Von wegen Pharma-freundlich

Zu früh gefreut 

12.04.2016, 12:47 Uhr

Das war es dann: Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), Staatssekretär Hagen Schütte und vfa-Chef Hagen Pfundner. (Foto: BMG / Michael Gotschalk)

Das war es dann: Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), Staatssekretär Hagen Schütte und vfa-Chef Hagen Pfundner. (Foto: BMG / Michael Gotschalk)


Wenn einem gesamten Industriezweig per Koalitionsvertrag eine exklusive Dialogveranstaltung zugesichert wird, dann klingt das nach einem Sechser im Lotto. Entsprechend groß war die Freude bei der Pharmaindustrie vor Beginn des Pharmadialogs. Anderthalb Jahre später liegt eine Agenda vor und offenbart: In der zentralen Frage müssen die Hersteller eine Niederlage einstecken, meint DAZ.online-Redakteur Benjamin Rohrer.  

„Wir wollen einen ressortübergreifenden Dialog unter Beteiligung von Wissenschaft und Arzneimittelherstellern einrichten, um den Standort Deutschland für Forschung und Produktion zu stärken", heißt es auf Seite 57 des Koalitionsvertrags zwischen CDU/CSU und SPD. Heißt übersetzt: Die Pharmaindustrie erhält die einmalige Chance, der Bundesregierung mitzuteilen, wo's zwickt - ohne Beteiligung der Krankenkassen, die ja im Schnitt neun von zehn verschreibungspflichtigen Medikamenten bezahlen müssen. Und auch ohne Beteiligung der Apotheker, die mehrere Jahre studieren und drei Staatsexamen ablegen, um möglichst alle Fragen zu Arzneimitteln zu beantworten.  

Zugegeben, in einigen kleineren Fragen konnte die Pharmalobby diese Möglichkeit sicherlich gewinnbringend nutzen. Dass der rabattierte Erstattungsbetrag künftig geheim gehalten werden soll, ist ein wahr gewordener Wunsch, den die Hersteller seit Jahren auf dem Zettel haben. Dass Antibiotika in Zukunft nicht mehr in Festbetragsgruppen kommen, wenn sie wegen Resistenzen sehr wichtig für die Versorgung sind, ist ebenfalls eine gute Nachricht für die Hersteller. Wobei diese Regelung bei den wenigen neuen Antibiotika im Markt sicherlich keine große Relevanz haben wird. Gleiches gilt für die Vereinbarung, dass die Nutzenbewertungsverfahren für Kinderarzneimittel und Medikamente mit Strahlenbeteiligung in der Herstellung vereinfacht werden.

Der Schwellenwert als Maß aller Dinge

Den größten Gewinn stecken übrigens nicht die forschenden Unternehmen ein, sondern die Generika-Hersteller. Diese haben nun nicht nur mehr Zeit, sich auf die Umsetzung der Rabattverträge einzustellen. Die sechsmonatige Schonfrist dürfte auch die Konkurrenz im Markt wiederbeleben, weil auch kleinere Hersteller wieder mitmischen können.  

Für Hersteller von Originalpräparaten ging es beim Pharmadialog im Grunde genommen nur um eine Forderung: Mit aller Macht das „preisfreie“ erste Jahr bewahren, in dem der selbst festgelegte hohe Listenpreis gilt. Und in dieser Frage gehen die Hersteller als Verlierer vom Feld. Lange hatte es so ausgesehen, dass es zwischen dem BMG und der Industrie nur darum geht, eine neue Monatszahl auszuhandeln. Ob der rabattierte Erstattungsbetrag beispielsweise also ab Monat sechs oder zehn greift. Es kam aber noch schlimmer: Mit der nun festgelegten Umsatzschwelle ist es völlig egal, welchen Preis die Unternehmen im ersten Jahr verlangen. Sie wissen schon im Voraus, wie viel sie verdienen werden, bis die Karten durch die Verhandlungen mit den Kassen neu gemischt werden.  

Wie konnte es aus Sicht von Big Pharma dazu kommen?

Zwei Gründe: Die Krankenkassen haben die Zeit, die sie ja nicht mit dem Pharmadialog verbringen durften, sinnvoll genutzt. In den Medien und der gesamten Öffentlichkeit wurde eine Debatte über unfaire „Mondpreise“ losgetreten. Von Pillen, die teurer als Gold sind, war die Rede. Ein großes Entgegenkommen in Richtung Pharmaindustrie hätte sich vor diesem Hintergrund wohl kein Politiker zumuten wollen. 

Die Mondpreis-Debatte 

Zweitens endete der Pharmadialog für die Industrie auch zur falschen Zeit: Während sich Gröhe und Co. fröhlich alle paar Monate mit dem vfa trafen, verabschiedete der Bundestag ein ausgabenintensives Gesundheitsgesetz nach dem anderen. Die ersten dieser Gesetze greifen nun, die Krankenkassen beschweren sich jetzt schon über steigende Ausgaben. Die ohnehin schon steigenden Arzneimittelausgaben nun durch Pharma-Geschenke weiter zu pushen, scheint auch vor diesem Hintergrund unmöglich.  

Die einzige Hoffnung für die Industrie bleibt nun das gesetzgeberische Verfahren. Bis zum Sommer will das BMG alle vereinbarten Punkte in einem Referentenentwurf vorlegen. Danach werden sowohl die SPD-Fraktion als auch der Bundesrat daran herumfeilen dürfen. Und schon bei der Vorstellung der Ergebnisse des Pharmadialogs kündigten die Pharma-Vertreter an: „Nun beginnt das Ringen um die Höhe der Umsatzschwelle!“ 


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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