Mon chèr Monsieur Schönlein

Zeitgenossen schreiben an Johann Lukas Schönlein

Stuttgart - 22.04.2016, 17:30 Uhr

Johann Lukas Schönlein

Johann Lukas Schönlein


Der gebürtige Bamberger Johann Lukas Schönlein zählt zu den einflussreichsten deutschen Medizinern der ersten Hälfte 19. Jahrhunderts. Schönlein hat die Einführung moderner naturwissenschaftlicher Methoden in die Medizin befördert, er gilt als Erstbeschreiber eines humanpathogen Krankheitserregers. Jetzt wurden 202 bislang unbekannte Briefe an Schönlein herausgegeben - unter den Schreibern Alexander von Humboldt, Kaiser Napoleon III oder der preußische König Friedrich Wilhelm IV.

Hier geht es um einen Band mit Briefen. Mit Briefen an den herausragenden Mediziner Johann Lukas Schönlein – Briefe aus einer längst vergangenen Zeit. Briefe mit Anredeformeln und Formulierungen, die auf die heutigen Leser und Leserinnen wirken wie aus einer Zeitmaschine.

Gleich beim Aufschlagen des Buches kann man sich - dank der Faksimiles - an den Handschriften erfreuen, um dann wieder einmal verwundert festzustellen, auf den ersten Blick nichts lesen zu können. Gleichzeitig kommt aber auch ein Gefühl der Wertschätzung auf: für die Berufsschreiber, die Privatpersonen und die adeligen Verfasserinnen und Verfasser und deren hohe Kunst des Briefeschreibens.

Aber kann man etwas über einen Menschen erfahren, durch die Briefe die an ihn gerichtet wurden?

Zunächst einmal ist das Anliegen der Herausgeberin Prof. Eva Brinkschulte und des Herausgebers Dr. Philipp Teichfischer, die Briefe für die Forschung zugänglich zu machen. Beide haben bereits einen Band mit Briefen von Schönlein herausgegeben. Ihnen kommt das Verdienst zu, systematisch historische Dokumente in unsere Zeit zu transferieren und sie, wie im vorliegenden Band „Mon chèr Monsieur Schönlein - Briefe an den Arzt, Lehrer und Vater“ überhaupt erst aufzuspüren.

Die beiden Briefe-Sammlungen, die den Hauptanteil an den veröffentlichten Dokumenten ausmachen, sind beziehungsweise waren im Privatbesitz zweier Nachfahrinnen Schönleins. Ein Teil der Briefe wurde mittlerweile an die Staatsbibliothek Bamberg übergeben. Laut den Herausgebern laufen Bemühungen, auch den weit größeren Teil der Briefe noch dorthin zu vermitteln. Bamberg ist Schönleins Geburtsstadt und die Briefe dort im Original zugänglich zu machen, eine naheliegende Idee. Die Herausgeber betonen, dass den hier editierten Briefen große Bedeutung für die Schönlein-Forschung und angrenzende Gebiete zukommt, da er selbst nur wenig publiziert hat und „auch sein wissenschaftlicher Nachlass größtenteils als zerstört gelten darf“.

Wie kann ein Mediziner, der selbst nur wenig publiziert hat, berühmt werden und sich eines so großen Nachruhms erfreuen?

Die rückblickend nüchterne Einordnung Schönleins wäre: er war einer der einflussreichsten Mediziner des 19. Jahrhunderts und begründete den modernen klinischen Unterricht in Deutschland. Viel spannender lesen sich allerdings biographische Texte über ihn, in denen die Rede von begeistertem Zuspruch für seine Vorlesungen ist, aus denen man auch erfährt, dass Schönleins Schüler Mitschriften in erheblichem Umfang anfertigten – die dann auch ohne seine Autorisierung in mehreren Auflagen gedruckt und in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Schönlein hielt klinischen Unterricht am Krankenbett ab und zog angeblich Hörer aus ganz Europa an. Die Liste seiner bekannten Schüler ist lang und es wird überliefert, dass er großen Anteil an ihrer Arbeit nahm.

Was bietet das Buch seinen Leserinnen und Lesern?

