Europäische Impfwoche

Bei Masern hinkt Deutschland immer noch hinterher

Berlin - 27.04.2016, 13:20 Uhr

Die Internetseite des Gesundheitsministeriums in der Impfwoche. (Screenshot: DAZ.online)

Die Internetseite des Gesundheitsministeriums in der Impfwoche. (Screenshot: DAZ.online)


Die aktuelle Woche steht ganz im Zeichen des Impfschutzes. Das scheint auch nötig zu sein. Mit den schlechten Impfraten gegen Masern hat Deutschland sogar die Pläne der Weltgesundheitsorganisation WHO durchkreuzt, Europa bis 2015 masernfrei erklären zu können.

Impfungen, mit denen jeder sich selbst und sein Umfeld vor Krankheiten schützen kann, gehören zu den großen Errungenschaften der Medizin. Darauf weist der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen vfa anläßlich der Europäischen Impfwoche hin. 27 Vakzine stünden derzeit bereits zur Verfügung, diese sorgten dafür, dass viele früher gefürchtete Infektionskrankheiten heute ihren Schrecken verloren haben. Bis 2019 wollen die Arzneimittelunternehmen des vfa weitere Impfstoffe gegen acht weitere Krankheiten herausbringen, sagte vfa-Geschäftsführerin Birgit Fischer.

Schon zugelassen, aber noch nicht auf dem Markt sei ein Impfstoff gegen Milzbrand. Für einen Impfstoff gegen Dengue-Fieber laufe das Zulassungsverfahren. Weit fortgeschritten sei außerdem die Entwicklung von Impfstoffen gegen Ebola, Noro-Viren, den Krankenhauskeim MRSA, den Darmkeim Clostridium difficile und gegen Cytomegalie-Viren, die vor allem Organtransplantierte gefährden. Auch gegen Tuberkulose könnte noch in diesem Jahrzehnt ein Impfstoff kommen, und die Entwicklung von Zika-Virus-Vakzinen sei ebenfalls bereits angeschoben.

Einer geimpft – viele geschützt

Impfungen nützen nicht nur den Geimpften selbst. Sie schützen auch deren Kontaktpersonen und tragen zum Abebben von Epidemien bei. Manchmal ermöglichen sie sogar die Ausrottung einer Krankheit, wie am Beispiel der Kinderlähmung und der Pocken bereits gezeigt werden konnte.

Die Infektionskrankheiten haben aber nur dann keine Chance, sich durchzusetzen, wenn es in einer Region genügend Geimpfte in der Bevölkerung gibt, das heißt, wenn „Herdenimmunität“ besteht. Die erforderliche Durchimpfungsrate für die Herdenimmunität ist je nach Krankheit verschieden. 

Masern: Durchimpfungsrate nicht erreicht

Bei Masern wären über 95 Prozent  erforderlich, doch sind es in Deutschland bei Grundschulkindern bisher nur 92,6 Prozent (Stand 2013 laut RKI 2015). Deshalb kommt es immer wieder zu regionalen Epidemien wie 2015 in Berlin, 2011 in Bayern oder 2008 in Baden-Württemberg. Mit den schlechten Impfraten gegen Masern hat Deutschland sogar die Pläne der Weltgesundheitsorganisation WHO durchkreuzt, Europa bis 2015 masernfrei erklären zu können.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe dazu: „Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Deutschland beim Impfen gegen Masern besser geworden ist, aber wir sind längst noch nicht gut genug. Die Impflücken sind noch immer zu groß. Seit Mitte 2015 gelten neue Regelungen zur Überprüfung des Impfschutzes und für die Impfberatung. Wir brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung der Ärzte, Schulen, Kitas, der Betriebe und natürlich auch der Familien, damit Masern in Deutschland der Vergangenheit angehören.“ 

Wer bezahlt die Impfung?

Welche Impfungen in Deutschland für bestimmte Bevölkerungsgruppen (z. B. Kinder, Senioren) ausdrücklich empfohlen sind, entscheidet die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut in Berlin, Rubrik Infektionsschutz. Diese müssen dann von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Nach Angaben des  Bundesministeriums für Gesundheit  geben die gesetzlichen Krankenkassen pro Jahr rund 1,27 Milliarden Euro für Impfungen (Impfstoff und Arzthonorar, Regel- und Satzungleistungen) aus (Stand 2014). Reiseimpfungen müssen die Versicherten meist selbst bezahlen.

Brauchen wir eine Impfpflicht?

Heute gibt es in Deutschland keine gesetzliche Impfpflicht mehr. Nach dem Infektionsschutzgesetz können Impfungen nur noch für besondere Fälle vorgeschrieben werden. Wegen der großen Bedeutung von Impfungen für die Allgemeinheit wird aber immer wieder eine Impfpflicht für Deutschland gefordert.   


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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