch würden wir den Apotheker in die Lage versetzen, zu handeln. Eine Möglichkeit wäre dann die "pharmazeutische Intervention", indem der Apotheker mit der Krankenkasse in Dialog tritt.

DAZ.online: Dann bräuchten die Apotheker sicherlich eine weitere Standleitung zu den Krankenkassen. Ein enormer bürokratischer Aufwand, nicht wahr?

Ballast: Wir wollen hier ausdrücklich den Dialog und keine Bürokratie. Der Austausch kann alternativ auch direkt zwischen Arzt und Apotheker stattfinden. Damit wird die Rücksprache mit der Kasse in vielen Fällen entfallen. Entscheidend ist das Ziel, die Arzneimittel mit Zusatznutzen wirklich an den Patienten zu bringen.

DAZ.online: Dazu müssten viele Gesetze geändert werden.

Ballast: Derzeit darf der Apotheker keine ärztlichen Diagnosen einsehen. Wenn  das Konzept der NOË umgesetzt wird, sollte man die Apotheker jedoch miteinbeziehen. Der rechtliche Rahmen müsste dann zu gegebener Zeit diskutiert werden.  Auch die Bundesregierung hat im Pharmadialog gemeinsam mit anderen Akteuren erkannt, dass das AMNOG besser in der Arztpraxis ankommen muss. Wir sind überzeugt, dass die Apotheker dies unterstützen können.

DAZ.online: Das Modell riecht nach vielen Fehlerquellen. Was ist wenn sich irgendwo ein falsches Kreuz oder ein unlesbares Datum einschleicht? Wird dann retaxiert?

Ballast: Man kann jede Veränderung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Aus unserer Sicht könnte man die hohe pharmazeutische Kompetenz der Apotheker besser nutzen. Ziel ist nicht, die Apotheker zu retaxieren, sondern zusammen mit ihnen eine bessere Versorgung zu ermöglichen.

Erst am Ende über Vergütung sprechen

DAZ.online: Würden Sie den Apothekern einen solchen Mehraufwand eigentlich vergüten?

Ballast: Bevor es ums Geld geht, sollten wir uns mit den Inhalten auseinandersetzen. Erst am Ende kann man schauen, was die Apotheker konkret tun sollen. Sofern ein Mehraufwand entsteht, muss man darüber sprechen, ob dieser entsprechend vergütet werden sollte.

DAZ.online: Bislang hat die Kompetenzverteilung zwischen Ärzten und Apothekern immer zu Kompetenzgerangel geführt. Warum sollten sich die Ärzte auf Ihr Modell einlassen?

Ballast: Wir möchten den Ärzten keine Kompetenzen und Verantwortung wegnehmen. Vielmehr geht es uns darum, eine kooperative Beziehung zwischen Ärzten, Apotheker, Patienten und Krankenkassen zu etablieren. Im Idealfall arbeiten beide Berufsgruppen eng zusammen.

DAZ.online: Und was ist, wenn der Idealfall nicht eintritt?

Ballast: Wir begrüßen, dass im Pharmadialog angeregt wurde, ein Arzneimittel-Informationssystem zu etablieren, das die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung abbildet.

Apotheker sollen nutzenorientiert versorgen

DAZ.online: Das heißt: Erste Wahl ist das Arzt-Informationssystem. Und nur wenn das nicht klappt, dürfen die Apotheker mitmachen?

Ballast: Wir wollen niemandem Druck machen. Weder den Ärzten, noch den Apothekern. Aber wenn das Arzt-Informationssystem für die Praxis tatsächlich kommen sollte, könnten es grundsätzlich doch auch die Apotheker nutzen. Allerdings ist das nur ein mögliches Modell unter vielen.

DAZ.online: Sehr konkret hören sich diese Pläne nicht an. Könnte sich eventuell auch alles wieder in Luft auflösen?

Ballast: In erster Linie geht es uns darum, dass das AMNOG nun endlich in der Versorgung unserer Versicherten ankommt, und die Apotheker ihre Kompetenz einbringen. Auch die Apotheker müssten aus der Perspektive eines Heilberuflers ein Interesse daran haben, dass nutzenorientiert versorgt wird. Welches Modell letztlich umgesetzt wird - mit oder ohne Apotheken - wird die Diskussion in den nächsten Monaten zeigen.


