Kossendeys Gegengewicht

Auf jeden Topf passt auch ein Deckel...

Berlin - 20.04.2016, 13:30 Uhr

Der politisch geforderte Hochpreiser-Deckel passt so gar nicht auf den Topf der Apotheker, findet Ann-Katrin Kossendey-Koch. (Foto: fotomaster / Fotolia)

Der politisch geforderte Hochpreiser-Deckel passt so gar nicht auf den Topf der Apotheker, findet Ann-Katrin Kossendey-Koch. (Foto: fotomaster / Fotolia)


Es ist zum Verzweifeln, findet Ann-Katrin Kossendey-Koch: Als Apotheker zwangsweise Mitglied in der Industrie- und Handelskammer, privat haftend für jegliches unternehmerisches Riskio – aber die kaufmännischen Entscheidungen, die soll allein die Politik bestimmen. Und die ABDA? Die schweigt – und verlangt noch Schlimmeres vom apothekerlichen Fußvolk. 

Die Nachricht des politisch geforderten Hochpreiser-Deckels schlug ein wie eine Bombe. Die ohnehin schon lächerliche 3-Prozent-Marge bei Hochpreisern soll nach Meinung von CDU und SPD gedeckelt werden, was natürlich vom GKV-Spitzenverband mit Kusshand begrüßt wurde. Der Verbandssprecher erklärte auf Nachfrage, dass heute aufgrund von einem vermehrten Verschreiben mehr Hochpreiser abgegeben würden als zum Zeitpunkt der Einführung der 3-Prozent-Marge. Dies führe dazu, dass es zu einer faktischen Umkehr der Logik der Vergütung käme, da der prozentuale Aufschlag den Fixzuschlag bei Weitem übersteige. Kann man verstehen, muss man aber nicht.

Natürlich ist der prozentuale Aufschlag ab einem gewissen Preis des Medikamentes höher als der mickrige Hungerlohn, den wir fest bekommen, es steigen aber auch das Retax-Risiko und  die Kosten der Vorfinanzierung. „Ein Kaufmann ist eine Person, die erwerbsmäßig ein Geschäft tätigt, eine Ware einkauft und weiter zum Kauf anbietet – um beim Verkauf einen finanziellen Gewinn zu erzielen.“ Soweit die Theorie bei Wikipedia. Wie kann man von uns Apothekern verlangen, Zwangsmitglied in der Industrie- und Handelskammer zu sein, uns privat für unser Unternehmen und jegliches Risiko haftbar machen und uns dann per Gesetz unsere kaufmännischen Entscheidungen vorschreiben? 

Aufschlag für Betäubungsmittel – ein trauriger Witz

Unsere Verbände hätten sich schon niemals auf die abartigen Hilfsmittel-Verträge einlassen dürfen, bei denen man unter seinem Einkaufspreis liefern soll. Wie lautete damals die standespolitische Argumentation? Wenn wir darauf nicht eingehen, macht es ein anderer und wir verlieren die Rezepte, die der betreffende Kunde vielleicht noch gehabt hätte.  

Aus Sicht der Politik ist der Margen-Deckel nachvollziehbar. Der Großhandel darf auch nur bis 37,80 Euro draufschlagen und bei den Hilfsmitteln klappt das Auspressen der Apotheken doch auch wunderbar. Never change a running system – die Politik ist der Meinung, dass wir immer noch viel zu viel verdienen. Deswegen wird ja auch ein Gutachten in Auftrag gegeben, um unser Honorar transparenter zu machen – leben wir als Kaufleute nicht definitionsgemäß von Gewinnen? Dass wir so bescheuert sind, Dienstleistungen und Waren anzubieten, bei denen wir draufzahlen, das glauben uns noch nicht mal die Politiker.  Die Herstellung von Rezepturen ist ein defizitäres Geschäft. Aber das Labor ist ja neben dem Notdienst eine unserer Säulen, warum es die inhabergeführte Apotheke noch gibt – sprach die Standesführung.  

Ein Aufschlag von 0,26 Euro auf ein Betäubungsmittel ist ein trauriger Witz, einschließlich Umsatzsteuer. Uns hier mit einer Erhöhung gönnerhaft locken, um uns die brutale Honorarkürzung bei den Hochpreisern schmackhaft machen zu wollen, ist eine Frechheit, die es sofort von unserer Standesführung aufs entschiedenste argumentativ abzulehnen gilt. 