Die Briefe an Schönlein sind sortiert nach drei Themengebieten: institutionelle Korrespondenz, ärztliche und private Korrespondenz. Zu den institutionellen Briefen zählen beispielsweise Berufungen auf Positionen oder Ordensverleihungen mit Begleitschreiben. Bei der ärztlichen Korrespondenz bitten Briefeschreiber entweder um ärztlichen Rat oder Konsultation für sich selbst, nahe Verwandte oder andere Schutzbefohlene. Darunter finden sich auch intimste Schilderungen von Krankheitssymptomen Angehöriger. Zur privaten Korrespondenz gehören etliche Briefe von Schönleins Vertrautem Johann Adam von Seuffert, ebenso wie eine Vielzahl an Kondolenzbriefen, die Schönlein anlässlich des frühen Todes seines Sohns Philipp erhielt. Philipp starb 22jährig bei einer Forschungsexpedition in den Libanon an einer Fieberkrankheit.

Oft wird Schönlein auch um Gefälligkeiten gebeten – ein Beispiel hierfür ist der Brief von Jakob Grimm, der Schönlein um ein günstiges Zeugnis für einen im Exil lebenden Bekannten bittet. Oder er wird des Dankes des Schreibenden versichert: „Ich wollte Ihnen, verehrtester Herr Geheimrath, vor einigen Tagen meinen Besuch machen, Sie aber waren nach Potsdam zum Könige gefahren. Ich bitte Sie nun ein paar Worte des herzlichsten Dankes anzunehmen nicht bloß für all das Gute, was Sie mir und meiner Familie erzeigt haben, auch für die theilnehmende und freundschaftliche Weise, mit der Sie es gethan haben. (...) Von Herzen der Ihrige Wilhelm Grimm“ (Berlin, 14. Januar 1842) 

Der vorliegende Band von Brinkschulte und Teichfischer bietet außerdem ein kommentiertes Gesamtverzeichnis der Briefe. Die für einen ersten Überblick sehr gut geeigneten sogenannten Regeste (kurze Zusammenfassungen des Briefinhalts) sind in Kombination mit den ebenso informativen Fußnoten im eigentlichen Briefteil ein ideales Handwerkszeug, um die Originaldokumente nicht nur verstehen, sondern auch in den passenden Kontext einordnen zu können. Manchmal gerät man sogar in Versuchung die Fußnoten als eigene Geschichte zu lesen. 

Zurück zur Eingangsfrage: Was erfährt man aus den Briefen? Hauptsächlich natürlich, was all diese Menschen in Schönlein sahen und sich von ihm erhofften – und eine Idee davon, was für eine enorme Arbeitsbelastung das hervorrief. Selbst wenn er vielleicht nicht allem davon nachkam oder nachkommen konnte. Spannend auch zu sehen, welche Auszeichnungen Schönlein verliehen bekam, er dann aber wegen politischer Anfeindungen ins Ausland nach Zürich gehen musste, später wiederkam und erneut mit offiziellen Titeln überhäuft wurde. Die Briefe an Schönlein und die vielen Informationen der Herausgeber lassen uns erkennen, was für ein mutiges und erfolgreiches, aber auch wechselvolles und arbeitsreiches Leben Schönlein geführt haben muss.

Literaturtipp

Nachdem bereits im Jahr 2014 anlässlich der Wiederkehr seines 150. Todestages die bis dahin unveröffentlichten Briefe von Schönlein ediert wurden, folgt nun die Herausgabe von insgesamt 202 bislang unbekannten Briefen an Schönlein, die größtenteils aus Privatarchiven stammen. Unter den Schreibern befinden sich etwa Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt (1769–1859), der französische Kaiser Napoleon III. (1808–1873) oder der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861), dessen Leibarzt Schönlein über einen Zeitraum von fast 20 Jahren war. Diese kritisch edierten Briefe erweitern unser Bild von Schönlein als Arzt, Hochschullehrer, Wissenschaftsförderer und Privatperson und dienen als Grundlage für die weitere Forschung.

Johann Lukas Schönlein (1793–1864): Mon chèr Monsieur Schönlein
Briefe an den Arzt, Lehrer und Vater

Philipp Teichfischer (Hrsg.) / Eva Brinkschulte (Hrsg.)


2016 - 351 S., 5 s/w Abb., 10 Faksimiles 
Gebunden - Franz Steiner Verlag - 64,00 EUR - ISBN 978-3-515-11284-0

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Quelle:

Hrsg.: Philipp Teichfischer, Eva Brinkschulte, Johann Lukas Schönlein (1793-1864): Mon chèr Monsieur Schönlein. Briefe an den Arzt, Lehrer und Vater, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2016


Stephanie Hanel, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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