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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6 Kommentare

Untragbar für Patienten

von Susanne Fey am 12.05.2016 um 9:48 Uhr

Als Patientenvertreterin finde ich diesen Vorschlag einfach überflüssig, er verursacht nur mehr Kosten, Verwaltungsaufwand und vor allem Ärger für alle Beteiligten.

Schon heute sind die KK nicht in der Lage simpelste Bewertungen und Entscheidungen durchzuführen und zeitnah geht das schon mal gar nicht.

Schon heute muss ich, als Patientin mit einer Dauermedikation, jedesmal zweimal in die Apotheke um meine Medikamente zu bekommen, einmal Rezept abgeben, dann Medikament abholen, weil es bei der Vielzahl der Rabattverträge für eine kleine Apotheke unmöglich ist, alle Präparate vorzuhalten, die ev..gebraucht werden könnten.

Wenn dann der Apotheker noch bei der KK den Arzt verpetzen soll und ein Sachbearbeiter ohne medizinische Ausbildung und ohne Spezialkenntnisse für das bestimmte Krankheitsbild sich darum kümmern soll, dann Gute Nacht.

Selbst der MDK ist nicht so kompetent, wie er gerne tut: Er behauptet auch schon mal, dass ein 2012 europaweit zugelassenes Medikament, das nicht auf dem deutschen Markt verfügbar ist, nicht zugelassen sei.

Und die Nutzenbewerung des AMNOG ist auch nicht immer sinnvoll und /oder nachvollziehbar (s. Epilepsie-Petition)

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AMNOG - Sparschranke

von Jan Ahrens am 06.05.2016 um 10:11 Uhr

Ich erinnere mich noch mit Grausen an den Versuch eines
Medikationsmangements im Rahmen des Barmer-Hausapothekenmodells. Zweimal hatte ich das Gespräch mit
Ärzten gesucht , um die Medikation zu verbessern. Jedesmal
bekam ich eine barsche Abfuhr mit der Begründung der Therapiefreiheit. ( Was mir wohl einfiele ?)
Die Ärzte werden sich das nicht gefallen lassen und dann
möchte ich mal wissen , ob wir noch Gesprächsprotokolle
zur Retaxvermeidung führen sollen.
An der HIMI -Genehmigungsdauern gesehen ,ist dann eine
zeitnahe Versorgung unmöglich.
Ich würde gerne mal Mäuschen spielen ,wenn Herr Ballast versucht einen Arzt von seiner Therapie abzubringen.

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Sind wir Fachleute oder was?

von Karl Friedrich Müller am 04.05.2016 um 15:31 Uhr

Auch wenn Retax nicht die (erste) Absicht ist, würde es so kommen. Diese Chance ließen sich die KK nicht entgehen. Besonders, da die Aussage nebulös ist sich daher besonders gut zum Retax eignet, ohne dass Gegenwehr möglich wäre.
(Sowieso unmöglich, weil hinreichend bekannt ist, wie einseitig die Gerichte urteilen.)
Also: nein danke. Erst muss von den KK endlich akzeptiert werden, dass wir FACHLEUTE (studiert, mit Abschluss!) sind, deren Vorgehen nicht angezweifelt werden kann.

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AW: Niemand ....

von joe black am 05.05.2016 um 14:40 Uhr

......hat die absicht, eine Mauer zu errichten!

Retax

von Dr. radman am 04.05.2016 um 13:38 Uhr

Hr. Ballast,

Sie wollen nur mehr Retax-Fallen einbauen. Von wegen Pharmadialog anregen. Als ob wir partnerschaftlich miteinander arbeiten...

Ich traue keinem Kassenfunktionär mehr...

Nein ..vielen dank Hr. Ballast...wir wollen das nicht...

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Mumpitz...

von gabriela aures am 04.05.2016 um 13:20 Uhr

..in Tüten.
Und das Argument der "schnellen Versorgung durch die Apotheke vor Ort" wird damit - ganz nebenbei- auch ausgehebelt. Ups !
Welcher Versender hat den Vorschlag ausgearbeitet ?
(Hauptsache, man nimmt uns nicht noch die Rezepturen *Ironieoff*)

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