Nach Pflegemordserie

Ausschuss empfiehlt verpflichtende Einführung von Stationsapothekern

Stuttgart - 30.04.2016, 04:00 Uhr

Auf jeder Station soll es einen Apotheker geben, schlägt der Ausschuss vor. (Foto: psphotography / Fotolia)

Auf jeder Station soll es einen Apotheker geben, schlägt der Ausschuss vor. (Foto: psphotography / Fotolia)


Als Lehre aus einer Serie von Mordfällen empfiehlt ein Landtagsausschuss in Niedersachsen, auf jeder Krankenhausstation in Deutschland einen Apotheker einzustellen. Dies soll die Arzneimittelsicherheit erhöhen – und Missbrauchsfällen vorbeugen.

In einer Serie von Morden in Delmenhorst und Oldenburg hatte ein Krankenpfleger mindestens fünf Patienten getötet – weitere Fälle sind noch offen. Ein Sonderausschuss des Landtags, der sich derzeit mit den politischen Konsequenzen beschäftigt, empfiehlt die verpflichtende Einstellung von Apothekern auf jeder Krankenhausstation – im ganzen Bundesgebiet. Laut CDU-Obfrau Anette Schwarz soll so die Arzneimittelsicherheit erhöht und potenziell auch Kriminalität verhindert werden.

„Durch die Einführung des Stationsapothekers gäbe es die Möglichkeit, den Abfluss der Medikamente nachzuvollziehen“, sagt Schwarz gegenüber DAZ.online. Bei der Mordserie hatte ein Pfleger zugegeben, 90 Patienten eine Überdosis des Herzmittels Ajmalin verabreicht zu haben, bis zu 30 sollen verstorben sein. Neben einer genaueren Leichenschau und eines anonymen Meldesystems sieht der 45-seitige Empfehlungskatalog auch die Verbesserung der Arzneimittelsicherheit vor.

Patientenindividuelle Beratung

Schwarz geht es darum, die Betreuung von Patienten im Krankenhaus generell zu verbessern – um Druck von Pflegepersonal und Ärzten zu nehmen und so Fehler zu vermeiden. Durch die zusätzlichen Apotheker könne außerdem die Versorgung verbessert werden, auch wenn die Apotheker nicht immer bei der Verordnung danebenstehen „und auf die Finger klopfen“ könnten, wie die Landtagsabgeordnete sagt. Doch sie könnten die Mediziner besser beraten und die Therapie individuell auf den jeweiligen Patienten zuschneiden.

Die Empfehlungen sind bereits weitgehend zwischen den Landtagsparteien abgestimmt und sollen in den nächsten Wochen finalisiert werden – im Juni befasst sich der Landtag mit dem Thema. Komplett offen ist jedoch noch die Finanzierung, auch in Niedersachsen. Eine Möglichkeit wäre es dort, Stationsapotheker mittels der anstehenden Novelle des niedersächsischen Krankenhaus-Gesetzes einzuführen.


Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

Gut, aber...

von Dr. Stephan Hahn am 30.04.2016 um 8:35 Uhr

Meiner Meinung nach hätte ein Stationsapotheker zwar den Abfluss der Medikamente überwachen können, die missbräuchliche Anwendung von Ajmalin wohl jedoch nicht. Dabei handelt es sich um ein injizierbares Notfallmedikament gegen Herzrhythmusstörungen, welches keine Routinemedikation im Klinikalltag darstellt. Welchen Einfluss hätte in einer Notfallsituation der Stationsapotheker nehmen können? Die Anordnung für den Einsatz dieses Arzneimittels trifft der behandelnde Arzt, auch im Krankenhaus. Gleichwohl unterstütze ich die Einrichtung des Stationsapothekers als Unterstützung der Arzneimitteltherapie sehr, da die Kenntnisse in klinischer Pharmazie die ärztlichen Kompetenzen in idealer Weise komplettieren. Aber wer bezahlt das? Die großen Krankenhausketten sparen schon jetzt am Personal, bis es quietscht. Das kann man sehr schön bei uns in Cuxhaven beobachten, wo vor nicht allzu langer Zeit die Apotheke der HELIOS-Klinik geschlossen wurde und alle Stationen dermaßen personell auf Kante besetzt sind, dass einem Angst und Bange wird!

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Stationsapotheker

von Hermann Eiken am 30.04.2016 um 8:17 Uhr

Man kann nur hoffen, dass diese gute Initiative nicht wieder am Geld und an Kompetenzstreitigkeiten scheitert. Sonst verschwinden solche Vorschläge schnell in der Schublade. Die Ergebnisse aus dem Sonderausschuss sind für die Standespolitik der Apotheker eine Steilvorlage! Hoffentlich wird sie genutzt!,

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Somit...

von Philipp Jüttner am 29.04.2016 um 18:36 Uhr

bewegen wir uns also auch hier in Deutschland so langsam mal, bezogen auf die Klinische Pharmazie, aus der Urzeit heraus. Zeit wurde es.

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