30 Jahre danach 

Tschernobyl ist noch nicht vergessen

22.04.2016, 13:00 Uhr

Am 26. April 1986 explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl. In Finnland, in Polen und in der DDR wird umgehend erhöhte Radioaktivität gemessen. Die Folgen sind bis heute zu spüren - auch in Deutschland. (Foto:    eight8 / Fotolia)

Am 26. April 1986 explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl. In Finnland, in Polen und in der DDR wird umgehend erhöhte Radioaktivität gemessen. Die Folgen sind bis heute zu spüren - auch in Deutschland. (Foto: eight8 / Fotolia)


Keine Gefahr für Deutschland, hieß es noch Tage nach dem Super-Gau von Tschernobyl. Aber Regenwolken brachten radioaktiven Teilchen nach Westen. Auch heute sind die Folgen messbar,  vor allem im besonders betroffenen Bayern. Am Sonntag wird wieder demonstriert - für   die sofortige Abschaltung von Atomkraftwerk Isar 2. 

Zuerst treibt die Wolke nach Norden. An einem Atomkraftwerk in Schweden wird erhöhte Radioaktivität gemessen. Doch der Meiler läuft ohne Störung. Die Radioaktivität kommt aus dem Osten - aus dem am 26. April 1986 explodierten Kraftwerk Tschernobyl. In Finnland, in Polen und in der DDR steigen die Werte.

Politiker in Deutschland betonten unisono: keine Gefahr. Der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) sagt in der Tagesschau drei Tage nach dem Unglück, eine Gefährdung „sei absolut auszuschließen. Denn eine Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometer um den Reaktor herum.“ Und: „Wir sind 2000 Kilometer weg.“

Dann dreht der Wind. Plötzlich gibt es erhöhte Radioaktivität auch in Westdeutschland. Fußballspiele werden abgesagt, Freibäder und Spielplätze gesperrt, Sandkästen geleert, Gemüse untergepflügt. In den Supermärkten: Sturm auf Dosen. Frisches ist tabu. Wer nach Hause kommt, zieht die Schuhe aus und duscht, um keinen verseuchten Staub in die Wohnung zu tragen. Hausbesitzer laufen mit Geigerzähler durch ihre Gärten, die Messgeräte sind ausverkauft. Kinder dürfen nicht draußen spielen. Wenn es regnet, laufen die Menschen in Panik wie um ihr Leben - wegen des Fallouts, den niemand recht einschätzen kann.

(Foto: dpa)

Der bayerische Umweltminister Alfred Dick lässt Molkepulver über einen Löffel in eine Schüssel rinnen, aufgenommen bei der Pressekonferenz am 3.2. in München. Dick kritisierte dort die „masslose Hysterie der Molkepulverdiskussion“ und wies gleichzeitig alle Vorwürfe gegen die bayerischen Behörden zurück. Das Molkepulver sei keinesfalls Abfall und eigne sich trotz seiner radioaktiven Belastung zur Herstellung von Futtermitteln. Zur Demonstration brachte er einen der Molkesäcke aus Rosenheim mit, um die Ungefährlichkeit des kontaminierten Pulvers für die Arbeiter zu zeigen.

Caesium 137 mit Halbwertzeit von 30 Jahren

Bundesweit am schlimmsten trifft es Bayern, und dort wiederum Gegenden, über denen zufällig an diesen ersten Maitagen 1986 schwere Gewitter niedergehen: Landstriche in Schwaben, im Bayerischen Wald und im Süden Oberbayerns.

Auch 30 Jahre nach der Katastrophe werden dort manchmal bei Wild und Pilzen Werte um ein Vielfaches über dem Grenzwert gemessen. „Ganz krass ist es bei den Wildschweinen“, sagt Christina Hacker, Vorstandsmitglied beim Umweltinstitut München, das nach Tschernobyl als Verein gegründet wurde. Wildschweine lieben Hirschtrüffel; sie fressen Egerlinge - und die im Wald teils belastete Erde mit dazu. „In allen sauren Böden kann sich das Caesium 137 oberflächennah halten. Deshalb gibt es die Problematik in Wäldern und Mooren.“

Caesium 137 hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Gerade einmal die Hälfte davon ist also zerfallen. Es dauere zehn Halbwertzeiten, bis in etwa der frühere Zustand wieder hergestellt sei, sagt Hacker.

In Feldern ist das radioaktive Isotop hingegen ausgespült, mehrfach untergepflügt und in tiefere Schichten gewandert. Getreide, Gemüse, Salat oder Milch und Fleisch außer Wild sind ohne erhöhte Werte.

Stichproben des Landesamtes für Umwelt weisen dennoch bei Caesium 137 noch manchen Spitzenwert aus: Pilze aus Garmisch-Partenkirchen, gemessen am 18. Dezember 2015: Weißer Rasling 4900 Becquerel und Birkenpilz 3000 Becquerel pro Kilo. Wildschwein aus Nürnberg vom 17. September 2015: 1200 Becquerel. Oder vom 13. Mai aus dem schwäbischen Landkreis Ostallgäu: 2100 Becquerel.

Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel, nur 370 Becquerel pro Kilogramm dürfen es bei Milchprodukten und Babynahrung sein. Nahrungsmittel, deren Werte darüber liegen, dürfen nicht verkauft werden, sonst drohen Strafen. Jäger bekommen für belastetes Wild eine Entschädigung.

Demonstrativ verstrahlte Molke gegessen

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit teilt mit: „Nach einer Risikobewertung des Bundesinstitutes für Risikobewertung gehört Wildbret wegen der niedrigen Verzehrsmenge zu den Lebensmitteln mit geringer Bedeutung.“ Die Schweiz untersage die Weiterverarbeitung erst ab 1250 Becquerel. Auch das Landesamt für Umwelt entwarnt. „Die durch Tschernobyl verursachte Strahlenexposition von außen spielt heute praktisch keine Rolle mehr“, teilt eine Sprecherin mit.

Die genauen Folgen: Niemand kennt sie. Die Kindersterblichkeit sei nach Tschernobyl signifikant erhöht gewesen, sagt Hacker. Auch von mehr Schilddrüsenerkrankungen werde berichtet. Ein Zusammenhang liege nahe, sei aber nicht erwiesen. Manches, glaubt Hacker, hätte vermieden werden können, wenn es die „Beschwichtigungspolitik“ nicht gegeben hätte. “Die Behörden haben viel zu spät reagiert.“

Der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick (CSU) ärgert sich über die „masslose Hysterie der Molkepulverdiskussion“, letztlich aß er vor laufenden Kameras demonstrativ verstrahlte Molke, um die Ungefährlichkeit zu beweisen. Gewollt hat die Molke trotzdem niemand. Ein Geisterzug damit rollte lange durch Deutschland, ehe die Molke in einer eigens gebauten Anlage vernichtet wurde.

In der Folge erstarkten die Grünen. Die Anti-Atombewegung formierte sich. Doch erst 25 Jahre später führte die Atomkatastrophe von Fukushima, obwohl sie Deutschland nicht direkt traf, zum parteiübergreifenden Bekenntnis zum Atomausstieg. Der geht den Umweltorganisationen viel zu langsam. Am Sonntag forderten Demonstranten vor dem Atomkraftwerk Isar 2 die sofortige Abschaltung. Gerade der Terror verschärfe die Gefahr, sagt Hacker. „Es gab immer wieder Hinweise, dass verschiedene AKWs ausgespäht worden sind. Insofern ist es umso wichtiger, dass man sich von der Atomenergie schleunigst verabschiedet.“


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