Kinder statt Kondome

Bistum findet Hinweiszettel in Kondom-Packungen nicht verwerflich

Berlin - 02.05.2016, 17:00 Uhr

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Apotheker Andreas Kersten legt Kondom-Packungen einen Hinweiszettel bei, der für das Kinderkriegen wirbt. Während der Apotheker dafür im Internet und in seiner Apotheke Anfeindungen ausgesetzt ist, sieht das Erzbistum dies als eine originelle Idee an.

„Bitte werben Sie für einen verantwortungsvollen Umgang mit Verhütungsmitteln. Setzen Sie sich ein für eine grundsätzliche Offenheit und Bereitschaft, Kinder zu bekommen und für eine sorgsame Abwägung bei der Entscheidung für ein Verhütungsmittel - im Bewusstsein der Lebensbereicherung durch Kinder“ – so steht es auf Zetteln geschrieben, die der Berliner Apotheker Andreas Kersten allen Kondom-Packungen beilegt, die in seiner Undine-Apotheke im Stadtteil Neukölln über den HV-Tisch gehen.

Mit seiner seit vielen Jahren bekannten christlichen Überzeugung, die sich auch an Papstbildern und Engelsfiguren in den Schaufenstern der Apotheke ablesen lässt, eckt der Pharmazeut an (DAZ.online berichtete).

Hinweiszettel weder moralisierend noch bedrängend

Mitte April zog eine erneute Diskussion durch das Internet, losgetreten durch den empörten Tweet einer Twitter-Nutzerin, die bei Kersten offenbar Kondome gekauft hatte und den Hinweis-Zettel darin schlicht unverschämt fand. Während im Netz kontrovers diskutiert wird, kann das Erzbistum Berlin nichts Verwerfliches an der Aktion des Apothekers finden.

„Im Gegenteil“, sagt Bistumssprecher Stefan Förner. Es sei eine originelle Idee, für einen verantwortungsvollen Umgang mit Verhütungsmitteln zu werben, sagt er. „Die Hinweiszettel sind weder moralisierend noch bedrängend.“ Sie seien etwa nicht vergleichbar mit dem Verhalten von Abtreibungsgegnern, die vor Kliniken auf Patienten und Ärzte losgingen. Kersten plädiere lediglich für eine Lebensbereicherung durch Kinder. Und dass Kinder eine  Bereicherung seien, könne man gar nicht oft genug sagen, sagt Förner.

Dafür, dass die Undine-Apotheke immer wieder Ziel von Farbbeutel-Anschlägen und ähnlichem wird - weil Kersten die „Pille danach“ nicht abgeben mag - und auch für den Shitstorm im Internet hat Förner kein Verständnis. „Farbbeutel-Anschläge und Anfeindungen im Internet sind keine Form der Debatte, die ich akzeptieren könnte, ganz egal wogegen“, sagt er.

„Es überrascht mich nicht, dass die Position, die Herr Kersten offen vertritt, provozierend wirkt. Ich bin aber der Ansicht, dass Neukölln auch diese Position aushalten kann“, sagt Förner.

Erzbistum hat keine Sondermeinung zur „Pille danach“

Was die „Pille danach“ angeht, die der Apotheker aus Gewissengründen nicht abgibt, - wie er vor zwei Jahren in einem Interview äußerte -, geht das Erzbistum Berlin konform mit der Deutschen Bischofskonferenz. „Das Erzbistum Berlin vertritt dabei keine Sondermeinung“, sagt Förner. 2013 hatten die katholischen Bischöfe erklärt, sie billigten die Verhütungspille im Falle eine Vergewaltigung. „Opfer von Vergewaltigung sollten jede mögliche Unterstützung und Hilfe erhalten, juristische, genauso wie medizinische, aber auch seelsorgerische und therapeutische, sofern sie sie in dieser Situation annehmen können“, sagte Förner.

