Grippemittel für den Pandemie-Fall

Bremens geheime Apotheke

Bremen - 19.04.2016, 09:30 Uhr

Hinter diesen Türen lagern Grippemittel im Wert von über 900.000 Euro, die Bremen zum Teil 2009 gegen die Schweinegrippe gekauft hat. (Foto: Frank Thomas Koch)

Hinter diesen Türen lagern Grippemittel im Wert von über 900.000 Euro, die Bremen zum Teil 2009 gegen die Schweinegrippe gekauft hat. (Foto: Frank Thomas Koch)


Es ist wohl einer der geheimsten Orte in Bremen. In dem gerade einmal fünf mal fünfzehn Meter großen Raum irgendwo in der Stadt werden Medikamente für den Fall einer drohenden Grippe-Pandemie gelagert. Journalistin Sabine Doll vom Weser-Kurier durfte sich einmal umsehen. 

Die Tür klemmt. Martin Götz kann den Schlüssel drehen und wenden wie er will. Die schwere Metalltür gibt keinen Millimeter nach. „Gestern ging das noch“, sagt der Abteilungsleiter der Gesundheitsbehörde. Am Ende hilft nur voller Körpereinsatz. Ein kräftiges Ziehen und Drücken, ein Stemmen und Ruckeln. Und endlich. Die Tür zum geheimen Medikamentenlager des Landes Bremen gibt nach. Kühle Luft strömt aus dem dunklen Raum. Perfekte Bedingungen für die Vorräte, die hier untergebracht sind. Wie mag es wohl aussehen in einem Vorratsraum, in dem Medikamente gegen eine tödliche Grippepandemie lagern? Katastrophenfilme beflügeln die Fantasie.

Götz tippt auf den Lichtschalter. Die Neonröhren flackern kurz, und das Licht gibt die – zugegeben – ernüchternde Antwort: Es sieht aus wie in jedem halbwegs aufgeräumten Keller. Unspektakulär. Kartons stapeln sich bis unter die Decke des gut fünf mal fünfzehn Meter großen Raums. Manche sind noch in Folie eingepackt, an einigen klebt der Lieferschein. „Expiry Date: 6/2016“ ist auf einem zu lesen. Verfallsdatum: Juni 2016. Es sind Dutzende Kartons, die nie geöffnet wurden. Weil es den Katastrophenfall nie gab und die Grippemittel – Tamiflu und Relenza heißen sie – nie zum Einsatz kamen. Bis spätestens Ende des Jahres wird bei allen die Haltbarkeit abgelaufen sein. Dann müssen die teuer eingekauften Medikamente entsorgt werden.

Angst vor einer Pandemie

Dabei sah 2009 alles ganz anders aus. „Damals ist die Schweinegrippe ausgebrochen“, sagt Götz. Weltweit machte sich die Angst breit, dass sie sich als längst überfällige und tödliche Grippepandemie entpuppen könnte. „Der Nationale Pandemieplan für Deutschland sah für diesen Fall vor, dass die Bundesländer die Grippemittel Tamiflu und Relenza als Notreserve für 20 Prozent der Bevölkerung einlagern.“ Für den Fall, dass die Versorgung über die etablierten Wege wie Großhandel und Apotheken nicht mehr möglich ist.

Auch Bremen orderte bei den großen Pharmafirmen Roche und GlaxoSmithKline: Tamiflu-Vorräte in einem Gesamtwert von 107.100 Euro und Relenza in zwei Chargen für insgesamt 773.176,32 Euro, wie aus einer kleinen Anfrage der Linken vor zwei Jahren hervorgeht. 2006 und 2007 war Relenza danach bereits zwei Mal bestellt worden, für jeweils 28.062,72 und 6333,60 Euro. Ihr Haltbarkeitsdatum ist teilweise bereits 2011 abgelaufen. Unterm Strich sind die Kartons in dem geheimen Lagerraum mehr als 900.000 Euro wert.

(Foto: Frank Thomas Koch)

2011 abgelaufen: Relenza ist neben Tamiflu eines der Antigrippemittel in dem Lager.

„Im Laufe des kommenden Jahres werden wir die abgelaufenen Mittel alle in einem Schwung entsorgen“, sagt Götz. „Das bisherige Lager wird dann aufgelöst und ein kleinerer Raum angemietet.“ Entsorgt werden auch Kartons, in denen sich Medizinprodukte wie Schutzmasken für das Gesicht oder Einwegspritzen und -kanülen befinden. Auch von ihnen hat ein großer Teil das Verfallsdatum längst überschritten.

Götz zeigt auf mehrere Kartons. In ihnen sind zum Beispiel sogenannte Bifurkationsnadeln verpackt. Dabei handelt es sich um spezielle Nadeln, die zur Anwendung von Pocken-Impfstoffen entwickelt wurden. „2006 wurden Impfstoff und Nadeln bestellt, weil man nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York befürchtete, dass Terroristen Anschläge mit tödlichen Viren verüben könnten. Deutschland und andere Länder haben deshalb entsprechende Vorräte eingelagert“, schildert der Abteilungsleiter. Sie werden ebenfalls nicht mit umziehen.

Auch nach Ablauf der Haltbarkeit der Grippemittel Tamiflu und Relenza, spätestens Ende dieses Jahres, muss Bremen wie alle anderen Bundesländer auf eine potenzielle Influenza-Pandemie vorbereitet sein. Das gibt der Nationale Pandemieplan weiter vor. „Allerdings“, so Götz, „stellt sich die Frage, ob es tatsächlich bei der Vereinbarung zwischen Bund und Ländern bleiben soll, dass eine Reserve für 20 Prozent der Bevölkerung angeschafft wird. Politisch ist aber noch nichts entschieden.“ Mehrere Hunderttausend Euro würde diese Quote das kleinste Bundesland erneut kosten. Nach Einschätzung des Abteilungsleiters könnte sie nach unten korrigiert werden.

(Foto: Frank Thomas Koch)

Kartons bis an die Decke: Martin Götz von der Gesundheitsbehörde in dem geheimen Lager.

Vor allem wohl auch deshalb, weil es inzwischen Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu und Relenza gibt. Die Mittel sollen die Krankheitsdauer bei einer Grippe verkürzen und die Ausbreitung des Virus unterbinden. Doch dafür seien die Medikamente nur wenig geeignet, zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler des Forschungsnetzwerks Cochrane nach der Auswertung mehrerer Studien im Jahr 2014. Zudem habe es Nebenwirkungen wie neurologische Beeinträchtigungen, Übelkeit und Erbrechen gegeben.

Auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion nach Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in der Bürgerschaft hatte der damalige Gesundheitsstaatsrat Peter Härtl betont: „Ein Ersatz der Tamiflu-Bestände im Jahr 2016 ist nach derzeitiger Sachlage wenig wahrscheinlich.“ Und: Bremen teile die kritische Einschätzung und werde sich dafür einsetzen, dass der Nationale Pandemieplan überarbeitet werde. Nach seiner Einschätzung werde in der Mehrzahl der Nordländer die kritische Haltung Bremens unterstützt.

Martin Götz schaltet das Licht in dem Medikamentenlager aus. Die Tür lässt sich ohne Schwierigkeiten absperren. Das nächste Mal, wenn sie geöffnet wird, werden wohl die ersten Kartons mit den abgelaufenen Mitteln hinausgetragen.

Hinweis: Dieser Artikel, erschienen am 16. April im Weser-Kurier, wurde uns mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt. 


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