Kippt die Preisbindung bei den rezeptpflichten Arzneimitteln? 

Man hört dazu wenig bis nichts aus dem komatösen Berlin – ja, das ist nichts Neues. Interessant ist allerdings die Maßgabe unserer Standespolitiker,  das apothekerliche Fußvolk möge sich bitte mit Kommentaren zu diesem Thema zurückhalten, um dem Ganzen keine Bedeutung beizumessen. Was sind das für hirnverbrannte Strategien? Die Große Koalition hat vorgelegt, der GKV-Spitzenverband ist aufgesprungen und wir als Betroffene machen uns unsichtbar. Selbst meine 15 Monate alte Tochter hat schon verstanden, dass, auch wenn sie die Augen zu macht, sie immer noch da ist!  

(Foto: privat)
Ann-Katrin Kossendey-Koch

Der Deckel steht im Raum, da hilft auch kein engagiertes Ignorieren, nur weil wir im Stillen meinen, dass er uns nicht passt und klappert. Und das bedeutet auch noch lange nicht, dass er uns nicht gewaltsam aufgedrückt wird.  

Es könnte ja immer schlimmer kommen, vielleicht bekommen wir ja im Herbst mehr kaufmännische Handlungsspielräume als uns lieb sind: Wenn der europäische Gerichtshof dank unser aller Freund DocMorris die Preisbindung bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln kippt, können die Krankenkassen nochmal richtig Geld bei den Apothekern abzocken. Die flächendeckende Versorgung wird dann nicht mehr durch die inhabergeführte Apotheke vor Ort geleistet, der Trend zur Zentralisierung und zur Marktaufteilung unter ein paar Big Playern wird Realität werden. 

Als Apotheker auf Jobsuche

Aber pssst, leise, was ist, wenn diese kleine Kolumne hier auch Politiker lesen sollten? Dann bringe ich die womöglich noch auf blöde Ideen, auf die sie ohne mich natürlich niemals gekommen wären. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass man mit konsequenter Aufklärung über die Ergebnisse solch weitreichender Entscheidungen im Gesundheitswesen, Politiker erreichen kann. Wenn schon Fakten geschaffen werden in der Gesundheitspolitik, dann sollen wenigstens alle Beteiligten ausreichend informiert und nicht nur durch einseitige Lobby-Märchen beeinflusst sein.  

Ob man als Apotheker durchdringt, ist ungewiss, nur es erst gar nicht zu versuchen, ist unerträglich. Sehr eindrucksvoll hat unsere Kollegin Kerstin Kemmritz aus Berlin gezeigt, dass man mit guten und sachlichen Argumenten Kritiker überzeugen kann – sogar eine Journalistin. Wenn das im Kleinen funktioniert, erschliesst sich mir nicht, warum das im Großen, mit professionellen Pressesprechern, nicht erfolgreich sein soll. 

Bitte keine Pressemeldungen über Apps, Plastiktüten und Medikationsplan mehr, sondern deutliche Worte zu unserer finanziellen Lage und unserer unklaren Zukunft.

Wo die nämlich hinführen soll, kann man bei den jüngsten Besuchen des Außendienstes der pharmazeutischen Industrie erahnen. Winterbevorratung per Direktbestellung geht bei 250 Packungen los, den Höchstrabatt von amüsanten 22 Prozent gibt es ab 900 Packungen, bei anderen Firmen sind nur um die 400 Packungen für das Erreichen irgendwelcher Rabattstufen nötig. Warum auch nicht, als kluger Kaufmann kann man sich ja auch gleich für mehrere Winter bevorraten. Oder sich als Apotheker einen neuen Job suchen.


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10 Kommentare

Kommentar

von Alexander Zeitler am 22.04.2016 um 0:22 Uhr

Hallo Frau Kollegin( die letzte?) Ist das alles nicht nur ein Witz und wie die witzfiguren. Habe kurz überlegt, mich für die Kammerversammlung zu bewerben. Inzwischen ist das in der Rundablege P. Da wär ich der einezige Witzbold. Möchte ich mit den NIchtwitzbolden Zeit zubringen? Ich weiss, ich hab manch lustige Idee. aber die wollen DIE nicht hören.
Sie verstehen?