Ein Zugang zur „Pille danach“ sei aber in Neukölln gewährleistet und dürfe nur ein Aspekt des Hilfeangebots sein. 2014 stand Kersten im Zentrum von Medienberichten, weil er sich offensiv weigerte, die mittlerweile rezeptfreie „Pille danach“ herauszugeben.

Dies war auch auf Kritik der Apothekerkammer Berlin gestoßen. Geschäftsführer Rainer Auerbach kommt in einem bereits 2013 erschienen Statement zu dem Fazit, dass es nicht zulässig sei, dass Apotheker aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen selbst entscheiden, welche Arzneimittel sie ausgeben.Auch wenn dies gesetzlich nicht klar festgelegt sei, gebe es dafür Regelungen, die zum Beispiel aus der Apothekenbetriebsordnung abzuleiten seien. Demnach müssten Apotheker den Verschreibungen eines Arztes nachkommen und dürften die durch einen Arzt angeordnete Therapie nicht beeinflussen. 

Das Haus erklärte, etwa im Falle eine Vergewaltigung, dürften Patientinnen nicht gezwungen werden, nach einer „willigen Apotheke“ zu suchen. Es sei unzumutbar, dass eine Patientin sich vor dem Apotheker rechtfertigen müsse, warum sie das Arzneimittel einnehmen möchte.

Apothekerkammer sieht religiöse Meinungsäußerung problematisch

Dass der Apotheker seine christlich-katholische Einstellung offen in seiner Offizin vertritt, ist für Bistumssprecher Förner nichts Schlimmes. Es gebe etwa Bäcker, die für das Konzert in der benachbarten Kirche werben oder Läden, die eine Spendenbüchse für ein kirchliches Hilfswerk auf dem Tresen stehen hätten, vergleicht er die Hinweiszettel-Aktion, - wobei in diesen Fällen natürlich nicht unbedingt eine christliche Überzeugung zum Ausdruck gebracht würde.

Für die Apothekenkammer ist dieser Umstand allerdings problematischer. „Der Apotheker ist bei seiner Berufsausübung zu einer sachlich-fachlichen und professionellen Berufsausübung und zur Mäßigung hinsichtlich religiöser und weltanschaulicher Meinungsäußerungen verpflichtet“, erklärte Auerbach gegenüber dem Nachrichtenportal katholisch.de. Allerdings sei von den Gerichten noch nicht entschieden, wo da die Grenze verliefe, sagte er dort weiter.

Zwar will sich der Apotheker nicht mehr gegenüber der Presse äußern, da es aber seit mindesten 2011 Berichte über die offen zur Schau gestellte Überzeugung des Apothekers sowie die Zettelaktion gibt und er sich auch von Farbbeutel-Anschlägen im Jahr 2014 nicht davon hat abbringen lassen, wird Kersten wahrscheinlich auch in der Zukunft weiter für Schlagzeilen sorgen.


Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Jeder so wie er mag

von Sven Larisch am 03.05.2016 um 9:50 Uhr

Nun mag man davon ausgehen, das wir in Deutschland Meinungsfreiheit haben und jeder das Recht hat seine Meinung auch frei zu äußern (oh es gibt ein Grundgesetz), also auch Herr Kersten.
Also haben auch die Neuköllner eine Meinungsfreiheit und dürfen die Apotheke des Kollegen besuchen oder nicht - je nachdem ob Sie mit seinen Ansichten konform gehen oder nicht. Denn Die Patienten haben ja auch die freie Apothekenwahl. Viel Lärm um nichts! Und Menschen im Internet angehen ist immer leicht- schnell ein Tweet, ein Eintrag auf Facebook, ein Shitstorm auslösen sich stark fühlen .. echt traurig was die schöne neue vernetzte Welt aus Menschen macht.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Eigentlich paradox,oder?

von Ulrich Ströh am 02.05.2016 um 18:32 Uhr

Unstrittig ist,dass der Kollege Kersten aus Neukölln in diesem Jahr mehr Wahrnehmung in den Medien erfahren hat als unser Pressesprecher der ABDA..?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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