Ranking Pharmaunternehmen

Wettlauf zwischen Novartis und Pfizer setzt sich fort

Stuttgart - 15.04.2016, 10:34 Uhr

Standort Berlin: Landet der Pharmahersteller Pfizer trotz geplatztem Allergan-Deal wieder ganz oben im Ranking der Konzerne? (Foto: Pfizer)

Standort Berlin: Landet der Pharmahersteller Pfizer trotz geplatztem Allergan-Deal wieder ganz oben im Ranking der Konzerne? (Foto: Pfizer)


Obwohl Pfizer die Übernahme des Wettbewerbers Allergan abgeblasen hat, kann sich der US-Konzern Hoffnungen machen, in diesem Jahr wieder die Spitzenposition vor Novartis als umsatzgrößter Pharmakonzern zu übernehmen. Das wirkliche Wachstum liefern Pharma- und Biotechunternehmen aus dem Mittelfeld.

Die größte Übernahme in der Pharmabranche ist ausgeblieben. Vier Monate nach der Ankündigung hat Pfizer-Boss Ian Read den geplanten 160-Milliarden-Dollar-Kauf von Allergan abgeblasen, weil neue steuerliche Regeln in den USA den Deal unattraktiver gemacht hätten. Das ist bitter für Read – nicht nur aus strategischer Sicht. Auch auf Basis des Umsatzes hätte er seinen Konzern mit Abstand wieder an die Spitze katapultieren können.

Nach einer Untersuchung des Analystenhauses Evaluate Pharma hätte der Pfizer-Allergan-Umsatz zusammengenommen im laufenden Jahr wohl 70,4 Milliarden Dollar erreicht. Der Schweizer Konkurrent Novartis wäre mit voraussichtlich 44,5 Milliarden Dollar hingegen deutlich abgeschlagen zurückgeblieben.

Doch auch ohne den Megamerger könnte Pfizer in diesem Jahr die Topposition in der Pharmawelt zurückerobern. Laut Evaluate Pharma dürfte der Pfizer-Umsatz 2016 bei 48 Milliarden Dollar liegen, während es Novartis auf voraussichtlich 44,5 Milliarden Dollar bringt. 2015 sah die Welt dagegen noch anders aus: Im abgelaufenen Jahr haben die Schweizer 49,4 Milliarden Dollar umgesetzt, während es Pfizer auf 48,9 Milliarden Dollar brachte. Ein knappes Rennen in der Spitzenliga, das seit Jahren anhält.

Größtes Wachstum bei Big Biotech

Bemerkenswerter als die schiere Größe ist ein Blick auf das Wachstum. Das, so berichtet das Handelsblatt, findet vor allem bei Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe statt. Dazu gehörten etwa die US-Biotechfirmen Gilead, Amgen, Biogen und Celgene. Sie legten 2015 auf organischer Basis mit zweistelligen Raten zu. Zu den Zugpferden zählten auch Firmen wie Abbvie, Novo Nordisk und Bayer.

Die etablierten Großkonzerne seien dagegen - mit Ausnahme der Schweizer Roche-Gruppe - durchweg langsamer als der Markt gewachsen. Der Aufwärtstrend der Branche werde daher von einer Art Umverteilung von Umsätzen und Gewinnen überlagert. So hätten die zehn Pharmakonzerne, die 2013 die Branche anführten, in den vergangenen beiden Jahren zusammen rund 20 Milliarden Dollar Umsatz und zwölf Milliarden Dollar an Ertrag eingebüßt.

In derselben Zeit aber habe alleine der Biotech-Aufsteiger Gilead seine Erlöse um 20 Milliarden Dollar und sein operatives Ergebnis um rund 18 Milliarden Dollar verbessert. Das zur Jahrtausendwende noch völlig unscheinbare Unternehmen sei inzwischen nach Umsatz weltweit die Nummer sechs und Spitzenreiter in Sachen Gewinn.

Pharma weiter mit hohen Margen

Trotz dieser Verschiebungen beim Wachstum zeigt sich die Pharmabranche laut Handelsblatt weiter in solider Verfassung. Nach einer Analyse der Bilanzdaten der 30 führenden Arzneimittelhersteller verbuchten diese Unternehmen 2015 einen Arzneimittelumsatz von rund 575 Milliarden Dollar. Währungs- und Akquisitionseffekte ausgeklammert dürfte die Branche im vergangenen Jahr organisch um etwa fünf Prozent gewachsen sein – mehr als in den Vorjahren, die eher von Stagnation geprägt gewesen seien.

Die Nettogewinne legten nach dieser Berechnung in der Summe um mehr als ein Zehntel auf 140 Milliarden Dollar zu. Die Pharmabranche ist nach dem Bericht damit weiter eine der ertragsstärksten Industrien überhaupt. Allerdings seien die Unterschiede innerhalb der Branche erheblich. Die Spanne der Ebit-Margen reiche von rund sechs Prozent bei Takeda bis zu 68 Prozent bei Gilead. Während die aufstrebenden Biotech-Firmen ihre Renditen überwiegend verbessert hätten, seien die Margen bei den meisten Großkonzernen rückläufig.

Das Problem für die Konzerne besteht laut Handelsblatt darin, dass sie zwar den Output an neuen Medikamenten gesteigert haben, auf der anderen Seite aber weiter Umsätze bei Altprodukten verlieren. Hinzu kämen höhere Forschungskosten und Umstrukturierungsaufwand. 

Steigende Forschungsaufwendungen

Eine bemerkenswerte Beobachtung haben auch die Biopharma-Experten des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte gemacht. Sie stellten fest, dass die größten Pharmaunternehmen der Welt seit Jahren unter einer ständigen Erosion des „Return on Investment“ aus den Forschungsaktivitäten leiden. Deloitte hat ausgerechnet, dass die Forschungs- und Entwicklungskosten (F&E) von Big Pharma in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel gestiegen sind, während die Prognosen für die Spitzenumsätze von Produkten aus diesen F&E-Aufwendungen um 50 Prozent zurückgegangen sind.

Die Leistungsfähigkeit der Pharmaunternehmen hat dagegen das US-Analystenteam von Morningstar in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. In einer Branchenanalyse gewichten die Pharmaexperten den Wert der aktuellen Pipeline, die derzeit vermarkteten Produkte und das Risiko auslaufender Patente unter Umsatzgesichtspunkten. Bei dieser Gesamtbetrachtung liegt Sanofi an der Spitze, gefolgt von Novartis, Eli Lilly und Bristol Myers Squibb. Als einziger deutscher Konzern unter den Top Ten liegt Bayer auf Rang fünf. Branchenriese Pfizer kommt bei dieser Bewertungsmethode lediglich auf Position sechs. 


Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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