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Danke für klare Worte!

von Silke Döhling am 21.04.2016 um 22:39 Uhr

Danke an jede/n Kollegin/en, die/der mit klaren Worten für Transparenz in diesem völlig verschobenen Bereich der Arzneimittelkosten sorgt!
Der erste Kunde, der bei uns mit einem 20.000 € Rezept über die Schwelle schwebte und dachte, ihm würden dafür die Füße geküsst, haben wir in der Arzneitaxe genau erklärt, wer welches Geld in dem Spiel bekommt. Er war fassungslos, dass wir für "unseren Obulus" dieses Finanzierungsrisiko auf uns nehmen.
Als ich sodann bei der Apothekerkammer nachfragte, ob es nicht an der Zeit sei, solche Umsätze aus der Ermittlung des Jahresumsatzes...und somit des Kammerbeitrages!!!...herauszunehmen, bekam ich ein bedauerndes Schulterzucken durch den Hörer.
In anderen Branchen würde niemand auf die Idee verfallen, einen solchen "Handel" für 3% abzuwickeln, wohlgemerkt immer mit dem Risiko eines Totalausfalls wegen eines Formfehlers. Inclusive Haftung mit Privatvermögen!!
Da kann man lange suchen, bis sich in der freien Wirtschaft dafür jemand findet!

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Gegenvorschlag

von Hummelmann am 21.04.2016 um 16:07 Uhr

Wie wäre es denn, wenn wir die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel ebenfalls bei 37,80€ deckeln würden?
Da käme eine Sparbetrag zusammen und gleichzeitig würden wir gegenüber dem unsäglichen Arzneiversand aus europäischen Nachbarländern wieder wettbewerbsfähiger werden...

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ein toller Kommentar

von Frank Zacharias am 21.04.2016 um 9:09 Uhr

Liebe Frau Kossendey-Koch,

wieder einmal toll geschrieben und den finger in die Wunde gelegt. Ich glaube, die verantwortlichen in Ministerien und Krankenkassen wissen sehr genau, was sie tun. Leider fehlt oft bei den Abgeordneten und grossen Teilen unserer Mitbürger das entsprechende Hintergrundwissen. Es ist ja auch mit normalem Menschenverstand inzwischen nicht mehr zu erklären, was wir uns alles gefallen lassen und unter welchen Rahmenbedingungen wir unserer Arbeit täglich nachgehen. Wenn wir nicht so engagiert wären, uns nicht so selbst ausbeuten würden, würde es viel düsterer aussehen. Leider befürchte ich, dass die Masse dieses erst bemerkt, wenn es uns nicht mehr gibt.
TROTZDEM werde ich meiner Arbeit gewissenhaft und mit Herz für unsere Kunden nachgehen. Denn ich glaube auch, dass man die Menschen vor Ort erreichen und von unserem Wert überzeugen kann. Sicher nicht alle, aber hoffentlich genug. Ich werde weiterhin mit den Politikern vor Ort sprechen, sie mit Informationen versorgen, damit sie sich hinterher nicht rausreden können. Ich werde weiterhin die Lokalpresse zu uns in die Apotheke einladen - gestern erst war die Reporterin für 2 Stunden hier. Sie war am ende auf jeden Fall informierter als vorher. Ob alles wirklich verstanden wurde, ich werde es lesen. Aber wenn man es nicht versucht, kann man es nicht wissen, gell??

Also uns allen in diesem Sinne einen schönen sonnigen Donnerstag. Und heute Abend geht es auf Weiterbildung!!

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Die Zeit ist reif!

von Sabine Ergezinger-Dettmeier am 20.04.2016 um 20:14 Uhr

Alles, was hier geschrieben wurde, ob in Frau Kossendeys Kolumne oder als Kommentar ist richtig und wichtig.
Die Zeit ist überreif, um eben nicht mehr still zu halten, sondern aktiv zu werden.
Uns unsichtbar zu machen wäre jetzt meines Erachtens der größte Fehler.
Und.das war auch der Fehler in der Vergangenheit, der uns in diese unsägliche Lage gebracht hat.
KollegInnen!!!
Wir müssen aktiv werden. Alle!
Und uns zusammenschließen.
Wenn wir die Gunst der Stunde verstreichen lassen, kann das fatale Folgen haben.
Genau jetzt merken in der Tat immer mehr Patienten, was wir über die Jahre hinweg von ihnen ferngehalten haben.
Auf Kosten der Gehälter der Apothekenleiter und damit indirekt selbstverständlich auch der Angestellten.
Weil wir genauso wenig gegen die Vollkaskomemtalität der Versicherten ankamen, wie gegen die den Ruf der "Goldgrube Apotheke" und der "Apothekenpreise"!
Wenn wir jetzt geschickt ansetzen und zusammenhalten, können wir es schaffen.
Die Zeit ist reif!!!

