Scientific Wellness

Mit Datenpunkten gegen Krankheiten

Stuttgart - 02.05.2016, 09:00 Uhr

Schöne neue Welt? Big Data und personalisierte Medizin versprechen Gesundheit. (Foto: @nt / Fotolia)

Schöne neue Welt? Big Data und personalisierte Medizin versprechen Gesundheit. (Foto: @nt / Fotolia)


Die Zukunft der Medizin liegt in den Datenwolken, sagt der Genpionier Leroy Hood: Er will durch eine kontinuierliche Analyse von Gesundheitsdaten möglichst jeden Kranken zum Gesunden machen. Zuerst testete er seinen Ansatz bei 100 Freiwilligen, in der nächsten Stufe sollen es 100.000 werden. Doch wie verändert dies das Menschenbild? 

Während in Deutschland um die Einführung des digitalen Medikationsplans gerungen wird und die Anbieter von Genomtests bisher nur im kleinen Rahmen arbeiten, zeichnet sich in den USA die Zukunft der Medizin ab. Davon sind zumindest Wissenschaftler wie der 77-jährige Biologe Leroy Hood überzeugt: Sie wollen durch die Analyse riesiger Mengen an Gesundheitsdaten und patientenindividueller Therapien erreichen, dass Krankheiten der Vergangenheit angehören.

„Ich denke, dass wir sehr optimistisch sein können“, sagt Hood gegenüber DAZ.online. „Wenn wir sofort bei Geburt beginnen, umfangreiche Daten-Clouds anzulegen, können wir einige Krankheiten abwenden.“ Er denkt dabei nicht nur an genetische Erkrankungen sondern auch an Krebs, ernste Stoffwechselkrankheiten oder Herz-Kreislauf-Probleme. Basierend auf der Datensammlung will Hood die zunehmenden Möglichkeiten der Systembiologie nutzen, um in Zellprozesse gezielt eingreifen zu können. „Wenn Sie die kritischen zellulären Krankheits-Netzwerke identifizieren können, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie“, sagte er diese Woche auf einer Tagung des European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg. „So können wir den Gesundheits-Krankheits-Übergang verstehen.“

(Foto: Robin Layton - Institute for Systems Biology)

Leroy Hood

Das Meisterstück wird zur Massenware

Hood ist einer der weltweit führenden Gentechnik-Pioniere: Mitte der Achtzigerjahre stellte er einen automatisierten DNA-Sequenzierer vor, den er mit der Firma Applied Biosystems entwickelt hatte – dieser ermöglichte später mit das Human Genome Project, an dem der Biologe auch beteiligt war. Während dieses mit Milliardenkosten das erste menschliche Genom ablas, soll das damalige Meisterwerk nun so üblich wie eine herkömmliche Blutuntersuchung werden.

Seinen Ansatz nennt Hood „Scientific Wellness“ – und testete ihn zunächst mit gut 100 Personen. „Wir haben das komplette Genom sequenziert, machen alle drei Monate einen detaillierten Labortest, erfassen das Magen-Mikrobiom und erfassen kontinuierlich Gesundheitsdaten und den Lebensstil“, sagt Hood. Jeden Monat gibt es außerdem ein Gespräch mit einem „Wellness-Coach“, der persönlich Tipps zur gesunden Lebensführung, Ernährung und Krankheitsvermeidung gibt.

Mit dem Genom zur Apotheke?

Nach den bisherigen Auswertungen hätten 91 Prozent der Teilnehmer Probleme mit der Aufnahme von Nährstoffen oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten, gut zwei Drittel hatten vielfach unerkannte Infektionen und mehr als die Hälfte seien prädiabetisch gewesen. „Wir konnten fast alle in den Normalzustand bringen“, sagt Hood. Hinzu käme, dass für derzeit ungefähr 70 Erkrankungen das genetische Risiko bestimmt werden könne. „Dies ist die Gesundheitsvorsorge des 21. Jahrhunderts“, ist Hood überzeugt. Über die neugegründete Firma Arivale hätten sich in den letzten 18 Monaten 5.000 Kunden für den neuen Dienst angemeldet, bald sollen es 10.000 sein – und in nicht so ferner Zukunft mit seinem „100k Wellness Project“ wiederum zehnmal so viel.

Zusammen mit der US-amerikanischen Krankenversicherung Providence Health soll Hoods Ansatz in die Regelversorgung gebracht werden – und innerhalb von drei Jahren auch zeigen, dass die moderne Technik nicht zu Kostensteigerungen führt, sondern Geld spart. Doch kommt tatsächlich die schöne neue Welt – und die „Demokratisierung des Gesundheitswesens“, die Hood auch für Entwicklungsländer ankündigt?

Welche Auswirkungen hat es auf die Gesellschaft?

Einerseits wird er zuerst zeigen müssen, dass sein Ansatz tatsächlich effektiv ist – und nicht nur ein großes Versprechen. In Heidelberg nannte Hood als ein Beispiel für den Erfolg seiner Analysen, dass aufgrund sechs verschiedener Genvarianten die Aufnahme von Vitamin D6 verändert sein kann – und die Ernährungsberater so erhöhte Dosen empfehlen können, welche für die Normalbevölkerung schädlich wären. Dies allein erklärt natürlich noch nicht die Erfolgszahlen, dazu kommen sicherlich immer neue Möglichkeiten. Doch wird wohl der digitale Medikationsplan umgesetzt bevor eine andere Vision der Tagung in den USA Wirklichkeit wird: Dass nämlich Patienten ihre individuellen Genomdaten zusammen mit dem Rezept zur Apotheke bringen.

Andererseits stellt sich die Frage, wie sich unser Menschenbild durch das Streben dadurch ändert, wenn die vollständige Gesundheit als Ziel zur Normalität wird. Was ist mit jenen, die aufgrund fehlender Therapien oder zu hoher Kosten nicht behandelt werden können? „Wir müssen uns damit befassen“, sagt Hood. „Die Menschen werden mit der Erwartung kommen, gesund zu werden – nicht bei jedem wird das gelingen“, so der Biologe. Entsteht dadurch eine gespaltene Gesellschaft? „Das glaube ich nicht, da wir ja ein gemeinsames Gesundheitssystem haben“, sagt Hood.

In Deutschland wird schon angesichts der Diskussion, ob Krankenkassen Fitness-Daten verwenden dürfen, eine Gefahr für das Solidarsystem gesehen. Dass seinen Ideen anfangs mit Zweifeln begegnet wird, kennt Hood: „Alles was ich bisher gemacht habe, wurde anfangs mit enormer Skepsis aufgenommen“, sagt er. Doch schon sein Ziel, innerhalb von 15 Jahren das menschliche Genom zu entschlüsseln, sei in Erfüllung gegangen.

Während der SAP-Mitgründer Hasso Plattner kürzlich im „Handelsblatt“ vorschlug, dass in einem Pilotprojekt jeder Arztbesuch, jede Laboruntersuchung und Computertomografie erfasst werden sollte – „dann schaut man mal, was man damit alles machen kann“ – wird sich für Befürworter wie Skeptiker wohl ein Blick über den Atlantik lohnen. Um zu schauen, ob Hoods Ziele nur ein Hype waren. Oder Realität werden.


Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur DAZ.online
hfeldwisch@daz.online


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