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Finanzen

von Karl Friedrich Müller am 20.04.2016 um 13:33 Uhr

- Ich habe weitgehend auf HiMi verzichtet und nicht das Gefühl, Rezepte oder Umsatz verloren zu haben. Im Gegenteil. Die Kunden haben dadurch gemerkt, wie fair sie von uns behandelt wurden. Beispiel: Ein Kunde erhält regelmäßig Tena 4 men. Die Kasse bezahlt ca 55 € pro Quartal. Bei uns Zuzahlung 8 Euro, beim Lieferanten nun 55 € pro Quartal ! Der Kunde zahlt 35 über den empfohlenen VK und das, obwohl Tena prima Rabatte gibt.
- Ich glaube auch, dass die Standesvertretung uns permanent verrät bei KK und Politik. Anders ist das Schweigen und die Forderung nach Anpassung und Schweigen unsererseits zu erklären.
- Ich verstehe nicht, was bei einer Deckelung noch "gespart" werden soll. Das ist nur Schikane - zumal der Staat sich nicht zurückhält.
- Ich denke, man sollte das Finanzgebaren der KK mal genauer ansehen, wenn denn schon gespart werden soll. Die AOK ist zur Zeit bei allen Events, vor allem Sport mit sehr viel Werbung zu sehen. Was kostet das? Ist das schon Veruntreuung von Versichertengeldern? Von dem Geld könnte wahrscheinlich locker einiges bei den Apotheken bezahlt werden. Staatsanwalt ? Untersuchungsausschuss? Interessiert keinen, gell?
Bei uns dreht man jeden Cent um. Unverständlich.

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Jeder hat eine Achillesferse..

von Christiane Patzelt am 20.04.2016 um 11:52 Uhr

..auch die Krankenkasse - auch die Politik, auch die LAVen und die ABDA!

Wenn wir nur EINMAL einen Schulterschluss hinbekämen, könnten wir es richtig knallen lassen!! Das Deutschland heute für 1-2 Tage nur mit Dienst an der Klappe - unsere Probleme wären kleiner, ich schwöre euch, wir sind kein angenehmer Gegner!! Nur MACHEN sollten wir, wenn ich alleine in Leegebruch diese Aktion starte, ist es sinnlos!
Kollegen - DIE ZEIT IST REIF WIE NIE

Was würde ein Arzt tun, wäre er in unserer Situation ( sich das Leben nehmen, denn er käme nie alleine unverschuldet in so einen Schlamassel..)? Würde er sich das gefallen lassen?
Was würde ein Pilot tun?
Was würde eine Schleckerfrau tun?

Seid ihr euch zu fein oder habt ihr keinen Arsch in der Hose?

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Wieder ein volltreffender Beitrag!

von Kerstin Kemmritz am 20.04.2016 um 11:26 Uhr

Liebe Ann-Kathrin, "schöner" und treffender kann man das traurige Thema gar nicht beschreiben. Aufklärung tut not. Und ist möglich. Danke ;-)

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Recht haben Sie!

von Konrad Mörser am 20.04.2016 um 11:04 Uhr

Nur, wieso tut unsere Standesvertretung nichts sichtbares, labert stattdesse über ATHINA, neues Berufsbild, bli, bla und blup?
Wenn es so weitergeht, braucht es bald gar keine Apotheker mehr. Im Anschluss wird das Gejammer dann natürlich groß sein.
Die Marge von 3% müsste eher auf 4% erhöht werden!

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Wieso tut unsere

von Andreas Dömling am 20.04.2016 um 11:50 Uhr

Standesvertretung nix!? Ich habe den Verdacht sie hat eine Absprache mit der Politik, die ABDA hält still bis die 15 000 Apos erreicht sind und dafür kommen keine Ketten. Denn es könnte ja schlimmer kommen. Anders kann ich mir diese absolute Abwesentheit nicht erklären!

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